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Donnerstag, 3. Dezember 2015

Manier und Kitsch sind überhaupt kein Gegensatz.

Afterglow

Reflections

River City Sunset

Storm Cloud


Long Ago And Far Away

von Maurice Shapiro


Ich habe mal geschrieben, die Manier sei die Rückseite vom Kitsch; kitschig werde Kunst, wenn sie den Beschauer in Selbstverzückung führt, in der Manier verzückt der Maler sich an sich selber. Wenn er aber wirklich gut ist, dann wählt er die Sujets für seine Manier so, dass beides drin ist. 

Sonnenuntergänge zum Beispiel. Wenn er die realistisch malte, würden Meier und Lehmann merken, dass es Kitsch ist. Dass die Manier selber kitschig ist, erkennen sie nicht, dafür haben sie sich noch nicht genügend Bilder angesehen.

(Ich nehme an, er wischt und tröpfelt Verdünner über die halbtrocknen Farben. Da bleibt der Effekt selten aus.)



Sonntag, 30. August 2015

Was spricht gegen die Manier?













Zunächst einmal: Dass es sich der Künstler leicht macht, wenn er alles derselben Behandlung unterzieht, sei ihm gegönnt. Wenn er für seine Bilder wenig kriegt, muss er viele davon malen, damit es zum Leben reicht. Schaffenskrisen kann er sich da nicht leisten. Wenn seine Manier eine gelungene ist, soll er ruhig...

Aber ästhetisch ist es fatal. Wenn ihm sein Motiv - sei es gegenständlich, sei es 'abstrakt' - keine Probleme zu lösen gibt, weil die Manier alle Klippen schon vorab umrundet hat, wird sein Bild dem Auge nichts zu bieten haben; nichts jeden- falls, was es nicht schon gesehen hat, nichts, das ihm hineinsticht. Dann bleibt das Bild - wenn seine Manier eine gelun- gene war - rein dekorativ.

A propos: Was heißt gelungen? Na, unterm Strich heißt es wohl, dass es (einem breiten Publikum oder den Connois- seurs) gefällt. Dass es "Effekt macht". Und das weckt den Verdacht, dass es ihm genau darum ging, und das nennt man, wenn es sichtbar wird, Kitsch.

Wenn es aber ein Motiv gibt, auf das seine Manier absolut nicht passen will, dann lässt er es aus. So dass nach einer Weile seine Bilder auch motivisch eintönig wirken. Langweiliger Kitsch - schlimmer geht es nicht.

Alle obigen Bilder stammen von dem zeitgenössischen amerikanischen Landschaftsmaler David Grossmann. Um seine eigene Masche zu kreieren, hat er sich ja in der Geschichte umgesehen, man erkennt einen zum Schiele radikalisierten Klimt, aber natür- lich auch C. D. Friedrich, und auch die Farben des bretonischen Gauguin schimmern manchmal hindurch, und wer mehr kennt als ich, wird sicher noch mehr finden. Eine eigene Handschrift kommt so schon zustande, aber dass sie dem Auge bisher gefehlt hätte, kann man nicht behaupten. 

Es sei aber auch hinzugefügt: Nicht nur der darf Maler werden, der willens und fähig ist, Kunstgeschichte zu schreiben. Wer Talent hat und am Malen mehr Freude findet als an anderen Beschäftigungen und sich ansonsten damit zufrieden gibt, mit einem schönen Beruf seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dem ist künstlerisch nichts vorzuwerfen - anders als manchem Neuerer, der Furore macht.




Freitag, 14. März 2014

Was spricht gegen die Manier?












Zunächst einmal: Dass es sich der Künstler leicht macht, wenn er alles derselben Behandlung unterzieht, sei ihm gegönnt. Wenn er für seine Bilder wenig kriegt, muss er viele davon malen, damit es zum Leben reicht. Schaffenskrisen kann er sich da nicht leisten. Wenn seine Manier eine gelungene ist, soll er ruhig...

Aber ästhetisch ist es fatal. Wenn ihm sein Motiv - sei es gegenständlich, sei es 'abstrakt' - keine Probleme zu lösen gibt, weil die Manier vorab schon alle Klippen umrundet hat, wird sein Bild dem Auge nichts zu bieten haben; nichts jeden- falls, was es nicht schon gesehen hat, nichts, das ihm hineinsticht. Dann bleibt das Bild - wenn seine Manier eine gelun- gene war - rein dekorativ.

A propos: Was heißt gelungen? Na, unterm Strich heißt es wohl, dass es (einem breiten Publikum oder den Connois- seurs) gefällt. Dass es "Effekt macht". Und das weckt den Verdacht, dass es ihm genau darum ging, und das nennt man, wenn es sichtbar wird, Kitsch.

Wenn es aber ein Motiv gibt, auf das seine Manier absolut nicht passen will, dann lässt er es aus. So dass nach einer Weile seine Bilder auch motivisch eintönig wirken. Langweiliger Kitsch - schlimmer geht es nicht.

Alle obigen Bilder stammen von dem zeitgenössischen amerikanischen Landschaftsmaler David Grossmann. Um seine eigene Masche zu kreieren, hat er sich ja in der Geschichte umgesehen, man erkennt einen zum Schiele radikalisierten Klimt, aber natürlich auch C. D. Friedrich, und auch die Farben von Gauguin schimmern manchmal hindurch, und wer mehr kennt als ich, wird sicher noch mehr finden. Eine eigene Handschrift kommt so schon zustande, aber dass sie dem Auge bisher gefehlt hätte, kann man nicht behaupten. 

Es sei aber auch hinzugefügt: Nicht nur der darf Maler werden, der willens und fähig ist, Kunstgeschichte zu schreiben. Wer Talent hat und am Malen mehr Freude findet, als an anderen Beschäftigungen, und sich ansonsten damit zufrieden gibt, mit einem schönen Beruf seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dem ist künstlerisch nichts vorzuwerfen - anders als manchem Neuerer, der Furore macht.





Dienstag, 8. September 2015

Die Anti-Manier.

Albert Gottschalk - Winter Landscape, Utterslev near Copenhagen [1887]  

Es stimmt zwar, kaum ein Sujet verführt so leicht zur Manier wie die Landschaft. Aber kaum ein Sujet, höchstens seitenverkehrt das Porträt, lenkt auch so energisch den Blick aufs Individuelle. Es reicht schon, immer wieder mal aufs Detail zu schauen. In gewisser Weise ist der Naturalismus die Anti-Manier. Er hält immer wieder die Tür zu Ausreißern auf.

Lucian Freud, Leigh Bowery

Aber man kann ihn so stur betreiben wie andere ihre Manier. Das heißt dann akademisch.

 Anton Hansch, Alpine Landschaft mit Wasserfall, ca. 1870

Und kommt noch ein röhrender Hirsch hinzu, sagen wir Kitsch. Fast jede Manier gerät wiederum irgendwann in seine Nähe.

8. 9. 2015


Sonntag, 20. April 2014

Die Anti-Manier.

Albert Gottschalk - Winter Landscape, Utterslev near Copenhagen [1887] 

Es stimmt zwar, kaum ein Sujet verführt so leicht zur Manier wie die Landschaft. Aber kaum ein Sujet, höchstens seitenverkehrt das Porträt, lenkt auch so energisch den Blick aufs Individuelle. Es reicht schon, immer wieder mal aufs Detail zu schauen. In gewisser Weise ist der Naturalismus die Anti-Manier. Er hält immer wieder die Tür zu Ausreißern auf.

Lucian Freud, Leigh Bowery

Aber man kann ihn so stur betreiben wie andere ihre Manier. Das heißt dann akademisch.

 Anton Hansch, Alpine Landschaft mit Wasserfall, ca. 1870

Kommt aber ein röhrender Hirsch hinzu, sagen wir Kitsch. Fast jede Manier gerät wiederum irgendwann in seine Nähe.


 

Samstag, 15. August 2015

Der kleine Schritt von der Manier zum Kitsch.

Michael Ruetz Timescape 817 aus Süddeutsche.de, 31. 7. 2014                                                                                    aus Timescape 817

Fotograf Michael Ruetz  
"Allen fehlt die Geduld"
Mehr als 20 Jahre lang hat Michael Ruetz immer wieder ein- und dasselbe Landschaftsmotiv fotografiert. In seinen Großprojekten arbeitet er ohne Eile und ohne Druck. Ein Gespräch über Innehalten, Vergänglichkeit und die Dramatik vor der Haustür. 

von Carolin Gasteiger 

Süddeutsche.de: Für "Die absolute Landschaft" haben Sie zwischen 1989 und 2012 mehr als 2000 Mal eine Aufnahme gemacht. Das Motiv ist immer dasselbe - der Blick auf eine oberbayerische Landschaft. Und doch sind die Aufnahmen überraschend facettenreich.


Michael Ruetz: Die Bilder sind eine Antithese zur emsigen Reisefotografie, wie sie viele gängige Zeitschriften oder Tourismusprospekte betreiben. Ihre Fotografen reisen unentwegt durch die Welt und meinen, dort das Dramatische zu finden. Aber auch an einem einzigen Ort, ganz gleich wo, können höchstdramatische Licht- und Himmelsphänomene auftreten, setzen Wetter, Wind und Wolken die Landschaft in Szene. Man muss dafür nicht pausenlos zwischen Alaska, Feuerland und dem Nordpol unterwegs sein.


Wir müssen also - egal wo - nur auf den richtigen Moment warten?

Warten allein nützt nichts. Es gilt, aktiv zu warten, mit höchster Aufmerksamkeit am Geschehen teilzunehmen. Wann der entscheidende Moment ist, bestimmt man selbst.



Allen fehlt die Geduld. So viel Zeit und Warten kann sich heute niemand mehr abverlangen. Was ja auch verständlich ist. Auch malende Künstler nehmen sich nicht gerade viel Zeit. Studenten an meiner Hochschule (Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Anm. d. Red.) würden am liebsten schon im dritten Semester eine eigene Ausstellung machen, anstatt sich Zeit zu lassen. Das ist heutzutage so.

  
Völlig neu ist diese Beschleunigung nicht. Als Stern-Fotograf unterlagen Sie Anfang der Siebziger selbst den Zwängen eines aktuellen Mediums. Vor 40 Jahren haben Sie gekündigt - ein Befreiungsschlag?

Ich konnte mir als Journalist einfach nicht genug Zeit für etwas nehmen. Seitdem mache ich nur noch meine eigenen Projekte, keine Auftragsfotografie mehr. Das ist zwar anstrengend, aber in der Tat sehr befreiend. Und noch besser: Ich gebe meine Souveränität nicht auf.


Ist es ein Manko der digitalen Fotografie, dass immer schneller und hektischer fotografiert wird?

Wie bei allen technischen Innovationen muss man auch bei der modernen Fotografie erst lernen, damit umzugehen. Die digitale Fotografie, wenn man sie richtig versteht und anwendet, ist letztlich ein malerisches Medium. Weil sie dem Fotografen erlaubt, was Maler tun: Farben zu verändern und Farben zu adaptieren. All das ging mit der analogen Fotografie nicht.

  
Die wenigsten gestalten ihre Fotos, versuchen eher, sie möglichst schnell zu verbreiten.

Mit den Smartphones wurden die Grenzen zwischen Amateur- und professionellen Fotografen vollständig aufgehoben. Nehmen Sie das Unglück in der Ukraine: Ich könnte mir denken, dass die ersten, die an die Absturzstelle des Flugzeugs kamen, die aufregendsten und wichtigsten Momente festhalten konnten. Und die Berufsfotografen, die dorthin gehen, kriegen nur noch das, was man ihnen zugesteht.

Michael Ruetz Timescape 817

Mal bei klarem Himmel, mal mit Gewitterwolken, dokumentiert Ruetz in Timescape 817 die Vergänglichkeit. 

Mit den Smartphones wurden auch Selfies populär, Selbstporträts, die die Subjektivität fast zur Leitkultur erheben. Ihre Art der Fotografie ist das genaue Gegenteil.

Ich sehe eben genau hin und nehme mir Zeit, meine Bilder zu machen. Andere tun das nicht. Manchmal entwickelt sich ein Geschehen erst langsam und das kriegen Sie nur mit, wenn Sie geduldig dabei bleiben. Auf diese Weise kommt man zu interessanten Bildern, die mehr als nur die Oberfläche zeigen.

  
Wollen Sie in Ihren Bildern eher die Vergänglichkeit oder die Beständigkeit der Landschaft zeigen?

Beides. Man sagt zwar, die Zeit vergeht. Aber eigentlich vergehen wir und die Zeit bleibt. Wenn wir tot sind, ist die Zeit immer noch da. Also können wir nur das Unbeständige dokumentieren.

Versuchen Sie, dieser Vergänglichkeit bewusst Ihre Bilder entgegenzusetzen? 

Das Leben ist zwar von der Einsicht des Vergänglichen bestimmt, aber immer auch vom Protest dagegen. Man versucht, der Zeit etwas Beständiges entgegenzusetzen. Wenn das dann - für uns Künstler - in einem Museum hängt, ist das tröstlich und hilft über den bitteren Gedanken an den Tod hinweg.

Michael Ruetz: Die absolute Landschaft. Bis 5. Oktober 2014Museum für Fotografie, Berlin. Im Herbst erscheint außerdem im Steidl Verlag ein Buch mit Aufnahmen des Künstlers.

 Freie Universität Berlin, 3. Juni 1967
Michael Ruetz

Als Fotoreporter für den Stern hielt Michael Ruetz aufregende Momente fest: Seine Aufnahmen der Studenten-bewegung in den Sechzigern, darunter Rudi Dutschke am Mikrofon, machten den gebürtigen Berliner bekannt. Als Ruetz aus dem schnelllebigen Geschäft ausstieg, entdeckte er die Langsamkeit für sich: In mehreren länger-fristigen Projekten widmet er sich den Themen Zeit und Vergänglichkeit - darunter fallen auch die Bilder aus seiner aktuellen Serie "Timescape 817".


Nota I.

Das ist wirklich alles sehr gut gemacht. Aber insbesondere auch: sehr gemacht. So gut es mir nach wiederholtem Ansehen immer noch gefällt: Es ist eine Manier, und irgendwann wird man sie satt haben. Nirgends sei die Versuchung zur Manier so groß wie bei der Landschaft, habe ich behauptet. Und bei keinem Medium so stark wie bei der Fotografie, schwant mir.
JE 

Nota II., 2. 8. 14: 

Noch sind keine drei Tage um, da ist es schon so weit; die Bilder sind auf meinem Blog, da sehe ich sie immer wieder, und - schon bin ich sie leid. Das überzogene Clair-obscur, die dunkel eingegrauten Farben, dasselbe Motiv, derselbe Winkel, es macht Effekt, aber der ist fad. Nochmal drei Tage und ich sage, das ist Kitsch
JE  

Nota III., 15. 8. 2015:

Längst schon kann ich nicht einmal mehr verstehen, wie mir das je gefallen konnte. Richtig peinlich ist es mir aber nicht. Völlig unempfänglich für den Kitsch ist nur der Pedant; für ein paar Tage darf sich der Geschmack schonmal verirren. Und schlechter Geschmack gehört ja noch nicht zu den Todsünden (solange er für sich bleibt).
JE



 

Mittwoch, 9. September 2015

Der kleine Schritt von der Manier zum Kitsch.

Michael Ruetz Timescape 817aus Süddeutsche.de, 31. 7. 2014                                                                                    aus Timescape 817

Fotograf Michael Ruetz  
"Allen fehlt die Geduld"
Mehr als 20 Jahre lang hat Michael Ruetz immer wieder ein- und dasselbe Landschaftsmotiv fotografiert. In seinen Großprojekten arbeitet er ohne Eile und ohne Druck. Ein Gespräch über Innehalten, Vergänglichkeit und die Dramatik vor der Haustür. 

von Carolin Gasteiger 

Süddeutsche.de: Für "Die absolute Landschaft" haben Sie zwischen 1989 und 2012 mehr als 2000 Mal eine Aufnahme gemacht. Das Motiv ist immer dasselbe - der Blick auf eine oberbayerische Landschaft. Und doch sind die Aufnahmen überraschend facettenreich.


Michael Ruetz: Die Bilder sind eine Antithese zur emsigen Reisefotografie, wie sie viele gängige Zeitschriften oder Tourismusprospekte betreiben. Ihre Fotografen reisen unentwegt durch die Welt und meinen, dort das Dramatische zu finden. Aber auch an einem einzigen Ort, ganz gleich wo, können höchstdramatische Licht- und Himmelsphänomene auftreten, setzen Wetter, Wind und Wolken die Landschaft in Szene. Man muss dafür nicht pausenlos zwischen Alaska, Feuerland und dem Nordpol unterwegs sein.


Wir müssen also - egal wo - nur auf den richtigen Moment warten?

Warten allein nützt nichts. Es gilt, aktiv zu warten, mit höchster Aufmerksamkeit am Geschehen teilzunehmen. Wann der entscheidende Moment ist, bestimmt man selbst.



Allen fehlt die Geduld. So viel Zeit und Warten kann sich heute niemand mehr abverlangen. Was ja auch verständlich ist. Auch malende Künstler nehmen sich nicht gerade viel Zeit. Studenten an meiner Hochschule (Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Anm. d. Red.) würden am liebsten schon im dritten Semester eine eigene Ausstellung machen, anstatt sich Zeit zu lassen. Das ist heutzutage so.

  
Völlig neu ist diese Beschleunigung nicht. Als Stern-Fotograf unterlagen Sie Anfang der Siebziger selbst den Zwängen eines aktuellen Mediums. Vor 40 Jahren haben Sie gekündigt - ein Befreiungsschlag?

Ich konnte mir als Journalist einfach nicht genug Zeit für etwas nehmen. Seitdem mache ich nur noch meine eigenen Projekte, keine Auftragsfotografie mehr. Das ist zwar anstrengend, aber in der Tat sehr befreiend. Und noch besser: Ich gebe meine Souveränität nicht auf.


Ist es ein Manko der digitalen Fotografie, dass immer schneller und hektischer fotografiert wird?

Wie bei allen technischen Innovationen muss man auch bei der modernen Fotografie erst lernen, damit umzugehen. Die digitale Fotografie, wenn man sie richtig versteht und anwendet, ist letztlich ein malerisches Medium. Weil sie dem Fotografen erlaubt, was Maler tun: Farben zu verändern und Farben zu adaptieren. All das ging mit der analogen Fotografie nicht.

  
Die wenigsten gestalten ihre Fotos, versuchen eher, sie möglichst schnell zu verbreiten.

Mit den Smartphones wurden die Grenzen zwischen Amateur- und professionellen Fotografen vollständig aufgehoben. Nehmen Sie das Unglück in der Ukraine: Ich könnte mir denken, dass die ersten, die an die Absturzstelle des Flugzeugs kamen, die aufregendsten und wichtigsten Momente festhalten konnten. Und die Berufsfotografen, die dorthin gehen, kriegen nur noch das, was man ihnen zugesteht.

Michael Ruetz Timescape 817
Mal bei klarem Himmel, mal mit Gewitterwolken, dokumentiert Ruetz in Timescape 817 die Vergänglichkeit. 


Mit den Smartphones wurden auch Selfies populär, Selbstporträts, die die Subjektivität fast zur Leitkultur erheben. Ihre Art der Fotografie ist das genaue Gegenteil.


Ich sehe eben genau hin und nehme mir Zeit, meine Bilder zu machen. Andere tun das nicht. Manchmal entwickelt sich ein Geschehen erst langsam und das kriegen Sie nur mit, wenn Sie geduldig dabei bleiben. Auf diese Weise kommt man zu interessanten Bildern, die mehr als nur die Oberfläche zeigen.

  
Wollen Sie in Ihren Bildern eher die Vergänglichkeit oder die Beständigkeit der Landschaft zeigen?

Beides. Man sagt zwar, die Zeit vergeht. Aber eigentlich vergehen wir und die Zeit bleibt. Wenn wir tot sind, ist die Zeit immer noch da. Also können wir nur das Unbeständige dokumentieren.

Versuchen Sie, dieser Vergänglichkeit bewusst Ihre Bilder entgegenzusetzen? 

Das Leben ist zwar von der Einsicht des Vergänglichen bestimmt, aber immer auch vom Protest dagegen. Man versucht, der Zeit etwas Beständiges entgegenzusetzen. Wenn das dann - für uns Künstler - in einem Museum hängt, ist das tröstlich und hilft über den bitteren Gedanken an den Tod hinweg.

Michael Ruetz: Die absolute Landschaft. Bis 5. Oktober 2014Museum für Fotografie, Berlin. Im Herbst erscheint außerdem im Steidl Verlag ein Buch mit Aufnahmen des Künstlers.

 Freie Universität Berlin, 3. Juni 1967
Michael Ruetz

Als Fotoreporter für den Stern hielt Michael Ruetz aufregende Momente fest: Seine Aufnahmen der Studenten-bewegung in den Sechzigern, darunter Rudi Dutschke am Mikrofon, machten den gebürtigen Berliner bekannt. Als Ruetz aus dem schnelllebigen Geschäft ausstieg, entdeckte er die Langsamkeit für sich: In mehreren länger-fristigen Projekten widmet er sich den Themen Zeit und Vergänglichkeit - darunter fallen auch die Bilder aus seiner aktuellen Serie "Timescape 817".


Nota I.

Das ist wirklich alles sehr gut gemacht. Aber insbesondere auch: sehr gemacht. So gut es mir nach wiederholtem Ansehen immer noch gefällt: Es ist eine Manier, und irgendwann wird man sie satt haben. Nirgends sei die Versuchung zur Manier so groß wie bei der Landschaft, habe ich behauptet. Und bei keinem Medium so stark wie bei der Fotografie, schwant mir.
JE 

Nota II., 2. 8. 14: 

Noch sind keine drei Tage um, da ist es schon so weit; die Bilder sind auf meinem Blog, da sehe ich sie immer wieder, und - schon bin ich sie leid. Das überzogene Clair-obscur, die dunkel eingegrauten Farben, dasselbe Motiv, derselbe Winkel, es macht Effekt, aber der ist fad. Nochmal drei Tage und ich sage, das ist Kitsch
JE  

Nota III., 15. 8. 2015:

Längst schon kann ich nicht einmal mehr verstehen, wie mir das je gefallen konnte. Richtig peinlich ist es mir aber nicht. Völlig unempfänglich für den Kitsch ist nur der Pedant; für ein paar Tage darf sich der Geschmack schonmal verirren. Und schlechter Geschmack gehört ja noch nicht zu den Todsünden (solange er für sich bleibt).
JE

Sie ahnen es: Die Überschrift habe ich erst Mitte August '15 aktualisiert. JE