Donnerstag, 22. März 2018

Ist Musik eine Sprache?

Michael Jackson File Images
  aus welt.de, 22. 3. 2018                                                             Michael Jackson bei einer Super Bowl-Aufführung.

Musik ist tatsächlich eine Sprache und wird im Gehirn ähnlich verarbeitet
Musik wird oft als eine Art Sprache bezeichnet. Hören wir Michael Jacksons „The Way You Make Me Feel“, erkennen wir sofort, es geht um etwas Fröhliches. Doch funktioniert Musik deshalb wie Sprache? Forscher des Max-Planck-Instituts meinen: Ja! 

Von Joel Wille

Forscher der Harvard University belegen können, dass Musik tatsächlich eine Art universelle Sprache ist. Liedern weltweit, egal welcher Sprache, liege ein gemeinsamer Code zugrunde. Deshalb erkennen wir ein Liebeslied, auch wenn es aus einer völlig anderen Kultur stammt. 

Doch funktioniert Musik deshalb wie Sprache? Immerhin können wir mit Musik kein direktes Gespräch führen. 

Nehmen wir zum Beispiel das hochkomplexe Instrument Triangel. Kein Triangelspieler auf der ganzen Welt, nicht einmal der allerbeste, kann sich mit seiner Triangel direkt mitteilen. Dennoch verstehen wir sein Triangelspiel. Wie ist das möglich? 

Neuropsychologen des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften haben jetzt herausgefunden, dass Musik wie die des Triangelspieler sehr wohl etwas mit Sprache zu tun hat. Neben der emotionalen und kommunikativen Funktion hat Musik nämlich noch etwas anderes mit Sprache gemein: Sie basiert auf einem System, in dem sich Einzelelemente zu immer komplexeren hierarchisch-strukturierten Sequenzen zusammensetzen. Genauso wie unsere sprachliche Grammatik.

Wir verabreiten das Klingen des dreieckigen Stahlstabs also ähnlich wie verbale Kommunikation.

Um das Areal zu finden, das für die musikalische Struktur zuständig ist, hat der Neuropsychologe Vincent Cheung und seine Kollegen eine Untersuchung gestartet. Sie luden 20 Musiker mit mindestens sieben Jahren Erfahrung in einem Instrument ein:

Das Pianospiel war eigens komponiert worden und zwar so, dass den Musikern die Struktur dahinter garantiert nicht vertraut war.

Diese musikalische Sequenz wurde im ersten Schritt der Studie verwendet.
Diese musikalische Sequenz wurde im ersten Schritt der Studie verwendet.
Der Sinn dahinter war, den Probanden eine ganz neue musikalische Struktur beizubringen, damit ihre musikalischen Areale so richtig aktiv wurden. 

Dreieinhalb Wochen später wurden die Gehirne der Teilnehmer mithilfe der funktionellen Magnetresonanz-Tomografie (fMRT) durchleuchtet.

Dabei wurden den Probanden 144 neue Stücke vorgespielt. Manche folgten der durch das Pianostück erlernten Grammatik, andere nicht. Mit dieser neuen Grammatik im Kopf sollten die Musiker dann entscheiden, ob es sich bei einem Stück um grammatikalisch „richtige“ oder „falsche“ Abfolgen handelte.

Dabei zeigte sich in den Hirnscans: Ein Hirnareal ist aktiv, das auch bei der Sprachverarbeitung benutzt wird
.
Auf diesem Bild ist die rechte Seite mit groß "R" markiert. Rechts der Bereich für die musikalische Grammatik aktiv (rot), wenn die grammatikalischen Regeln verletzt werden. Die blauen Bereichen markieren das Arbeitsgedächtnis.
Hier siehst du das aktive IFG bei den Hirnscans.

Das Spannende: Nehmen wir Verstöße gegen unser erlerntes, sprachliches Grammatiksystem wahr, wird das sogenannte Broca-Areal in der linken Hälfte des IFG aktiv. Verletzungen der uns bekannten musikalischen Grammatik werden genau auf der anderen, der rechten Seite des IFG aktiv.

Die Wissenschaftler gehen also davon aus, dass es ein musikspezifisches Pendant zum Broca-Areal gibt.

Das belegen auch die Aussagen der Musiker, die die Grammatik der vorgespielten Musik-Stücke beschreiben sollten:

Die Ergebnisse belegen, dass unser Gehirn eine Grammatik für musikalische Strukturen hat und diese vor allem im rechten IFG verarbeitet. Diese Region erfüllt ähnliche Aufgaben wie die des Sprachzentrums - nur eben anderherum für Musik.


Nota. - Lehrt uns das mehr über Musik oder mehr über Sprache? Dass Sprachen grammatische Struktur haben, wussten wir. Dass Musik sie auch hat, ahnten wir nur. Dass Musik keine Begriffe hat, um komplexe Informationen weiterzugeben, wussten wir, und die Studie fügt dem nichts hinzu. Dass Musik eine ästhetische Qualität hat - was immer das bedeutet -, wussten wir ebenfalls. Die hat Sprache auch, "aber in minderem Grade" - wobei wiederum die Bedeutung der Wörter ('Informationsgehalt') eine Rolle spielt; wenn man nur wüsste, welche!
JE

Samstag, 17. März 2018

Windstöße.


William Turner, Trees in a Strong Breeze with Blustery Clouds um 1823

Jean-François Millet 

Camille Corot


Gustave Courbet, 1865

Vincent van Gogh, 1884

Claude Monet 1882

 Felix Vallotton, 1910

Maurice de Vlaminck, Autumnal Landscape, Jahr?

 Antônio Parreiras (Brazilian, 1860-1937), Windstoß 1888

Jean-Baptiste-Camille Corot, ‘The Gust of Wind (Le Coup de vent)’, 1871, National Gallery of Art, Washington, D.C.
Corot, 1871

A Gale By The Sea Painting by Celestial Images Corot, Windstoß an der See, 1870?

Ähnliches Foto
 Corot, 1870


Chaim Soutine, Jour de vent à Auxerre, 1934

Fernand Puigaudeau (1864-1930), Coup de vent au soleil couchant 

 Attributed to Maerten Fransz. van der Hulst, 1605-1645

Mittwoch, 14. März 2018

Musikalische Grammatik?

aus scinexx                                                                    Gerry Mulligan, Larry Bunker, Chet Baker & Lee Konitz, Hollywood Cool 1952

"Grammatikzentrum" für Musik entdeckt
Forscher entschlüsseln Verarbeitung musikalischer Strukturregeln im Gehirn

Stimmt die Struktur? Forscher haben herausgefunden, wo unser Gehirn grammatikalische Muster von Musik verarbeitet. Es handelt sich um das rechte Pendant des für die Sprachverarbeitung wichtigen Broca-Areals auf der linken Hirnseite - und wird aktiv, wenn einmal gelernte Strukturregeln von Musik verletzt werden. Damit übernimmt dieses Areal ähnliche Aufgaben wie sein Gegenüber - jedoch für Musik statt Sprache.

Musik wurde schon oft als Sprache oder zumindest eine Art von Sprache bezeichnet - und tatsächlich ist unser Hang zur Musik so tief in unserer Natur verankert, dass sie in unserem Leben mindestens eine ebenso große Bedeutung spielt wie das gesprochene Wort. Neben der emotionalen und kommunikativen Funktion hat Musik jedoch noch etwas mit Sprache gemein: Sie basiert auf einem System, in dem sich Einzelelemente wie Töne zu immer komplexeren hierarchisch strukturierten Sequenzen zusammensetzen.

Bestimmte Verknüpfungen, die solche Einzelelemente miteinander verbinden, bezeichnen Forscher als Abhängigkeiten. Dabei stellen sogenannte nicht-lokale Abhängigkeiten eine logische Verbindung zwischen zwei Elementen her, die nicht direkt nebeneinander liegen. In der Popmusik steht zum Beispiel die zweite Strophe nach dem Refrain in nicht-lokaler Abhängigkeit zur ersten Strophe.

Pendant zum Broca-Areal?

Vincent Cheung vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und seine Kollegen haben nun untersucht, wie das Gehirn solche grammatikalischen Muster von Musik verarbeitet. Für Sprache ist bereits bekannt, dass das sogenannte Broca-Areal in der linken Hälfte des Gyrus frontalis inferior (IFG) eine wichtige Rolle dabei spielt. Es wird unter anderem dann aktiv, wenn wir Verstöße gegen unser gelerntes Grammatiksystem bemerken.

Die Wissenschaftler vermuteten, dass es ein musikspezifisches Pendant zum Broca-Areal in der rechten Hirnhälfte geben könnte. Denn Studien zeigen: Hören wir zum Beispiel Akkordfolgen, die nicht mit der uns vertrauten, westlichen Harmonik übereinstimmen, wird der rechte Bereich im IFG aktiv.

Musikalischer Grammatiktest

Um dieses Phänomen genauer zu erforschen, lud das Team Musiker zum Musikhören ein. Das Besondere: Die vorgespielten Kompositionen waren speziell für wissenschaftliche Zwecke entwickelt worden und hatten wenig mit der uns vertrauten Musik zu tun. Entscheidend war dabei, dass darunter Sequenzen waren, die einer vorgegebenen musikalischen Grammatik folgten, als auch solche ohne diese Vorgaben.


Links das Broca-Areal, rechts sein Pendant: Dieser Bereich wird aktiv (rot), wenn die grammatikalischen Regeln von Musik verletzt werden. Die blauen Bereichen markieren das Arbeitsgedächtnis.
Im Experiment sollten die Probanden die von den Forschern verwendeten Strukturregeln erkennen und verinnerlichen. Mit dieser neuen Grammatik im Kopf galt es dann zu entscheiden, ob es sich bei einem Stück um grammatikalisch "richtige" oder "falsche" Abfolgen handelte. Mithilfe der funktionellen Magnetresonanz-Tomografie (fMRT) beobachteten Cheung und seine Kollegen, welche Hirnareale dabei aktiv waren.

Aktivität bei verletzten Regeln

Das Ergebnis: Tatsächlich zeigte sich der rechte Bereich des IFG bei grammatikalisch falschen Sequenzen aktiver als bei richtigen. Interessanterweise konnten die Teilnehmer umso besser einordnen, ob die Strukturregeln der Musik verletzt wurden, je stärker bei ihnen die funktionellen Verknüpfungen zwischen dieser Region und dem Arbeitsgedächtnis ausgeprägt waren.

Wie die Forscher berichten, wurde das Arbeitsgedächtnis vor allem dann aktiver, wenn die grammatikalischen Strukturen der Komposition länger und komplizierter wurden. Das könnte ihnen zufolge darauf hindeuten, dass komplizierte Grammatik verarbeitet wird, indem Informationen aus dem Arbeitsgedächtnis mit dem rechten Pendant des Broca-Areals verknüpft werden.

Mit diesen Erkenntnissen scheint nun klar: Anders als die grammatikalische Syntax von Sprache verarbeitet unser Gehirn musikalische Grammatik vor allem im rechten IFG. Diese Region erfüllt ähnliche Aufgaben wie das Sprachzentrum - jedoch für Musik. "Unsere Studie belegt die Bedeutung des rechten IFGs für die Verarbeitung nicht lokaler-Abhängigkeiten in Musik", schließt das Team. (Scientific Reports, 2018; doi: 10.1038/s41598-018-22144-9)
(Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, 14.03.2018 - DAL)

Dienstag, 13. März 2018

Einige neuere Landsschaftsbilder.

Amanda Kavanagh 


Ambera Wellmann 


Benoît Trimborn


Benoît Trimborn, Paysage d'été XVI, 2014


Casey Klahn


Chrissy Norman


Dirk Baksteen 


Kim Casebeer


Eeva Karhu


Helen Booth


David Sharpe 


Fred Cuming  


Fred Cuming  


Gayle Bard 


Curt Butler


Frank Auerbach


George Carlson 

Gerhard Richter  

Kai Savelsberg 

 Fred Cuming

Fred Cuming  
Gleb Savinov Jukki

Es gibt mehr Maler, die von ihrer Kunst zu leben versuchen, als man denkt. Und weil Landschaft immer geht, gibt es daher mehr Landschaftsmaler als man denkt. Wie gelegentlich schon erwähnt, gibt es kaum ein Sujet, das so - einerseits - zum Kitsch und - andererseits - zur Manieriertheit verführt, wie die Landschaft. Und wenn man darauf angewiesen ist, seine Sachen zu verkaufen, verfällt man leicht in - Kitsch und Manieriertheit.

Das heißt aber nicht, dass die Arrivierten, von denen Sie oben auch ein paar Stücke sehen, dagegen gefeit wären.

Doch wenn man's um beide Klippen herum schafft, ist die Landschaft zu einer Zeit, wo alles schonmal dagewesen ist, das Sujet der Wahl, bei dem man nicht altmeisterlich werden muss, weil es jede formale Freiheit erlaubt, die dem Künstler in den Fingern juckt bis hin zur völligen Abstraktion, wo man nicht mehr erkennt, was es darstellen soll. Man darf nur nicht originell sein wollen... 

Wenn man aber beide Klippen nicht umschiffen kann oder will, sieht es manchmal so aus:



Louise Balaam

15. 5. 16 

Samstag, 10. März 2018

Und sowas nennst du Rokkoko?

Jan Ekels, A writer trimming his pens, 1784

Rokkoko bezeichnet eine ganze Epoche. Der Name stammt allerdings von einem eleganten Zierat, das typisch war für ihren Geschmack - der rocaille. Ein bisschen geziert und ein bisschen schräg und vor allem graziös war zuerst die Baukunst, aber gleich damit einhergehend die Malerei.

Siehe oben? Es ist zugleich die erste Epoche, in der sich Maler nicht nur individuell, sondern regelrecht als Strömung dem herrschenden Geschmack widersetzten, siehe oben!

Und so ist auch der karge Chardin, ist sein Gefolgsmann Liotard ein Rokkokomaler.  

In seiner Ambivalenz wurde das Rokkoko zugleich zum Wegbereiter der (deutschen?) Romantik, und das nicht nur in der Landschaftsmalerei - siehe unten: Das Bild könnte man genausogut dem Dresdner Umkreis von C. D. Friedrich zuordnen...


Es ist freilich dasselbe wie oben - nur in besserer Reproduktion.





Freitag, 9. März 2018

Wird Homo ludens den Homo faber unterkriegen?



Der Mensch sei nur da wirklich Mensch, wo er spielt, schrieb Friedrich Schiller an der Wende zum neunzehnten Jahr- hundert. Da war selbst in England die industrielle Revolution erst noch in ihren Anfängen. Und unter Spiel verstand der Dichter immerhin eine recht ernste Sache, nämlich im eminentesten Sinn die Kunst . Der Kulturhi- storiker Johan Huizinga sollte den Gedanken später in die Formel “homo ludens” fassen.
 

Zwar, schon im Mittelalter hatte es geheißen: “ora et labora”, aber das war nur für die Mönchsorden gedacht. Für den einfachen Mann war Feiern und Faulenzen eine völlig ehrbare Sache. Mit all seinen Heiligenfesten neben dreiundfünfzig Sonntagen hatte das katholische Jahr mehr Feierabende als Werktage. Erst nach Schillers Tod, und in Deutschland erst eine Generation danach, sollte das radikal anders werden. “Arbeit ist der Sinn des Lebens” und “Wer nix arbeitet, soll auch nix essen” lautet die imperative Moral des industriellen Zeitalters. Des Menschen Leben findet seine Bestimmung als Anhängsel zur Maschine. Homo faber als Arbeitnehmer. 
 
Zweihundert Jahre nach Schiller hören wir allenthalben: Die Industriegesellschaft geht zu Ende, und mit ihr all ihre moralischen und kulturellen Maßstäbe. Zwar wird noch immer viel Geld verdient, und noch immer in höchst ungleicher Verteilung. Doch mit den Performances der Unterhaltungskunst wird schon ebenso viel Umsatz gemacht wie mit der Montage von Autos. Und es wird noch mehr! Die IT-Branche ist und bleibt der gewaltige Wachstumssektor, und sein Schrittmacher ist die Unterhaltungselektronik. Was wird uns in der Zukunft die Arbeit als Sinn und Zweck der Welt ersetzen? “Das Wissen”? Wessen Wissen, und wovon? Oder gar “die Medien” selber?
Wir wissen nur so viel: Das emsige Nach-Machen, das geduldige Vervielfältigen, das Re-Produzieren wird es nicht länger sein. Erfinden, Entwerfen, Projizieren wird in ungeahntem Ausmaß die wirtschaftlichen Aktivitäten bestimmen – sofern man sie denn “wirtschaftlich” überhaupt noch nennen kann. Also doch eher ein Spiel? Wird Homo ludens den Homo faber besiegen?
 
Arbeit und Spiel und Kunst

Arbeit und Spiel unterscheiden sich nicht in technologischer, nicht in ‚ergonomischer’ Hinsicht. Ist Arbeit das, was Mühe -, und Spiel das, was Spaß macht? Je tiefer das Kind im Spiel versinkt und ‚sich vergisst’, umso mehr Energie verbraucht es – und schwitzt. Manchem macht seine Arbeit – manchmal – Spaß. Warum aber so selten? Nicht, weil er schwitzt, sondern weil er sie nicht gewählt hat: Ein andrer hat sie ihm übergeholfen.

Da kommen wir der Sache schon näher. Arbeit erscheint umso mühseliger, macht umso weniger Spaß, je mehr sie einem fremden Zweck unterliegt. Arbeit ist gebundenes Tun nach vorgegebenem Zweck. Spiel ist freies Tun ohne Zweck; oder: nach einem Zweck, der „sich findet“ – in dem, mit dem, durch das Spiel.

Nur mit der Schönheit solle der Mensch spielen, sagt Schiller; und mit der Schönheit solle er nur spielen.

Denn das haben Kunst und Spiel gemeinsam: eine Sache um ihrer selbst willen tun. Arbeit ist eine Tätigkeit, die um eines Andern, nämlich eines Zweckes willen geschieht. Der Zweck ist ihr Was, die Unbotmäßigkeit des toten Stoffs bestimmt das Wie: An der Sicherheit, mit der sie den Stoff dem Zweck anverwandelt, misst sich ihre Qualität. Und wenn es möglich wird, die Tätigkeit zu ersparen und ihre Qualität den Maschinen einzubauen, umso besser. Industriearbeit, Lohnarbeit ist die „reine“ Form der Arbeit. Nicht logisch, aber historisch, und darauf kommt’s an. Sie ist die Art von Tätigkeit, die gesellschaftlich gilt – qua Tauschwert, denn der ist der allgemeinste Zweck.

Spiel dagegen wird „um seiner selbst willen“ getan. Aber was bedeutet das? Dass es „befriedigt“? Dann wäre die Befriedigung Zweck, nicht die Tätigkeit, und wir würden uns im Kreise drehn. Das Eigentümliche am Spiel ist aber, dass vorher nicht feststeht, ob es befriedigen wird oder enttäuschen. Das Eigentümliche am Spiel ist sein offener Ausgang. Dass es also keinen Zweck hat. Es werden Folgen eintreten, wie bei allem, was man tut. Aber man weiß nicht, welche. Man kann sie nicht „bedenken“. Man mag sie erahnen oder erhoffen, aber man muss es wohl drauf ankommen lassen… Spiel ist Risiko, und das Risiko ist sein Zweck. Es lebt vom Zauber des Unbestimmten. Arbeit dagegen will Bestimmtheit.

Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und
Zerstören in ewig gleicher Unschuld hat in
dieser Welt allein das Spiel des Künstlers
und des Kindes. 
Nietzsche 

Die Unbestimmtheit der Zwecke – dass man erst sehen wird, was es werden soll, wenn es etwas geworden ist -, das macht Kunst zum Spiel. Die Künstler der Vergangenheit waren sich ihrer Zwecke freilich sicherer als die heutigen. Sie wussten sich beauftragt. Zuerst von geistlichen, dann von immer weltlicheren Mächten. Erst als der Markt die Künstler vom Geheiß der Auftraggeber befreit und ihre Existenz aber auch unsicher gemacht hatte, wurde der Ausgang der künstlerischen Tätigkeit offen. Kunst trat in einen polemischen Gegensatz zur Bürgerlichkeit – d. h. zur Arbeit. Der Künstler wurde vor die Tür gesetzt und lebt seither in einem Reich des Ungewissen. Wie die Kinder. Nur am Sonntag ließ man ihn in die gute Stube: wie die Kinder. In ihnen beiden hat unser Gattungsstil überlebt, als Residuum. Der Vergleich von Kunst und Kindheit ist mehr als eine Metapher. Denn ist der Künstler immer ein bisschen wie ein Kind, so ist das Kind, mit Maurice Ravel zu reden, „von Natur künstlich“.

Der Erwachsene veraltet

In der Industrieproduktion selbst wird heute das Erfinden von Neuem wichtiger als die Reproduktion vorgegebener Zweckformen. Die Tugenden der Arbeitskultur – berechnen, assimilieren, saldieren – werden entwertet. Wenn der Arbeitsprozess streckenweise selbst den Charakter von Spiel annimmt, dann wird „Chaosqualifika- tion“ funktioneller als Bestimmtheit; vielleicht das Kernproblem am Standort Deutschland, wo man jetzt Inder braucht, weil man die Kinder zu viel lernen lässt. Die elektronischen Informationssysteme machen es sinnfällig: Wer sich ins Internet einklinkt, spielt mehr als dass er arbeitet; er surft. Funktionalität nimmt selbst den Charakter von Unbestimmtheit an. Rationalität, die unsere
Zivilisiertheit ausmachte, gerät außer Kurs. 

Und mit der Arbeit schwindet auch die Arbeit der Kinder: das Lernen. Cyberworld hält Einzug nicht erst ins Arbeitsleben, sondern schon in die Klassenzimmer – und alles, was sich überhaupt „lernen“ lässt, lernt früher oder später auch der Computer. Beim Informations- management hat er den Menschen weit überholt. Will der ihn dennoch beherrschen, muss er sich nicht länger zum Spezialisten bilden, sondern zum Fachmann fürs Allgemeine – mit dem freien Willen als seinem „Betriebssystem“. Selbst der Haupteinwand der Romantik gegen die bürgerliche Lebensweise, die Vereinseitigung der Menschen durch die Wahl ihres Berufs, fällt nun nicht mehr ins Gewicht. Im Zeichen von „lebenslangem Lernen“ wird die spezifische Arbeit der Kinder zu einer unspezifischen Tätigkeit von Allen, und die Erwachsenheit veraltet. Zugleich hört Kindlichkeit auf, ein Residuum zu sein, und verbreitet sich vom Souterrain aus über die anderen Etagen – bis in den bürgerlichen Alltag. Die Hürde fällt hin. (Allerdings geht es jetzt auch in der guten Stube nicht mehr so feierlich zu.) Das selbst gemachte Wirkungsgefüge der Arbeitsgesellschaft lockert sich, das Wertgesetz schwindet. Es sieht gar aus, als kehrten wir zu unserm Ursprung zurück.


15. 10. 2008

Donnerstag, 8. März 2018

Windräder.

 aus süddeutsche.de, 7. 3. 2018                                                                                                                           Mammendorf in Bayern

...Viele Menschen befürworten die Energiewende zwar grundsätzlich, lehnen aber die zwangsläufig damit verbundenen Veränderungen im Landschaftsbild, etwa durch den Bau von Windrädern, vehement ab. Oft sind sogar Mitglieder von Bürgerinitiativen gegen geplante Windparks, die überall in Deutschland zu Hunderten gegründet wurden, grundsätzlich für den Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energien. In Leserbriefen und auf Veranstaltungen, auf Flugblättern und auf Internetseiten betonen die Aktivisten immer wieder: Nein zu Windrädern in der Nachbarschaft - aber Ja zur Energiewende. Vielerorts konnten sie den Bau neuer Windparks verzögern oder sogar verhindern. Ein typisches Beispiel für "Not in my backyard"-Egoismus?

Viele Bürger befürworten erneuerbare Energien, lehnen aber den Bau von Windparks ab

Für Matthias Groß, Leiter der Abteilung Stadt und Umweltsoziologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltfor- schung in Leipzig, greift diese Erklärung zu kurz. "Hier wirken tief sitzende kulturelle Muster. Der Ablehnung liegt ein Naturbegriff zugrunde, der sich nicht mit Windrädern verträgt", sagt der Wissenschaftler. Das Verständ- nis von Landschaft ist hierzulande stark durch die Romantik geprägt, das Ideal sind vorindustrielle Bilder. Tech- nik passt dort nicht hinein. "Gerade wenn es um so grundlegende Themen wie die Energieversorgung einer Ge- sellschaft geht, ist die Akzeptanz von Veränderungen immer auch eine kulturelle Frage", meint Groß. Paradoxer- weise liegt aber genau hier auch ein wesentlicher Grund dafür, dass eine sehr große Mehrheit der Deutschen den Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energien immer noch befürwortet. "Die Grundhaltung ist: Die Energiewende macht Schluss mit der Ausbeutung von Mutter Natur", sagt der Helmholtz-Forscher. ...

 Lippeauen bei Sonnenaufgang

Nota. - Als ich ganz jung war, habe auch ich fotografiert; gern auch Landschaften. Da habe ich mich dann immer so gedreht, dass die Strommasten nicht mit ins Bild kamen. Die haben gestört. Überhaupt habe ich unterschieden: entweder Landschaft oder Menschenwerk.

Wenn ich unterwegs bin, achte ich auf die Landschaft. Seit zehn Jahren sammle ich Landschaftsbilder im Netz, nicht ganz solange schreibe ich in diesem Blog über Landschaftsmalerei. Inwischen spreicher ich auch Land- schaften mit Strommasten und Hochspannungsleitungen auf meiner Festplatte. Manchmal kommen die mir vor wie Salz oder selbst Pfefferkörnen in der Suppe.

An einigen Stelle fand ich inzwischen auch Windräder gar nicht so unpassend. Aber das ist natürlich Geschmackssache. Man könnte ins Gesetz schreiben, dass Windräder nur da gebaut werden dürfen, wo sie geschmacklich hinpassen. Ich glaube aber, damit wäre kein Problem gelöst und kein Streit vermieden. JE

 Ober-Erlenbach bei Frankfurt a. M.







 

Mittwoch, 7. März 2018

Expressives Rokkoko: Fragonard.

aus Badische Zeitung, 5. 12. 2013                                                                                               The Fountain of Love 1785
                                                                                                            
Jean-Honoré Fragonard - nicht nur Parfüm und Blütenduft
"Poesie und Leidenschaft": Die Kunsthalle Karlsruhe zeigt den Rokokokünstler Jean-Honoré Fragonard.  

von Volker Bauermeister

Zeichnung ist Kunst als Handlungsform. 

Was da zu sehen ist – das Strichgespinst –, ist sichtbar Bewegung. Viel eher spontan gesteuert als alles sonst. Die Ausstellung in der Karlsruher Kunsthalle zeigt nun einen Maler vor allem als Zeichner. Man muss die Entscheidung als schlüssig ansehn. Jean-Honoré Fragonard ist impulsiv – und sucht dafür den poetischen Ausdruck. Die Zeichnung ist sein Medium.


Die Wasserfälle von Tivoli, 1760

Fragonard (1732 bis 1806), den Repräsentanten des französischen Rokoko, den Schüler François Bouchers, zeichnet Rasanz aus und Grazie – eine Art Leichtigkeit, die einem den Zugang aber auch wieder schwer machen kann. Mag sein, man nimmt ihn nicht ernst genug. Im eher schwerblütigen Deutschland hat man ihn wohl nie richtig gesehen. Wer jetzt die Chance dazu nutzt – dies ist die erste Ausstellung im Land! –, der ist ihm auch fast schon verfallen. Oberflächlich? Wer will da das Wort noch in den Mund nehmen? Was für ein Zeichner!


Die Küste bei Genua

Eine seiner fein ausgearbeiteten Rötelstudien aus der Zeit des frühen ersten Italienaufenthalts um 1760 ist aus dem Besitz der frankophilen Karlsruher Kunsthalle selbst. Das Motiv hat schon ein Jahrhundert vorher den großen Claude Lorrain angezogen: die Wasserfälle von Tivoli [s.o.]. Doch es zeigt sich hier gleich eingangs schon viel von dem eigenen Wesen Fragonards. Das Chaos aus Felsen, Pflanzenwuchs und stürzendem Wasser bringt der in einen feinen Reim. Organisches und Anorganisches versöhnt der Rhythmus der Zeichnung. Und wenn der Zeichner Menschen dem großen Naturraum nur sehr klein einfügt, dann will er doch nichts von unterlegener Kleinheit sagen. Schön eingebettet finden die sich.


Die Überraschung, um 1771

Fragonard zeichnet viel. Nicht nur vor der Natur allein. Studienfleiß treibt ihn in Rom, Florenz, Bologna oder Genua auch in die Bildersammlungen und Kirchen. Michelangelo und eine ganze Reihe Barockmaler kopiert er mit Kohle. Und selbst die Kopie wird ihm zur ingeniösen graphischen Handlung. Selbst große Vorbilder machen den Lernwilligen nicht für den kleinsten Moment zum Sklaven. Was ihm die Tradition zu sagen hat, das weiß er. Aber auch, dass er sich nicht an Konventionen binden will.


Die Tränke

Akademiker auf Widerruf. 

Historienmaler nur ab und an. Ein unverhohlener Hang zum Frivolen macht ihn berühmt. So fängt er Zeitkolorit ein. Kollidiert aber auch mit der doppelten Moral der Epoche. Die nicht unanstößige Geschichte vom "neuen Modell" erzählt er ganz ohne die bekannte mythologische Verbrämung. Ein junger Maler tritt bei ihm als Freier auf. Die unberührte Leinwand dahinter mag auf andere als künstlerische Interessen deuten. Und während eine Kupplerin schon mal daran geht, die physischen Vorzüge des neuen Mädchens offenzulegen, lupft der Maler lässig mit dem Malstock dessen Rocksaum. Ein noch weiter gehendes Wagestück intimer Zurschaustellung ist das oft variierte "Mädchen mit Hund". Unverschämt spielt da der Maler Fragonard den Unschuldigen – lässt den Akt der Entblößung wie unabsichtlich, wie Zufall aussehn. Nur der wuschelige Spaniel verhindert die vollständige Schau des porzellanenen Körpers.


Mädchen mit Hund


Momente der Selbstvergessenheit

Doch nicht nur mit erotisierenden Einblicken spielt Fragonard souverän. Menschen sind ihm allemal ein Hinschauen wert. Ein waches Mädchen lässt er an den Lippen eines philosophenköpfigen "Zwerges" hängen. Zwei Frauen, die sich austauschen [so steht es wirklich da], beziehen dabei äugelnd und tuschelnd selbst uns mit ein – respektive den Zeichner, an dessen Stelle das Betrachterauge tritt. So kehrt sich der Blick einmal um. Und was der Blick eines Lesenden sagt, von sich und seiner Lektüre, das sollen wir uns dann auch fragen. Nach einer inneren Wirklichkeit fragen. Die Realität der Träumenden sehn. Dem schlummernden Heiligen Josef erscheint bei Fragonard freilich noch immer ein Engel – just an der Stelle, an der später Goya seinem Schläfer die Monstren der Nacht schickt.


Das vertrauliche Gespräch, um 1778

Was den freundlicheren Fragonard fesselt, das sind die Momente der Selbstvergessenheit. Der Selbstauflösung, der seeligen Hingabe. So spielt er in der Motivgeschichte des Kusses eine Rolle. Zu sehen jetzt: eine ins Allegorische ausgreifende Szene von allergrößter Helligkeit. Den Autor diszipliniert sie zur höchsten Feinheit, den Betrachter fordert sie heraus. Aus dem Rauch der Fackel, die der eilig herbeischwebende Amor trägt, lässt Fragonard das umschlungene Paar zart andeutend entstehen. Drum herum skizzieren kräftige Pinselschläge die weitere Welt. In deren Mitte liegt das Paar in einem Sarkophag(!), den weißes gleißendes Licht aufsprengt. So also sieht die unsterbliche Liebe aus.


 Der Kuss, um 1775

Die Liebe: Bei Fragonard spielt sie gern in freier Natur. Und wie ihm die Menschen schillernd geraten, zwischen frischer Natürlichkeit und von der Zeit kolorierter, stilisierter Performance – so wird ihm die Natur selbst auch zwittrig. Halb ist sie gebändigte Parknatur. Doch lässt sie ungebändigte Kraft erahnen. Im Gemälde der "Liebesinsel" (um 1770) kippt der Ort des unbeschwerten Wohlseins, der Locus amoenus, in das Bild eines unheimlichen andern. Ins Licht fällt Dunkel ein. Ein blumenreiches Ufer säumt plötzlich ein reißendes Gewässer. Und in den Himmel ragt als gespenstiges graphisches Zickzack das Geäst eines toten Baums. Im tändelnden Spiel der Liebesleute scheint die Natur domestiziert. Und am Ende ist sie es doch, die siegt. Dass Fragonard nicht nur der bezaubernde Rokokomeister ist, dass seine Bilder nicht nur den Duft von Parfüm und Blüten verströmen, damit überrascht die Ausstellung auch.


Die Liebesinsel, 1770

Und mit dem Dramatiker. Dem Graphiker, der die Gesänge des Ariost inszeniert. Dem Leser Fragonard, dem, wie wir sehen, eine Bilderflut vor Augen steht. In den Zeichnungen zum "Orlando furioso" zeigt er Sinn für den bühnenwirksamen Augenblick. Und die Zeichnung ist mit einer Schnelligkeit und Heftigkeit getan, die sie selbst an den Augenblick bindet. Figuren und Szenen in Kürzelform. Die Zeichnung als Wurf.

Staatl. Kunsthalle Karlsruhe. Bis 23. Februar, Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr. 


aus Orlando furioso, um 1780 


Nota.
- Der Berichterstatter hat wegen dieser Ausstellung seine Meinung über Fragonard geändert. Man sollte wegen Fragonard die landläufigen Meinungen über das Rokkoko ändern: graziös, gepudert, parfümiert, geschminkt, geziert - und von frivoler Oberflächlichkeit. Wenn man nachsucht, gibt es eigentlich kaum einen namhaften Maler, der dem Klischee entspricht - außer vielleicht ebenden Boucher, bei dem Fragonard gelernt hat. Aber bevor er zu Boucher kam, war er bei Chardin. Und der ist bei aller milden Ironie ganz ernst, wie ein Ästhetiker eben. 

Fragonard als Zeichner loben heißt, ihn als Koloristen und Meister des Helldunkel zurücksetzen. Aber Farbe und Licht sind gerade das, was diesen Bildern ihr überreales Flair gibt, nicht die Linie. Nicht so sehr expressiv ist Fragonard, als vielmehr surreal. Und wenn man lange genug hinschaut, erkennt man darin einen durchgehenden Zug des ganzen Rokkoko.
JE, 7. 12. 13


Tivoli, Wasserfall