Montag, 21. Juli 2014

Gauguin im MoMA.

aus  Badische Zeitung, 15. 7. 2014

Begegnung im Neuland
"Gauguin. Metamorphosen": Das Buch zu einer New Yorker Ausstellung erklärt den Künstler als Experimentator. 

von Volker Bauermeister

Es ist eine Arbeit mit Bausteinen. Aber Paul Gauguin arbeitet sie um, diese bildnerischen Module, wenn er sie in immer neuen Zusammenhängen einsetzt. Und unaufhörlich wechselt er die Medien. Was man von ihm kennt, das sind vor allem die Gemälde, die seine Südseephantasien zelebrieren. Viel weniger bekannt ist der Experimentator Gauguin, der auch im technischen Verfahren das Unbekannte sucht. In Plastik und Grafik entfernt er sich weit von Europas Normen.


Tahitianerin mit bösem Geist, Durchdruckzeichnung, um 1900

Eine Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art zeigte nun neben dem Maler gerade auch diesen anderen Gauguin. Dass Malerei "bei weitem nicht Gauguins einzige ästhetische Leistung" ist (Elizabeth C. Childs), erklärt das zur MoMA-Schau erschienene Buch. Dass nicht nur der exotistische Traum allein sein Beitrag zur Kunstgeschichte ist, sondern ein äußerst eigenwilliger Formprozess – im Austausch zwischen den Medien: Graphik, Druckgraphik, Skulptur und Malerei. Gauguins "Ästhetik des Geheimnisvollen" (Starr Figura) trennt das Sujet nicht von der vermittelnden Technik. Inhalte werden mit ungewöhnlichen Bildmitteln evoziert – nicht einfach geschildert. Er suche nicht nach technischer Perfektion, sagt Gauguin. Im Unperfekten bringt er Geheimnis und Rätsel zur Geltung.


Square Vase with Tahitian Gods, 1893-95

Den Text "Noa Noa", mit dem er in Frankreich nach der ersten Tahiti-Reise das Abenteuer zu erklären versucht, illustriert er (1893/94) mit einer Holzschnittfolge. Die Motive entnimmt er seinen Tahiti-Gemälden. Das Titelblatt rekurriert auf das Ölbild "Unter den Pandanussbäumen". Es taucht die idyllische Genreszene in symbolistisches Dunkel. Im Holzschnitt verbindet Gauguin die strichelnde Feinarbeit des Stechers mit dem rauen Ausdruck des leidenschaftlichen Schnitzers. Er druckt verschiedene Stadien, variiert Farbe und Farbauftrag. Ein Verschwimmen der Formen ist gewollt. Den Betrachter lädt er ein, in sein Rätsel-Tahiti einzutauchen. Eine vergleichbare Wirkung erzielen die Aquarell-Monotypien. Dazu zeichnet er mit Wasserfarbe auf eine Platte aus Glas oder Metall und klatscht sie auf Papier ab. Das Resultat: ein mysteriöser farbiger Schemen.

Maruru (Offerings of Gratitude) from the suite Noa Noa (Fragrant Scent). 1893-94.

Auch das Gemälde "Te Nave nave fenua (Das herrliche Land)", das eine skulpturengleiche tahitische Eva im Moment des Sündenfalls zeigt, wird ihm zur Vorlage eines Holzdrucks. In einem Fall verwischt er die Farbe so, dass die Gestalt sich ganz in Nebel hüllt und unendlich langsam wie aus einer unergründlichen Tiefe auftaucht. Eine Holzskulptur variiert das Motiv – und wiederum ein Aquarellumdruck.

Oviri (Savage), 1894 

Das Staunen, das er suchte

Für die Eva diente ein Foto als Vorbild, das Reliefs am Tempel im javanischen Borobudur wiedergibt. So zeigt sich in solchen Motivgeschichten die hybride Prägung Gauguin’scher Kunst wie auch ihre spielerische Dynamik. Das Bildnis der Eva verkörpert, was Gauguin fern von Europa suchte. Jenes ersehnte Andere: die erotische Attraktion. Tahiti – das ist für ihn eine Frau. Sie sieht er mit den Geistern der Dunkelheit kommunizieren. Was sie ihm noch anziehend schöner scheinen lässt.



Es ist nicht das wirkliche Tahiti, das seine Bilder wiedergeben, nicht die desaströse kolonialistische Wirklichkeit. Es ist ein Wachtraum. Das französische Dampfschiff bringt ihn gewiss nicht ans Ziel. Die Bildarbeit ist seine nicht enden wollenden Reise ins Unbekannte. In "Wohin gehst du?", dem Gemälde der Stuttgarter Staatsgalerie, ist die Frau, an die sich die Frage richtet, eine ins Geisterhafte gewendete Eva. Die selbe Körperhaltung gibt der Keramiker Gauguin einer Figur, die er "Oviri" nennt. "Oviri" ist die umgeprägte Stuttgarterin. Es ist der Geist, in dem er sich selbst als "Wilden" wiedererkennt. Sein "Oviri", sein "Wohin gehst du?", wünschte sich Gauguin als Grabfigur. Im Holzdruck kehrt diese Metapher seiner Sehnsucht wieder. 

Vase with the Figure of a Girl Bathing Under the Trees, c. 1887-88

Während Holzschnitt und Monotypien Motive vor allem recyclen, entstehen parallel zur Arbeit am Ölbild oder im Vorgriff darauf in den letzten Lebensjahren um 1900 die ganz und gar ungewöhnlichen Durchdruckzeichnungen. Gerade auch sie deuten darauf, dass sich Gauguin mit seiner "Ästhetik des Geheimnisvollen" von etwas loslöst. Dass er Bilder weniger als willentlich "gemacht" denn als eigenwirklich "geschehen" ansehen will.



Zu dem Zweck wählt er wieder einen Weg der indirekten Gestaltung: Er zeichnet auf Papier und legt ein mit Farbe bestrichenes Blatt darunter, das durch den Druck des Stiftes Farbsubstanz abgibt. Damit wird ihm die Rückseite des oberen Blattes zur bildtragenden Vorderseite. Die Linien wirken auf dem Weg der Übertragung eindrücklich schwer, rau sinnlich, unvermittelt greifbar. So sieht sie aus, die gewünschte Begegnung im Neuland! So schafft sich Gauguin, der um der Kunst willen Europa den Rücken kehrte, das Staunen, das er suchte.
 
Starr Figura: Gauguin. Metamorphosen. Mit Beiträgen u.a. von Elizabeth C. Childs, Hatje Cantz Verlag, Ostfilderrn 2014, 247 Seiten, 49,80 Euro.

Nota.

Ich sagte es schon: Er wäre besser in Europa geblieben. Die Ausstellung im MoMA zeichnet ihn aus als einen Pionier des zwanzigsten Jahrhunderts. Im einundzwanzigsten ist das nicht mehr aufregend. Da sticht eher ins Auge, dass der grobe Primitivismus so gemacht ist wie die Sachen von Hans Makart oder Aubrey Beardsley - aber etwas anderes vorgibt. Heute täte man besser daran, dem Gauguin aus Pont Aven eine Ausstellung zu widmen, da könnte mancher etwas entdecken.
JE 

 

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