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Samstag, 5. Oktober 2013

Das Ästhetische entsteht als Gegensatz zum Ökonomischen.

Thomas Max Müller, pixelio.de                                                                                                                          aus Über Ästhetik, Rohentwurf, 8.

Das Ästhetische (‚Schöne’) ist der Gegensatz zum Ökonomischen (‚Nützlichen’); d. h. es entwickelt sich als ein solcher. Es ist aber nicht der „bestimmte“ Gegensatz, sondern es ist vielmehr der Gegensatz des Unbestimmten zum Bestimmten; des zu-nichts-Brauchbaren gegen das, womit sich ‚was anfangen läßt’. Ein dynamischer Gegensatz. Nämlich nur in dem Maß, da das Bestimmte, bzw. das Noch-zu-Bestimmende im wirklichen Erleben (historisch) einen Vorrang erhält (nämlich in der Geschichte der Arbeitsgesellschaft) vor „all dem Andern“, wird aus der ‚bloßen’ Differenz der beiden eine spezifische; wird aus der Masse des (ökonomisch) Indifferenten, ‚Zwecklosen’, dasjenige Zwecklose ‚auserlesen’, das (ironisch!) so scheint, als ob es dennoch „einen Zweck hat“ - als dessen counterfeit, Konterfei, Parodie. Polemisch wird das Ästhetische erst, wenn und weil das Ökonomische Überhand nahm. Das Ästhetische ist „das polemisch Nicht-Positive“. Anders: das Bestimmt-Unbestimmte (Adorno). Das prägnant-Unbestimmte. ‚Bestimmt’ ist etwas durch die Eigenschaft, die es mir bei der Verfolgung meiner Zwecke ‚zeigt’; nämlich der Grad, in dem es sie fördert oder hindert. ‚Vollkommen bestimmt’ ist Etwas dann, wenn es im (idealen) System aller möglichen Zwecke immer wieder nur auf ein und dieselbe Weise ‚begegnet’ - nicht nur meistens; ab und zu; mal so mal so... In einer schon weitgehend auf die ‚normalen’ Zwecke hin ausgelegten Welt haben alle ‚normalen’ Dinge ihren Platz. Die Welt selbst ist zweckmäßig eingerichtet, und ipso facto sind die Dinge, die in ihr vorkommen, bestimmt - und bestimmen ihrerseit die ‚Welt’: „Wechselbestimmung“ findet statt immer nur unter der Prämisse der Zwecke als des allgemeinen Tertium - dies das Wahre am Pragmatismus. Aber es ist ein historisch Wahres; bloß! Es ist das Wahre der bürgerlichen Gesellschaftsform. In ihr ist das Bestimmte das Normale; nämlich das Gewöhnliche. Triviale. Selbstverständliche. Und daher Langweilige. Noch langweiliger ist höchstens der indifferente Stoff, der erst der Bestimmung harrt: das Noch-nicht-Bestimmte, das womöglich noch nicht einmal ‚zur Bestimmung bestimmt’ ist. Sobald es zur Bestimmung vorgesehen ist - vorbereitet zum Eingang in den Arbeitsprozeß -, gewinnt es Relief: als Hindernis = Negative Bestimmung. Praktische Umbestimmung = Arbeit; Produktion. „Ent“bestimmung durch Verzehr; Konsum. Folgt: Mangel. Mangel an diesem ist: bestimmter Mangel; Mangel bestimmt durch ‚dieses’. Bürgerlicher Alltag. Banalität des Geschäfts. 

Andreas Hermsdorf, pixelio.de

Dem gegenüber bietet das Unbestimmte-weil-nicht-Bestimmbare, das Zur-Bestimmung-nicht-Bestimmbare Prägnanz. „Sensation“. Die Sensation ist das Ästhetische: Was das eine auf Griechisch, ist die andre in Latein. Die Frage ist, ob die Sensation hält; vorhält; hält, was sie verspricht... Denn nur, was die Erwartung der Bestimmbarkeit weckt, kann dieselbe enttäuschen und als Enttäuschung wahrgenommen werden. (Was gar nicht erst so aussieht, als könne es zu Zwecken in ein Verhältnis treten, wird überhaupt nicht bemerkt.) Nur so ist das Unbestimmte prägnant; nämlich als unbestimmt. Allerdings wird am Ende der Arbeitsgesellschaft das Bestimmte allenthalben erwartet. Da kann jede ungestalte Kacke momentan Sensation machen. Wie der Beuys, so der Zladko. Und jede Obszönität in der Talkshow. Aber sie enttäuscht die Erwartung, denn sie ist bestimmt… als Kacke. 

Guenter Hamich, pixelio.de                 

Wäre der Gang der Geschichte der von einer verzweckten Welt in eine unverzweckte gewesen, wäre an ihrem Ende das Bestimmte das Prägnante; die Sensation; das Ästhetische. So ist es aber nicht gewesen. Historisch ist es, wie es ist. Am Anfang war das Chaos, in das ein Kosmos allmählich hineingebildet werden mußte. Den Booten, die sich der Küste bei Pästum näherten, sprang die gefügte Bestimmtheit des dorischen Tempels ins Auge: Der war die Prägnanz, die ungestalte Landschaft ringsum war Brache. (Dem Schiffsreisenden geht es, nach Stunden, Tagen eintönigen Meeres, noch heute so. Allerdings macht uns die Bucht von Neapel - mit Vesuv, Capri, Ischia - heut mehr Sensation als die Stadt.) - Übrigens ist der Gang der Vorgeschichte andersrum gegangen: Aus der Bestimmtheit des Regenwalds in die Unbestimmtheit der offenen Baumsavanne; aus der Nische in die Welt. Der gegenwärtige Übergang aus der Arbeitswelt in die [...?!] erinnert daran. Das Unbestimmte wird wieder prägnant und lockt; „Ästhetisierung der Welt“ wird das genannt...  

Poelzig, IG Farben

Nota.

Das Bild am Kopf dieses Eintrags widerspräche der Aussage des Textes, das sei ja ein Industriegerät, nicht allein bestimmt, sondern unverhohlen ausschließlich zu seinem Zweck bestimmt; und dennoch fänden wir einen ästhetischen Reiz daran...?!

Ganz falsch. Das war ein industrielles Gerät. Heute ist das nicht mehr. Heute ist es ein museales Exponat im Denkmalpark Ruhrgebiet. In den fünfziger, sechziger Jahren, als diese Dinger in Betrieb waren, haben wir gar nichts Ästhetisches an ihnen gesehen, und wir dachten, was hilft ein blauer Himmel über der Ruhr, wenn immer noch überall diese Scheußlichkeiten stehen? 

Einen ästhetischen Reiz entfalten sie - ich meine für die große Masse der Laien -, weil sie inzwischen entbestimmt sind.

Mittwoch, 22. Juli 2015

Das Ästhetische entsteht als Gegensatz zum Ökonomischen.



Thomas Max Müller, pixelio.de                                                                                                                               aus Über Ästhetik, Rohentwurf, 8.

Das Ästhetische ('Schöne') ist der Gegensatz zum Ökonomischen ('Nützlichen'); d. h. es entwickelt sich als ein solcher. Es ist aber nicht der "bestimmte" Gegensatz, sondern es ist vielmehr der Gegensatz des Unbestimmten zum Bestimmten; des zu-nichts-Brauchbaren gegen das, womit sich 'was anfangen läßt'. Ein dynamischer Gegensatz. Nämlich nur in dem Maß, da das Bestimmte, bzw. das Noch-zu-Bestimmende im wirklichen Erleben (historisch) einen Vorrang erhält (nämlich in der Geschichte der Arbeitsgesellschaft) vor "all dem Andern", wird aus der 'bloßen' Differenz der beiden eine spezifische; wird aus der Masse des (ökonomisch) Indifferenten, 'Zwecklosen', dasjenige Zwecklose 'auserlesen', das (ironisch!) so scheint, als ob es dennoch "einen Zweck hat" - als dessen counterfeit, Konterfei, Parodie. 

Polemisch wird das Ästhetische erst, wenn und weil das Ökonomische Überhand nahm. Das Ästhetische ist "das polemisch Nicht-Positive". Anders: das Bestimmt-Unbestimmte (Adorno). Das prägnant-Unbestimmte. 'Bestimmt' ist etwas durch die Eigenschaft, die es mir bei der Verfolgung meiner Zwecke 'zeigt'; nämlich der Grad, in dem es sie fördert oder hindert. 'Vollkommen bestimmt' ist Etwas dann, wenn es im (idealen) System aller möglichen Zwecke immer wieder nur auf ein und dieselbe Weise 'begegnet' - nicht nur meistens; ab und zu; mal so mal so... In einer schon weitgehend auf die 'normalen' Zwecke hin ausgelegten Welt haben alle 'normalen' Dinge ihren Platz. Die Welt selbst ist zweckmäßig eingerichtet, und ipso facto sind die Dinge, die in ihr vorkommen, bestimmt - und bestimmen ihrerseit die 'Welt': "Wechselbestimmung" findet statt immer nur unter der Prämisse der Zwecke als des allgemeinen Tertium - dies das Wahre am Pragmatismus. 

Aber es ist ein historisch Wahres; bloß! Es ist das Wahre der bürgerlichen Gesellschaftsform. In ihr ist das Bestimmte das Normale; nämlich das Gewöhnliche. Triviale. Selbstverständliche. Und daher Langweilige. Noch langweiliger ist höchstens der indifferente Stoff, der erst der Bestimmung harrt: das Noch-nicht-Bestimmte, das womöglich noch nicht einmal 'zur Bestimmung bestimmt' ist. Sobald es zur Bestimmung vorgesehen ist - vorbereitet zum Eingang in den Arbeitsprozeß -, gewinnt es Relief: als Hindernis = Negative Bestimmung. Praktische Umbestimmung = Arbeit; Produktion. "Ent"bestim- mung durch Verzehr; Konsum. Folgt: Mangel. Mangel an diesem ist: bestimmter Mangel; Mangel bestimmt durch 'dieses'. Bürgerlicher Alltag. Banalität des Geschäfts. 

Andreas Hermsdorf, pixelio.de 

Dem gegenüber bietet das Unbestimmte-weil-nicht-Bestimmbare, das Zur-Bestimmung-nicht-Bestimmbare Prägnanz. "Sensation". Die Sensation ist das Ästhetische: Was das eine auf Griechisch, ist die andre in Latein. Die Frage ist, ob die Sensation hält; vorhält; hält, was sie verspricht... Denn nur, was die Erwartung der Bestimmbarkeit weckt, kann dieselbe enttäuschen und als Enttäuschung wahrgenommen werden. (Was gar nicht erst so aussieht, als könne es zu Zwecken in ein Verhältnis treten, wird überhaupt nicht bemerkt.) Nur so ist das Unbestimmte prägnant; nämlich als unbestimmt. Allerdings wird am Ende der Arbeitsgesellschaft das Bestimmte allenthalben erwartet. Da kann jede ungestalte Kacke momentan Sensation machen. Wie der Beuys, so der Zladko. Und jede Obszönität in der Talkshow. Aber sie enttäuscht die Erwartung, denn sie ist bestimmt… als Kacke. 

Guenter Hamich, pixelio.de                  

Wäre der Gang der Geschichte der von einer verzweckten Welt in eine unverzweckte gewesen, wäre an ihrem Ende das Bestimmte das Prägnante; die Sensation; das Ästhetische. So ist es aber nicht gewesen. Historisch ist es, wie es ist. Am Anfang war das Chaos, in das ein Kosmos allmählich hineingebildet werden mußte. Den Booten, die sich der Küste bei Pästum näherten, sprang die gefügte Bestimmtheit des dorischen Tempels ins Auge: Der war die Prägnanz, die ungestalte Landschaft ringsum war Brache. (Dem Schiffsreisenden geht es, nach Stunden, Tagen eintönigen Meeres, noch heute so. Allerdings macht uns die Bucht von Neapel - mit Vesuv, Capri, Ischia - heut mehr Sensation als die Stadt.) - Übrigens ist der Gang der Vorgeschichte andersrum gegangen: Aus der Bestimmtheit des Regenwalds in die Unbestimmtheit der offenen Baumsavanne; aus der Nische in die Welt. Der gegenwärtige Übergang aus der Arbeitswelt in die [...?!] erinnert daran. Das Unbestimmte wird wieder prägnant und lockt; "Ästhetisierung der Welt" wird das genannt...  

Poelzig, IG Farben 

Nota. - Das Bild am Kopf dieses Eintrags widerspräche der Aussage des Textes, das sei ja ein Industriegerät, nicht allein bestimmt, sondern unverhohlen ausschließlich zu seinem Zweck bestimmt; und dennoch fänden wir einen ästhetischen Reiz daran...?!

Ganz falsch. Das war ein industrielles Gerät. Heute ist das nicht mehr. Heute ist es ein museales Exponat im Denkmalpark Ruhrgebiet. In den fünfziger, sechziger Jahren, als diese Dinger in Betrieb waren, haben wir gar nichts Ästhetisches an ihnen gesehen, und wir dachten, was hilft ein blauer Himmel über der Ruhr, wenn immer noch überall diese Scheußlichkeiten stehen? 

Einen ästhetischen Reiz entfalten sie - ich meine für die große Masse der Laien -, weil sie inzwischen entbestimmt sind.
JE

5. Oktober 2013

Dienstag, 13. Januar 2015

Das Ästhetische entsteht aus dem Fest.


Das Ästhetische entsteht im Fest; es ist ursprünglich die Vergeudung des Überschusses.

Wird es zwar in der Arbeitsgesellschaft zum bestimmten Gegensatz zum Ökonomischen, so war es doch schon auf der Welt vor aller Ökonomie. Solange nämlich die Überschüsse noch nicht haltbar gemacht und daher nicht verplant werden können. Sie müssen verfeiert werden, wenn sie nicht verrotten sollen. 

Das ist typisch für die Lebensweise der Jäger und Sammler. Mangel wie Überschuss lassen sich nicht vorhersehen und nicht bewirtschaften. Man muss die Feste feiern wie sie fallen. Das Ästhetische ist ein unverhoffter Luxus.

Das charakteristische Produkt des Ackerbauern ist das Korn. Es ist von sich aus (ziemlich) haltbar. Verteidigt werden muss es gegen Räuber - kleine Nagetiere und Beduinen. Man braucht außer Katzen auch spezialisierte Krieger. Die wissen schon, was sie mit den Überschüssen anfangen können.





Dienstag, 19. August 2014

Das Reinästhetische gibt es nicht.


Malevitch
 
Gottfried Semper, Über die formelle Gesetzmäßigkeit des Schmuckes und dessen Bedeutung als Kunstsymbol, [Vortrag 1856; Bln. 1987]: 

Verdienst: Entgegen der ‚reinen’, formalen Ästhetik verweist er darauf, daß im ästhetischen Erleben Bedeutungen (Schemata) wirksam sind, die selber infra-ästhetisch [hypo-, protoästhetisch] sind:
 
1. die Richtung der Massen: Schwerkraft, „Druck von oben nach unten“
2. Richtung des organischen Wachstums: „Drang von unten nach oben“
3. die (horizontale) Gerichtetheit des animalischen Lebens: „von hinten nach vorn“ 
- als Schema des Willens (!)
 
Diese drei Bedeutungen werden in den (plastischen) Formen symbolisiert. 

Als viertes Element fügt er hinzu (im Kunstwerk), daß das Ganze „sich-selbst-symbolisieren“(!!!) muß: „Inhaltsangemessenheit“ (S. 31) [ganz anderes Register] 

- In der Malerei (von der er nicht redet) kommt noch die Farbe hinzu: zunächst hell-dunkel als „Schema“ von Licht und Finsternis. Eine große dunkle Fläche über einer kleinen hellen „drückt“; aber eine große helle Fläche über einer kleinen dunklen ‚aktualisiert’ das Schema von Himmel und Boden... Im Gemälde kommen durch Linien und hell-dunkle Flächen weitere ‚Bewegungen’ hinzu, die Richtungen ‚bedeuten’... 

Es ist gut, weil er so die ästhetischen Erwägungen aus dem Bann des „Schönen“ befreit - immer so, als sei das Schöne „vor“ den Dingen „da“, in denen es allererst „erscheint“... stattdessen: das Schöne sei „die Lösung eines artistischen Problems“ (S.41)! Was sich modern so fortführen läßt: Das ästhetisch-Bedeutende muß nicht „schön“ sein; weil das artistische Problem nicht unbedingt gelöst, sondern u. U. im Kunstwerk erst als solches dargestellt werden muß. (Was aber macht ein Problem zu einem „artistischen“? Doch wieder die Ästhetik?) 

- Für die Musik ist damit nichts gewonnen. Aber es läßt sich dort fortführen. ‚Historisch’ herrscht in der Musik eine doppelte Spannung: die zwischen Lied und Tanz, und die zwischen Ausdruck und Schönheit. Beide kreuzen sich in der Spannung von Melodie und Rhythmus (=Spannung & Entspannung). Auch sie repräsentiert also „Schemata“ aus dem täglichen Leben. Aber der Witz ist: auch sie, nämlich weil und sofern sie Kunst ist, repräsentiert sie - nämlich außerhalb desselben, in einem besonderen Medium, das eben Kunst ist und nicht... Leben (=Arbeit). Kunst ist Kunst, weil und so weit sie die Bedeutungen des „wirklichen Lebens“ aus dessen „Funktionszusammenhängen“ herauslöst und für-sich symbolisiert. Je mehr sie sie herauslöst (identifiziert, verselbständigt), umso mehr ist sie Kunst; und je mehr diese Bedeutungen problematisch sind, umso moderner ist die Kunst... 

Oder - je moderner die Kunst, um so mehr wird sie die (identifizierten) Bedeutungen als problematisch darstellen. Denn die Kunst als Ganze ist selber wiederum ein Symbol - für den Sinn im Unterschied zum Sein; und je mehr man den zu „fassen“ kriegt, umso - problematischer wird er. Darum ist Kunst eo ipso ironisch. 

Malevitch

- Die Bildung der ‚Kunst’ zu einem besonderen [‚Lebensbereich’?] [‚Dimension’?] ist ein Erzeugnis der (westlichen) Moderne (Renaissance). - Indes: Die „Verselbständigung“ der Kunst ‚besteht’ in nichts anderem, als daß sie zu einem Problem wird: „Was ist überhaupt Kunst?“! 

a) Das Schöne ist die Lösung eines artistischen Problems; b) das artistische Problem: Was ist Kunst? c) Das Schöne ist die Antwort auf die Frage: Was ist Kunst. d) Das Schöne ist das, was durch Kunst entstand; Kunst ist, was Schönes schafft; das Naturschöne ist das, was so aussieht, als ob ein Künstler es erschaffen hätte... Wodurch aber wird ein Problem zu einem „artistischen“? Dadurch, daß ein Künstler es sich stellt! Nämlich die Frage: Was ist das Schöne? - Ein Existenzialist avant la lettre. Atemberaubend. - Aber in meinen Worten kann ich es so sagen: Das Schöne „ist“ nur als Problem, und wer es sich „zum Beruf macht“, ist ein Künstler.

b) Genauer besehen ist aber auch die ‚Verselbständigung’ der Kunst ‚nichts anderes’ als die Herausbildung des Künstlers zu einem besondern Phänotyp („Existenzweise“) - wiederum seit der Renaissance. Daß aber Kunst zum Problem wird, ‚setzt sich zusammen’ a) aus der ‚Verselbständigung’ des Künstlers; und b) dem Vordringen des „ästhetischen Erlebens“ auf Kosten des ökonomischen Bedürfnisses (d. h. Fortschritt der ‚Freiheit’). - Beides gehört in der „ästhetischen Theorie“ gesondert betrachtet; um sich hernach (evtl.) als „zwei Seiten derselben Medaille“ zu erweisen, nämlich ‚Wachstum und (ipso facto) Selbstüberwindung der Arbeitsgesellschaft’; Eingreifen des Überflusses ins Reich der Notwendigkeit. 

- Kunst ist die reine Form der Tätigkeit: Tätigkeit aus Freiheit.


Nachtrag. 

Ein rein Ästhetisches kann es schon darum nicht geben, weil man, um es als ein Ästhetisches anschauen zu können, das Anästhetische jederzeit danebensetzen muss. 'Es gibt' sie nur als Gegensatz - aber nur für den, der es auf eins von beiden abgesehen hat.
20. 8. 14


 

Samstag, 10. Januar 2015

Urbanität und Dichte im Städtebau des 20. Jahrhunderts.

Klassischer Städtebau modern interpretiert – das nach dem Zweiten Weltkrieg von Auguste Perret vorbildlich wiederaufgebaute Le Havre. aus nzz.ch, 10.1.2015, 05:30 Uhr               Das nach dem Zweiten Weltkrieg von Auguste Perret vorbildlich wiederaufgebaute Le Havre.

Urbanität und Dichte im Städtebau
«Städte sollen wieder Städte werden»

von Judith Leister 

Bekanntlich brach die moderne Architektur mit den traditionellen Stadtstrukturen und stellte radikale Konzepte der Stadtauflösung in den Mittelpunkt. Statt «kommunizierender» Gebäude, Strassen und Plätze dominierten nun Objekte ohne Bezug zur Umgebung. Wohn- und Geschäftsfunktion wurden entmischt; die anspruchsvolle Fassadengestaltung wich der schmucklos-reduzierten Aussenhülle. Am verheerendsten aber war die Tatsache, dass die gesamte Stadtplanung dem Diktat des Autoverkehrs untergeordnet wurde. In seinem reich bebilderten Band «Urbanität und Dichte im Städtebau des 20. Jahrhunderts» setzt der Architekturtheoretiker Wolfgang Sonne zur Gegenoffensive gegen städtebauliche Brachiallösungen, aber auch gegen suburbane Flächenstädte an. Gemäss seiner These hat es parallel zu den Avantgardisten in Europa und den USA stets auch Vertreter einer «urbanen und dichten» Bauweise gegeben, die an die Tradition der funktional durchmischten, fussläufigen und für die Bürger partizipativen Stadt anknüpfen.


Garden City by Ebenezer Howard (aus Dokumentarfilm Urbanized)

Das Buch ist nach städtebaulichen Aufgaben gegliedert und stellt zum grössten Teil verwirklichte Projekte in chronologischer Reihenfolge vor. Dabei skizziert Sonne auch den zur jeweiligen Zeit aktuellen Grossstadtdiskurs bis hin zur Stadtsoziologie und definiert Urbanität als Prozess einer «zunehmenden Ausdifferenzierung» des «positiv konnotierten Städtischen». Dazu deutet er Positionen von «Desurbanisten» wie Ebenezer Howards «Garden City» (1898), Bruno Tauts «Auflösung der Städte» (1920), Frank Lloyd Wrights «Broadacre City» (1935) oder Hans Scharouns «Stadtlandschaft» (1946) nur an; ausführlicher kommen die «Urbanisten» zu Wort. Eine etwas exzentrische, aber für Sonnes Stossrichtung charakteristische Position vertrat der britische Architekt und Stadtplaner Arthur Trystan Edwards in «Good and Bad Manners in Architecture» (1924). Seiner Ansicht nach sollten Gebäude in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen, das nicht durch «zu lautes Schreien» oder «unpassende Zwischenrufe» einzelner Häuser gestört werden dürfe.


Bruno Taut, Hufeisensiedlung

Einige Jahrzehnte später forderte der damals einflussreiche Soziologe Hans Paul Bahrdt, dass «die Städte wieder Städte werden sollen». Die moderne Stadt müsse durch «die Dialektik von Privatheit und Öffentlichkeit» stärker auf die Bedürfnisse des Städters eingehen. Diese Dialektik sieht Sonne fast idealtypisch im reformierten Wohnblock der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts verwirklicht – der nach aussen offenen Blockrandbebauung, die innen eine begrünte Ruhezone bietet. Parallel zu den um 1900 neu definierten Konzepten des Wohnens trat durch Camillo Sittes «Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen» (1889) der städtische Platz wieder in den Vordergrund. Lobend erwähnt Sonne die von Marcello Piacentini, der auch Mussolinis Leibarchitekt war, umgestalteten Plätze in Bergamo, Brescia und Turin mit ihrer Mischung aus alten und neuen Elementen, lokal angepasstem Baustil und durchgängiger Definition des Raums.


Marcello Piacentini, Genua, Piazza della Vittoria

Eine Besonderheit des britischen und amerikanischen Raums war die Civic-Art-Bewegung, die im Städtebau eine Gemeinschaftsaufgabe der Bürger mit erzieherischer Wirkung erblickte. In diesem Geist entstanden gerade in den USA grosse städtebauliche Projekte mit integrierten Wolkenkratzern wie das Rockefeller Center in New York, das in Manhattan einen grosszügigen Stadtraum für Fussgänger öffnete und mit seiner spezifischen Funktionsmischung auch über 75 Jahre nach der Eröffnung ein Publikumsmagnet ist. Dass die von Sonne behauptete Dichotomie von Avantgarde und Traditionalismus nicht ganz aufgeht, zeigt spätestens das Beispiel des nie realisierten «Palasts der Sowjets» in Moskau und der umgebenden Architektur. Die sieben Hochhäuser, die unter Stalin rings um den geplanten Palast der Sowjets ab 1947 entstanden und an die vorhandene Ring- und Radialstruktur der Stadt anknüpften, zählt Sonne zur urbanistischen Fraktion. Dabei blendet er aus, dass für den Palast der Sowjets die Christ-Erlöser-Kathedrale gesprengt wurde – was der Tabula-rasa-Logik der Avantgarden entspricht.


Boris Ioafan, Moskau, Palast der Sowjets, Entwurf

In den letzten Kapiteln behandelt Sonne den Wiederaufbau nach dem Krieg und die «Stadtreparatur» ab den 1960er Jahren. Dabei gilt ihm die weitgehend konservative Wiederherstellung Münchens als besonders gelungenes Beispiel für den Wiederaufbau im Geiste der Bautradition – im Gegensatz zur Traditionsverweigerung grosser Teile der deutschen Nachkriegsarchitekten. Gegen die Zerstörung gewachsener städtischer Strukturen in den 1960er Jahren formierte sich mit Jane Jacobs' «The Life and Death of Great American Cities» (1961),Wolf Jobst Siedlers Fotoessay «Die gemordete Stadt» (1964) und Alexander Mitscherlichs «Die Unwirtlichkeit unserer Städte» (1965) Widerstand. Leider unkritisch behandelt Sonne Rekonstruktionen der jüngsten Zeit wie den Dresdner Neumarkt oder das Dom-Römer-Projekt in Frankfurt. Sosehr man Wolfgang Sonnes Ansatz im Einzelnen folgen mag, so wenig gehen seine tendenziell ästhetisch und soziologisch getriebenen Gedanken leider auf die ökonomischen Bedingungen heutigen Bauens ein.

Wolfgang Sonne: Urbanität und Dichte im Städtebau des 20. Jahrhunderts. DOM Publishers, Berlin 2014. 360 S., 129 Fr.