Mittwoch, 21. September 2016

Noch einmal: Der Blaue Reiter in Riehen.

aus nzz.ch, 13.9.2016, 05:30 Uhr                                                       Kandinsky, Murnau – Kohlgruberstrasse, 1908

Kandinsky, Marc und «Der Blaue Reiter» in der Fondation Beyeler
Ein Fanal der Moderne
Eine Ausstellung in der Fondation Beyeler zeigt mit einer exzellenten Auswahl von Bildern die Protagonisten der frühesten Moderne und stellt die Geschichte ihres Manifests vor.

von Maria Becker 

Die NZZ hat mir rückwirkend die Verbreitung ihrer Inhalte untersagt. Ich werde sie nach und nach von meinen Blogs löschen  Jochen Ebmeier

 Gabriele Münter, Landschaft mit Hütte im Abendrot
..  Die Zeit war reif für diesen Ton, und die Wirkung, die der Band entfalten sollte, gab den Autoren recht. Ursprünglich als Jahrbuch gedacht, wurde der von Wassily Kandinsky und Marc herausgegebene und 1912 in München erschienene Almanach ein Unikat, das prophetische Kraft besass. Er ist die bedeutendste Künstlerschrift des 20. Jahrhunderts und gilt heute als Gründungsmanifest der Moderne. Der von Kandinsky entworfene Reiter auf dem Titel war der Namensgeber. Seine Dynamik ist aufstrebend. Er wurde zum Symbol für das, was kommen würde: eine Bewegung, die die Kunst zu neuen Ufern bringen sollte.

...

Franz Marc  Liegender Hund im Schnee, 1910,


August Macke, Waltherchens Spielsachen


Kandinsky, Der blaue Berg


Schönberg, Vision


Henri Rousseau, Hühnerhof


 Kandinsky, Landschaft mit Regen


Kandinsky, Marc & Der Blaue Reiter. Fondation Beyeler, Riehen. Bis 22. Januar 2017.

Franz Marc, Kochel am See




Samstag, 17. September 2016

Was ist Spiel?


Petra Giegerich 
Kommunikation und Presse
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

15.09.2016 11:48 

3. Mainzer Symposium der Sozial- und Kulturwissenschaften findet vom 29. September bis 1. Oktober auf dem Uni-Campus statt

Das Forschungszentrum Sozial- und Kulturwissenschaften Mainz (SoCuM) veranstaltet vom 29. September bis 1. Oktober 2016 das 3. Mainzer Symposium der Sozial- und Kulturwissenschaften. Die Veranstaltung wird von der Arbeitsgruppe Performance and Media Studies ausgerichtet und trägt den Titel „Spiele spielen“. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen sozial- und kulturtheoretischen Disziplinen wie der Theater- und Filmwissenschaft, der Medienwissenschaft, Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft, der Soziologie oder Philosophie beschäftigen sich bei dem dreitägigen Symposium mit dem Spielbegriff an sich, jedoch auch mit den Ausprägungen des Phänomens im Theater sowie in Computer- oder Gesellschaftsspielen.

Gerade zwischen Spielen einerseits und sozialen oder kulturellen Aufführungen andererseits fällt eine enge Verbindung auf, wobei der Zusammenhang in der deutschen Sprache besonders hervorsticht: Nicht nur das Theater, sondern auch Aufführungen alltäglicher sozialer und/oder kultureller Provenienz werden als „Schau-Spiele“ bezeichnet. Zugleich lassen sich Spielphänomene nicht einer einzigen Disziplin zuordnen. Der Spielbegriff scheint darum auch geeignet, kulturgeschichtliche Entwicklungen, soziale wie kulturelle Aufführungen und mediale Situationen auf eine Weise zu untersuchen, die sowohl für kultur- wie für sozialwissenschaftliche Fragestellungen von Bedeutung ist.

Vor diesem Hintergrund möchte das Symposium „Spiele spielen" eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem Spiel anregen. Es sollen Ansätze vorgestellt werden, die sich wie die klassischen Spieltheorien systematisch mit Spielphänomenen und deren Ästhetik befassen, weiterhin sollen ästhetische Spielmetaphern thematisiert und die Verwendung des Spiels als Modell für soziale/kulturelle Situationen und historische Entwicklungen diskutiert werden.

Das Symposium beginnt am Donnerstag, 29. September, um 14:00 Uhr mit der Begrüßung der Teilnehmer im Audi min/max, Alte Mensa, Johann-Joachim-Becher-Weg 5, Campus der Universität Mainz. Außerdem findet im Rahmen des Symposiums die diesjährige Georg Forster Lecture des Forschungsschwerpunktes SoCuM statt. Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht von der Stanford University geht auf die Frage „Ob Tiere spielen können?“ ein. Der öffentliche Vortrag beginnt am Freitag, 30. September, um 18:00 Uhr ebenfalls in der Alten Mensa, Johann-Joachim-Becher-Weg 5, Uni-Campus.

Kontakt und weitere Informationen:
Dr. Stefanie Husel
Wissenschaftliche Koordinatorin
Forschungszentrum Sozial- und Kulturwissenschaften (SoCuM)
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
55099 Mainz
Tel. +49 6131 39-24858
Fax +49 6131 39-24020
E-Mail: husel@uni-mainz.de
http://www.socum.uni-mainz.de/personen/stefanie-husel-m-a/

Dienstag, 13. September 2016

Schöner Schein: Barock in Mannheim.

Schloss Mannheim                                                                                                                                                                        Foto Theo Stadtmüller

Barock – Nur schöner Schein? 
11.09.2016 - 19.02.2017
Reiss-Engelhorn-Museen – Museum Zeughaus, Mannheim
Anhand von rund 300 herausragenden Exponaten präsentiert die Ausstellung den Barock als europäisches Phänomen, schlägt aber stets auch eine Brücke nach Mannheim und in die Region

Die Sonderausstellung „Barock – Nur schöner Schein?“ beweist, dass das Zeitalter weit mehr zu bieten hat als Puder, Pomp und Dekadenz. Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen stellen in der kulturhistorischen Schau die Epoche erstmals in ihrer ganzen Vielschichtigkeit vor und hinterfragen gängige Klischees.
Himmelsglobus, Jodocus Hondius, 1601

Die Jahre zwischen 1580 und ca. 1770 waren eine Zeit voller Widersprüche: Neben üppigen „Rubensweibern“ gab es ein klassisch-antikes Schönheitsideal und religiöser Wunderglaube stand wissenschaftlicher Rationalität gegenüber. Während die einen rauschende Feste feierten, litten andere an den katastrophalen Folgen verheerender Kriege. Bisher widmeten sich Barock-Ausstellungen einzelnen Künstlern und Genres, regionalen Kulturlandschaften oder spezifischen Phänomenen. Die Mannheimer Präsentation verfolgt einen umfassenderen Ansatz und vereint erstmals Kunst, Wissenschaft, Literatur, Musik, Geschichte, Religion und Alltag zu einem Kaleidoskop der Barockzeit. 

Rubens, Bildnis einer lesenden Frau 

Im Barock herrschte Aufbruchsstimmung. Zahlreiche Entwicklungen und Neuerungen bereiteten den Weg zur Aufklärung und bildeten das Fundament der heutigen Gesellschaft. Bahnbrechende Erfindungen wie das Fernrohr, mit dem Galilei die Gestirne erforschte, oder das Mikroskop, mit dem van Leeuwenhoek die Bakterien entdeckte, stammen aus dieser Zeit. 


Die immer gewagteren Reisen der Händler und Missionare veränderten die Weltsicht nachhaltig, unbekannte Länder wurden erobert, Exotisches gelangte nach Europa. Sechs Themenkomplexe machen die faszinierende Barockepoche greifbar. Unter den Überschriften „Raum“, „Körper“, „Wissen“, „Ordnung“, „Glaube“ und „Zeit“ stellt die Sonderausstellung die wichtigsten Charakteristika des Zeitalters vor. 
Afrika

Anhand von rund 300 herausragenden Exponaten präsentiert die Ausstellung den Barock als europäisches Phänomen, schlägt aber stets auch eine Brücke nach Mannheim und in die Region. Den historischen Originalen werden an ausgewählten Stellen Arbeiten zeitgenössischer Künstler gegenübergestellt, die sich mit dem Barock auseinandergesetzt haben. Mit der Schau setzen die Reiss-Engelhorn-Museen ihre langjährige enge Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Museum Wien fort. Zahlreiche hochkarätige Gemälde kommen aus der österreichischen Metropole nach Mannheim, darunter Werke von Rembrandt, van Dyck und Gentileschi. Auch weitere namhafte europäische Museen und Sammlungen unterstützen das Projekt durch Leihgaben. 
van Dyck, Bildnis der Gräfin Amalie, Tochter des Johann Albrecht von Solms–Braunfels

Darüber hinaus sind Schätze aus den reichen Beständen der Reiss-Engelhorn-Museen zu bewundern. Die Barockstadt Mannheim bietet den idealen Ort für diese umfassende Barock-Ausstellung. Unter den Pfälzer Kurfürsten stieg die vielfach zerstörte Festungsstadt im 18. Jahrhundert zu einer der bedeutendsten Residenzen Europas auf. Noch heute zeugen das Mannheimer Schloss oder die Jesuitenkirche von dieser Glanzzeit. In der gesamten Region ist das barocke Erbe spürbar: streng gezirkelte Städte, prächtige Kirchenbauten, herrschaftliche Gartenanlagen und monumentale Residenzen prägen das Oberrheintal von Mainz über Mannheim, Karlsruhe und Bruchsal bis Rastatt und Baden-Baden.

Schwetzinger Schloss

Die Barockregion 


Anlässlich der Ausstellung „Barock – Nur schöner Schein?“ haben die Reiss-Engelhorn-Museen das kulturtouristische Netzwerk „Barockregion“ ins Leben gerufen. Insgesamt beteiligen sich daran 41 Orte aus fünf Bundesländern – Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen, Saarland und Bayern. Die „Barockregion“ bietet ausgewählte Reiseanlässe zu barockzeitlichen Sehenswürdigkeiten und Denkmälern. Im Ausstellungsjahr 2016/2017 wird das Angebot durch mehr als 250 Veranstaltungen ergänzt: spezielle Stadtführungen, Konzerte, Vorträge, Feste und Ausstellungen sorgen an historischen Originalschauplätzen für besondere Kulturerlebnisse rund um das barocke Zeitalter. Die Termine sind online unter www.barock2016.de abrufbar. Die Broschüre „Barockregion“ stellt die einzelnen Orte und ihre Angebote vor, die sich sowohl an Individualtouristen wie auch an Gruppenreisende richten. Die Broschüre kann auf der Ausstellungswebsite aufgerufen und bestellt werden.  


Quelle: Pressetext 

Weilburg a. d. Lahn
aus deutschlandfunk, 9. 9. 2016

Barockausstellung in Mannheim
Mehr als schöner Schein
Der Barock war nicht nur Puder, Pomp und Dekadenz, sondern auch eine Zeit des Aufbruchs. Die Reiss-Engelhorn-Museen blicken mit der Ausstellung "Barock - Nur schöner Schein?" auf die Vielfalt der Erfindungen und Entdeckungen dieser Zeit zurück - von Wissenschaft über Religion, bis hin zur bildenden Kunst.

Von Christian Gampert

Das ist natürlich ein genialer Schachzug: das Barock-Klischee herbeizitieren, es dann kritisieren und dekonstruieren – und es dann doch ein klitzekleines bisschen bedienen und ausleben. Die Mannheimer Ausstellung will nicht gerade durch Prüderie auffallen; sie bedient durchaus unsere Schaulust, vor allem durch exquisite Leihgaben aus dem Kunsthistorischen Museum Wien, von Rembrandt bis Gentileschi. 
Orazio Gentileschi, Die büßende Maria Magdalena

Aber sie weitet den Blickwinkel ins Kulturwissenschaftliche und macht dem Besucher klar, dass all die Vorurteile, die mit barocken Üppigkeiten hantieren, mit Pracht, Luxus und Dekadenz, mit Symmetrie und Herrschaft, Theatralik und übersteigerten Affekten, dass die nur einen Teil der Epoche beschreiben, zumeist Kunst und Architektur; dass vieles andere aber dabei unter den Tisch fällt, das nun in Mannheim ins Licht gestellt werden soll – die Fortschritte der Naturwissenschaft vor allem, Handel und Welteroberung, Hunger und Not, Frömmigkeit und Religionskriege.

Auseinandersetzung zwischen Glaube und Wissenschaft

Die Ausstellung erzählt in sechs Kapiteln, die als Raster auch für jede andere Epoche brauchbar wären: Raum, Körper, Wissen, Glaube, Ordnung, Zeit. Aus den niederen Ständen selbst ist kaum Realien erhalten, also muss von Armut und Dreißigjährigem Krieg dann doch wieder durch Bilder, Graphiken und Bücher erzählt werden. 
Ein Flugblatt gegen Luther, den Papst und Calvin.

Neben den voluminösen Rubens-Leibern gab es durchaus auch ein an der Antike orientiertes Schönheitsideal; eine Rokoko-Schnürbrust als Body-Shaping ließ zudem wenig Raum für dralle Formen. Auch nehmen die geometrisierten Barockgärten des Absolutismus im Grunde schon die Rationalität der Aufklärung vorweg. Und all die Globen, Karten und naturwissenschaftlichen Geräte haben rein gar nichts von Taumel, Kitsch und Welttheater.
Schwetzingen, Schlossgarten 

Grundkonflikt der frühen Neuzeit ist die Auseinandersetzung zwischen Katholizismus und Protestantismus und, noch schärfer, zwischen Glaube und Wissenschaft. Ein Objekt, das das sehr schön illustriert, ist das von dem Jesuiten Christoph Schreiner entwickelte Heliotrop, mit dem Schreiner die Sonnenflecken entdeckte. Kuratorin Uta Coburger:
Galileo, Sidereus Nuncius (Mondansichten) Frankfurt am Main, 1610

"Er hat sich darüber auch mit Galilei auseinandergesetzt, die beiden haben sich sogar gestritten in ihrem Briefwechsel, wer der erste war, der die Flecken entdeckt hat, und dann hat irgendwann der Jesuitenorden dem Herrn Schreiner seine Entdeckung verboten – weil sie gesagt haben, die Sonne ist ein Sinnbild Mariens, und Maria hat keine Flecken."

Auf den Spuren der Anatomie

Aber auch die Erforschung der menschlichen Anatomie hatte hintersinnigerweise eigentlich den Gottesbeweis zum Ziel. Christus war Mensch geworden, also versuchte man, den Schöpfer über die Anatomie besser zu verstehen…
Die Entdeckung des Blutkreislaufs: Exercitatio Anatomica De Motv Cordis Et Sangvinis in Animalibvs, von William Harvey, 1628 

"Eins der ungewöhnlichsten Objekte der Ausstellung, das noch nie ausgeliehen war von dem Leihgeber in Ingolstadt, ist ein Kruzifix aus Wachs mit einer Bauchklappe. Man kann dem Christus den Bauch aufklappen, und dann sieht man anatomisch genau sein Inneres, sein Gedärm".
Dies hier ist aber eine Christa.

Das sind Skurrilitäten, die man mit dem Barockbegriff nicht unbedingt verbindet. Oder dies: die Angst vor Wasser, die Angst vor Ansteckungen war allgegenwärtig: man puderte sich lieber. Ein Autodidakt, der Holländer Antoni van Leeuwenhoek, entdeckte im menschlichen Speichel dann die Bakterien – mit einem selbstgeschliffenen Mikroskop, einer winzigen Linse, die aber eine 130fache Vergrößerung bot.
Leeuwenhoeks Mikroskop

Lassen wir die Höhepunkte der Schau beiseite, Rembrandt, Rubens, van Dyck, Gentileschi. Konzentrieren wir uns auf den Widerspruch zwischen Geist und Glauben, Wissenschaft und Frömmigkeit – wer so durch die Ausstellung geht, der wird reich beschenkt. Heutige Künstler spinnen als Zugabe barocke Stilleben ins Videozeitalter fort und lassen in Zeitlupe Granatäpfel explodieren – die Vergänglichkeit ist ein Thema der religiös aufgeladenen Gegenwart. Und ein bisschen barocke Demut kann auch heute nicht schaden: verschon uns, Gott, mit Strafen/und laß uns ruhig schlafen/ und unsern kranken Nachbarn auch.
Rembrandt, Der Apostel Paulus, 1633

Nota. - Die Ausstellung unterscheidet nicht zwischen Barock und Rokkoko. Das wäre aber richtig gewesen. Zwar ist das Rokkoko stilistisch 'nur' eine mildere Spätform des Barock, aber eine genauer abgegrenzte als es z. B. Romanik und Gotik sind: Der Stichtag ist das Aufkommen des Rocaille-Ornaments, dem der neue Stil seinen Namen verdankt. Geistesgeschichtlich markiert er zugleich den Übergang einer Epoche, obskurantistische Schwärmerei und militanter Rationalismus recht unfriedlich nebeneinander existierten, zur Epoche von Aufklärung und Empfindsamkeit. Ihr roter Faden sind Absolutismus und Geometrie. Darum zum Schluss ein Kunstwerk, das in Mannheim erstaunlicherweise fehlt:
Frans Hals, René Descartes





Sonntag, 11. September 2016

Die Uffizien zu Gast in Salzburg.

aus Die Presse, Wien, 12. 8. 2016                                                                          Rubens, Bildnis seiner Tochter

Alte Meister auf Sommerfrische
In Linz und Salzburg sind zwei großartige kunsthistorische Ausstellungen über Menschen und ihre Repräsentation zu sehen: Medici-Porträts aus den Uffizien sowie Götter, Heilige, Sterbliche aus der Sammlung Liechtenstein.

Von Almuth Spiegler

Es ist ja nicht so, dass man jeden Tag die Meisterwerke aus der liechtensteinischen Sammlung sehen kann, seit 2012 jedenfalls nicht mehr. Seit damals ist der Besucherbetrieb im Wiener Gartenpalais stark eingeschränkt, zweimal pro Monat, nur nach Voranmeldung, gibt es Führungen. Jetzt durften einige der Schätze sozusagen in die Sommerfrische, nach Salzburg, in die alte Residenzgalerie, eingegliedert in das neue Domquartier. Hier hat Johann Kräftner, Kurator der Fürstlichen Sammlung, eine opulente Überblicksausstellung zum Thema „Menschenbilder Götterwelten“ gehängt, also quer durch das kunsthistorische Gemüsebeet. Mit einem diffizilen theoretischen Überbau ist man hier nicht konfrontiert. Mit der Repräsentation der Repräsentation kann man sich aber zumindest selbst eine Metaebene schaffen.


Cristofano Allori Judith mit dem Haupt des Holofernes 1613

In prächtigem Rahmen (der ehemaligen Erzbischofsresidenz) und in prächtigen Rahmen (die Liechtenstein-Sammlung legt Wert auf originalgetreue Rahmung) kann man in zehn Räumen rund 70 Gemälde abschreiten, unter denen sich nicht nur Highlights der Liechtenstein-Sammlung befinden. Sondern auch Leihgaben der anderen Partner des losen Konglomerats der Private Art Collections, der Fürstlich Schwarzenberg'schen Kunststiftung, der Hohenbuchau Collection sowie der Residenzgalerie Salzburg selbst und der Gemäldegalerie der Wiener Akademie der bildenden Künste.


Rubens, Die drei Grazien

Rubens-Orgie der nackten Leiber

Das Ganze ist chronologisch geordnet und beginnt mit noch recht züchtigen Andachtsbildern aus der Renaissance, um dann immer körperlicher zu werden und schließlich im großen Saal in einer Rubens-Orgie zu kulminieren, in der die wuchtigen nackten Leiber sich nur so durch die Bilddiagonalen schieben. Von Christi Leichnam zu Ganymed zum Raub der Sabinerinnen. 


Rubens, Ganymed

Mit Hendrick Bloemaerts seltsam biederen Samson und Delilah schwenkt die Ausstellung in das Sterbliche, zu Frans Hals' dunklem Porträt eines alten Mannes, das vom KHM an die Rothschild-Erben restituiert wurde. Und in das Bürgerliche, zu auffällig vielen entzückenden Kinderporträts. Geendet wird mit einem reizenden Kabinett voller Biedermeier-Porträts, zum Teil neu erworben wie die Rückenansicht eines Mädchens im Spielzimmer, „Das erste Konzert“ von Josef Danhauser und Josef Amerlings „Junges Mädchen“, das träumerisch seinen Kopf auf den Arm bettet.


Quentin Massys, Die Steuereintreiber (oder Die Geldverleiher)


Der Sprung von hier zu den dramatisch inszenierten Bronzen aus der Liechtenstein-Sammlung im Nordoratorium des Doms ist heftig. Aber auch ein perfektes Sprungbrett nach Linz, wo eine Medici-Ausstellung aus den Florentiner Uffizien gastiert, die man gern auch in Wien gesehen hätte. Aber ist ja nicht so weit. Jedenfalls war das Faible von Fürst Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein für antike Skulptur derart ausgeprägt, dass er um 1700 den Bronzebildhauer Massimiliano Soldani-Benzi mit Kopien aus der Sammlung der Medici, die in den Uffizien untergebracht war, beauftragte.


Soldani-Benzi, Bacchus nach Michelangelo

Diese hatte Francesco I. de' Medici in den 1570er-Jahren zur Kunstgalerie umbauen lassen. Er war verheiratet mit der unglücklichen Johanna von Österreich, die er 1565 in dem teuersten, zwei Monate lang dauernden Hochzeitsfest der Renaissance ehelichte. Aber nie lieben lernte, sie starb nach acht Geburten 1578 im Kindbett. Um die Zeit von ihr und ihrer Nachnachfolgerin als toskanische Herzogin, ebenfalls eine habsburgische Erzherzogin, die feministisch-bigotte Maria Magdalena, dreht sich die wirklich prächtig inszenierte Schau im dunklen Bauch des Linzer Schlossbergs mit rund 80 Leihgaben aus den Uffizien.

Die Fürstin als Maria Magdalena

Beginnen wir am Ende, mit den Bildern, die die Frau von Cosimo II. de' Medici, besagte Maria Magdalena, gesammelt hat. Sie hatte sichtbar eine Närrin an ihrer Namenspatronin gefressen, ließ sich von Malern selbst in der Rolle der Heiligen Büßerin porträtieren. Oder kaufte eine Maria Magdalena mit den Zügen der Malerin, Artemisia Gentileschi. Nach dem Tod des Gatten kämpfte Maria Magdalena um ihre Anerkennung als Regentin, dafür ließ sie die Villa Poggio Imperiale zum Palast umbauen und ihn mit Fresken mit Taten historischer Heldinnen ausstatten. Lucrezia etwa. Nur lasziv oder nackt durften sie nicht sein.


 Giovanni Bizzelli, Johanna von Österreich 

Mit der Moral hatte es der Gatte ihrer unglücklichen Vorfahrin nicht so, Francesco I. blieb zwar treu, allerdings nicht seiner Ehefrau, sondern seiner Geliebten Bianca, die er nach dem Tod von Johanna auch heiratete. Man sieht Johanna, die Schwester des Kaisers Maximilian II., als steifes Porträt von Giovanni Bizzelli 1586 mit dem blassen Söhnchen an ihrer Seite, der im Alter von fünf gestorben ist. Eine traurige Geschichte. Das wie eine Collage entstandene Dreierporträt von Maria Magdalena mit ihrem Ehemann in der Mitte und Sohn Ferdinando II., ebenfalls einem weisen Regenten, ist das Gegenstück dazu. Eine tolle Geschichte. Eine tolle Ausstellung.

„Menschenbilder und Götterwelten“, bis 16. 10., Domquartier Salzburg; 
Österreichische Erzherzoginnen am Hof der Medici, bis 4. September, Schlossmuseum Linz.


van Dyck, Der hl. Hieronymus

Freitag, 9. September 2016

Nochmal Capability Brown.

Lilleshall
Zum 300. von Capability Brown
Der ewige Gärtner
Englands grünster Daumen: Vor dreihundert Jahren wurde Lancelot „Capability“ Brown geboren, der berühmte Gartenplaner und Landschaftsarchitekt. Zwei Neuerscheinungen ergründen das Geheimnis seines Erfolgs

von Hannes Hintermeier 

Er wird gern als Englands größter Beitrag zur Kunstgeschichte gefeiert – der Landschaftsgarten des achtzehnten Jahrhunderts. Begehbare Gemälde sollten diese Parks sein, zunächst nachempfunden den Ideallandschaften von Malern wie Claude Lorrain und Nicolas Poussin. Sanft, dabei stets überraschend wechselnde Blickachsen, niemals geometrisch, immer die Natur nachahmend und optimierend, mit künstlichen Flussläufen, Weihern und Gräben, überspannt von Brücken. Baumsolitäre auf weitläufigen, sanft gewölbten Rasenflächen, gekieste Auffahrten zu den Herrenhäusern. Von dort sollte der Blick schweifen, idealiter abwärts zu einem See, hügelan zu einem Tempelchen, ein schwebendes Wechselspiel zwischen gebauter Architektur und umgeplanter Landschaft.

Weltmeister in dieser Disziplin war Lancelot Brown, genannt „Capability“, weil er zu Fuß oder zu Pferd die Fähigkeit, das Potential der zu gestaltenden Landschaft erkundete. Er kam nicht aus dem Nichts, sondern operierte auf den Schultern von Riesen wie Charles Bridgeman, William Kent und Sir John Vanbrugh. Am Ende war der Sohn eines wohlhabenden Farmers aus Northumberland nicht nur eine Ikone der Parkgestaltung, sondern ein Gesamtkunstwerker, der Häuser, Parks, Gärten, Interieurs plante und baute. Drei Jahrzehnte lang dominierte er die Szene, von den 1750er Jahren an bis zu seinem Tod im Jahr 1783. Sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt, getauft wurde er vor dreihundert Jahren, am 30. August 1716.
Hampton Court Gardens

„Master Gardener“ in Hampton Court

Aktuell schreibt ihm die Forschung an die 270 realisierte Projekte zu, die meisten davon in den Grafschaften rund um die englische Hauptstadt. Nach Lehr- und Wanderjahren lässt er sich 1749 in Hammersmith nieder, schon 1764 ernennt ihn der König zum „Master Gardener“ in Hampton Court. Am Ende hat er sich ein stattliches Vermögen erwirtschaftet, begraben liegt er in Fenstanton nahe Cambridge. So berühmt war er da schon, dass manche Zeitgenossen behaupteten, er hätte ihren Park gestaltet, obwohl er das Anwesen niemals betreten hatte. Und selbst dort, wo er tätig war, wurde sein Einfluss oft stark übertrieben: Landschafts- und Gartenplanung begann nämlich selten bei null, häufig wurde schlicht erweitert oder neu geordnet.

Vielleicht gilt das auch für das heute berühmteste Herrenhaus, das in beiden Büchern keine Erwähnung findet, Highclere Castle in Berkshire, einem Millionenpublikum als „Downton Abbey“ bekannt. Gleichwohl reklamieren die Nachfahren des ersten Earl of Carnarvon, der Park sei nach Plänen von Capability Brown gestaltet worden. Anyway.
Highclere Castle

Das englischsprachige Schrifttum zu dieser Epoche der Gartengeschichte ist umfangreich. Die Gartenhistorikerin Sarah Rutherford hat nun für den National Trust, der achtzehn Brown-Parks verwaltet, einen informativen, reich bebilderten Band vorgelegt, der für Einsteiger völlig ausreichend ist. Akademischer, aber ebenfalls großzügig illustriert gehen David Brown (Cambridge) und Tom Williamson (University of East Anglia) in „Lancelot Brown und the Capability Men“ vor, knapp sechshundertfünfzig Fußnoten und ein umfangreiches Literaturverzeichnis legen davon Zeugnis ab.

Geld aus dem Handel mit den Kolonien

Sie ordnen zunächst die Figur in deren Zeitläufte ein – da ist zum einen das beginnende Bevölkerungswachstum und der Weg Englands zur ersten Industrienation der Welt, was sich zuallererst dem riesigen Kohlevorrat verdankt. Hinzu kommt eine lange Phase relativer politischer Machtbalance zwischen Whigs und Tories. Erstere, Vorläufer der Liberalen, gelten als pragmatisch, tolerant und geschäftstüchtig, Letztere als konservativ, den traditionellen Werten, der anglikanischen Staatskirche und der Monarchie verpflichtet. Politisch wurde die Revolution der Gartenkunst deswegen oft auf Seiten der Whigs verortet: Wo die Tories ans Eingemachte dachten, wenn sie von ihrem Grundbesitz sprachen, ist für die Whigs Landschaft zunächst eine Verfügungsmasse, die man zu Geld machen kann.

Blenheim Palace Gardens

Und Geld kam in diesen Jahrzehnten in großen Mengen aus dem Handel mit den Kolonien ins Königreich, Vermögen wurden gemacht, und in deren Windschatten reisten auch Bäume, die importiert wurden – Weymouth-Kiefer, Trompetenbaum, Trauerweide, Gingko, Schwarzpappel, Rot-Ahorn. Für Hecken griff Brown auf Koniferen zurück, für die Parks verwendete er in der Hauptsache Esskastanie, Ulme, Eiche, Buche und Linde. Anders als Sarah Rutherford lassen Brown und Williamson aber den üblicherweise als „ikonisch“ eingestuften Baum aus Browns Repertoire – die Libanon-Zeder – links liegen. Dabei sind es heute gerade diese Baumriesen, die nach zweihundertfünfzig Jahren von der Weitsicht der „Capability Men“ zeugen. 

Zäune waren tabu


Bei aller Aufbruchstimmung: London hatte um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts eine halbe Million Einwohner, der Rest des Landes war aus heutiger Sicht extrem ländlich geprägt. Gleichwohl galt es den gehobene Schichten als „Must“ einen Landsitz zu haben, und der sollte modern aussehen. Das hieß im Falle Browns: Schluss mit Geometrie, stattdessen der Natur zum Verwechseln ähnlich. Das Anwesen rahmende Terrassierungen oder Stützmauern wurden geschleift, der Übergang zur Landschaft sollte fließend wirken, Zäune waren tabu, sogenannte Ha-Has, v-förmige tief eingeschnittene Gräben, sperrten Tiere aus und garantierten freien Blick.



Ha-Ha, Melford Hall, Suffolk

Brown selbst verglich seine Kunst einmal mit der Komposition des Schriftstellers. Auch er setze Zeichen wie Punkte und Kommata, eine Unterbrechung des Ausblicks ähnle dem Gedankenstrich und so fort. Im Zentrum steht stets das Haupthaus, Nebengebäude wie Ställe, Küchen, Geräteschuppen, die Brown ebenso entwarf, wurden sorgsam hinter Hecken versteckt. Die markantesten Setzungen bei der Umgestaltung des Geländes waren die künstlichen Gewässer, die Brown in einem Land anlegte, das weitgehend frei von Seen ist – womit also ein erheblicher technischer wie finanzieller Aufwand an Kanalisation, Ab- und Überläufen verbunden war. Die Gewässer sollten schließlich weder verlanden noch überlaufen



Croome Park   

Symbole des Wohlstands und des Reichtums

Brown habe in gewisser Hinsicht „Erdskulpturen“ geschaffen, Landschaften, die im Zweifelsfall keine Rücksicht auf die vorhandene Topographie nahmen, diese am Ende auslöschten, um sie durch eine neue zu ersetzen. Dass die neuen Parks primär der Erholung der besseren Kreise und erst in einem zweiten Schritt auch als land- und forstwirtschaftliche Geldquelle dienten, so weit ist sich die Forschung heute einig. Inwieweit die Parks auch zu Jagdzwecken entworfen beziehungsweise genutzt wurden, ist strittig.

Fest steht, dass Bäume und Gärten damals zu Symbolen für Wohlstand und Einfluss heranwuchsen: Wer es sich leisten konnte, Tausende von Bäumen aus Baumschulen anliefern und pflanzen zu lassen, musste sich über seine Statusfragen wenig Gedanken machen. Wie gut der umtriebige und selbstbewusste Geschäftsmann Brown an diesem Statussymbol verdiente, zeigen seine Geschäftsbücher, die auch Einblick in die Organisationstruktur seiner vielen Subunternehmer geben.



 Alton Towers Gardens

Die politische Aussage der Parks ist, unorganisch gesprochen, die Zementierung von Herrschaft und Besitz, auch wenn manche Lords und Ladies gelegentlich ihre Parks der Öffentlichkeit zugänglich machten. „Der Landschaftspark diente dazu, die Armen auszuschließen“, bilanzieren Brown und Williamson. Schönere zynische Mauern wurde nie erfunden. Lancelot Brown war in diesem Wir-da-oben-Spiel eine zentrale Figur, seinem Genius aber die Alleinverantwortung für die schöne neue Gartenwelt zuzuschreiben, versagen sich die Autoren.

Wechselvoller Nachruhm


Am Ende ist der blinde Fleck des Buches ausgerechnet die Praxis. Man muss ja nicht gleich über Geld reden, aber doch bleiben Fragen ungestellt, die auch heutige Gartenliebhaber umtreiben: Welche und wie viele Arbeiter waren vonnöten, um solche Erdarbeiten zu bewältigen? Gab es technische Hilfsmittel jenseits von Schaufel, Rechen und Pickel? Wie viele Gärtner hat es gebraucht, um allein die Kieswege frei von Unkraut zu halten?

Benheim Gardens

Die Nachwelt meinte es zunächst nicht gut mit Lancelot „Capability“ Brown. Im neunzehnten Jahrhundert galt er wenig bis nichts, heute sieht das wieder anders aus, aber nun kommt sein Werk unter einen ganz anderen Druck, denn viele der von ihm gepflanzten Bäume sind bereits tot, andere erreichen derzeit ihren letzten Lebensabschnitt. Sein Werk droht zu verrotten: Das Leben ist kurz, die Kunst lang, die Gartenkunst liegt irgendwo dazwischen.

David Brown and TomWilliamson: „Lancelot Brown and the Capability Men“. Landscape Revolution in Eighteenth-century England. Reaktion Books, London 2016. 352 S., Abb., geb., 42,50 €.

Sarah Rutherford: „Capability Brown“. And his Landscape Gardens.
National Trust, Swindon 2016. 192 S., Abb., 23,50 €.

Hannes Hintermeier ist Redakteur im Feuilleton der FAZ, zuständig für „Neue Sachbücher“.
Essex Gardens

aus FAZ, 28.08.2016   




Donnerstag, 8. September 2016

Zum 300. Geburtstag von Capability Brown.

aus nzz.ch, 8.9.2016, 05:30 Uhr                                                                                 Lancelot "Capability" Brown, Stourhead Garden

Britische Gartenkunst
Ein Vorgeschmack auf das Paradies
Zu Recht ist England berühmt für seine Gartenkultur, die mit hoher Kunst den Eindruck vollkommener Natürlichkeit erwecken will. Ein sommerlicher Streifzug durch Gärten und Epochen lohnt sich immer.

Die NZZ hat mir rückwirkend die Verbreitung ihrer Inhalte untersagt. Ich werde sie nach und nach von meinen Blogs löschen 
Jochen Ebmeier

...Vorbild war im 18. Jahrhundert vor allem die Malerei: Ein Garten galt als gut entworfen, wenn er aussah wie gemalt. «Alle Gärtnerei ist Landschaftsmalerei», erklärte 1734 der Dichter Alexander Pope, ein erbitterter Feind symmetrischer Buchsbaum-Parterres im französischen Stil. Auf das der Wechselwirkung von Landschaftsbild und Landschaftsgarten innewohnende Paradox – die Natur sollte die Kunst nachahmen, die zuvor die Natur nachahmte – wies der Maler Joshua Reynolds in einer Akademierede vom 11. Dezember 1786 hin; er hielt wenig von einer solchen Überlagerung artifizieller Systeme. ...

Lancelot "Capability" Brown, Sheffield Park



Blenheim Palace in der Grafschaft Oxfordshire wartet mit einer besonders reichen Palette auf. Vom Italienischen Garten über Rosen- und 
Lavendelgarten bis zum «Geheimen Garten» und dem Labyrinth reicht das Spektrum. 




Der Garten von Sissinghurst Castle war die gemeinsame Passion von Vita Sackville-West und ihrem Gatten Harold Nicholson.  


Was ihm das Meer zuspielte, verwendete Derek Jarman zur Ausgestaltung des Gartens, den er in seinen letzten Lebensjahren in Dungeness anlegte.