Dienstag, 12. Juni 2018

Nicht abstrakt.

 
Nein, das ist nichts Abstraktes. Das Bild heißt Landschaft, Steppe und wurde von Arkhip Kuindji 1896 naturalistisch auf Leinwand gemalt. Doch bei der Wahl des Motivs wird er sich was gedacht haben.




Montag, 11. Juni 2018

Kleiner Meister.


Albert Lebourg war ein impressionistischer Epigone. Große Neuerungen scheint er nicht beabsichtigt zu haben. Ein bloßer Nachahmer war er aber nicht, ihm sind einige eigenwillige Stück gelungen.


























Sonntag, 10. Juni 2018

Gibt es noch Hoffnung für den Kunstunterricht?

Malevitsch
 
In einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel lamentiert die Vizepräsidentin der hiesigen Universität der Künste, Susanne Fontaine, über das ständige Zurückdrängen des Kunstunterrichts in den Schulen. Für eine "umfassende ästhetische Bildung" plädiere sie, schreibt das Blatt. Aber was folgt, sind nur Platitüden, bei denen einem die Füße einschlafen.

Ich habe mir diesen Kommentar nicht versagen mögen:

Was die ästhetischen Fächer an der Schule am meisten bedroht, ist, dass sie sich von Leut*innen wie Frau Fontaine vertreten lassen. Nachdem sie sich im ersten Halbsatz gegen die Input-Output-Mentalität der Bildungspolitiker ausgesprochen hat, sagt sie im folgenden Halbsatz, der Kunstunterricht solle sich an dem orientieren, "was junge Menschen für ihr eigenes Leben brauchen, um sich als Erwachsene in ihrer Welt zurechtzufinden". 

Doch dann würden die Befürworter von Digitaler-Bildung-statt-Kunstunterricht immer das letzte Wort behalten.

Die elementare Bildungsmacht der Kunst gründet darin, dass sie eben nicht und in keiner Weise Teil der Ausbildung fürs wirkliche Leben ist. Die ästhetische Welt ist die Region in unserm Horizont, die schlechterdings frei von allem Zweck ist.  

So etwas gibt es. Das weiß nur einer, der es erfahren hat: Es gibt ein Reich, wo das Erbsenzählen ein Ende hat, wo nicht gemessen und verglichen wird, wo nicht alles bedingt und vermittelt ist und wo nicht eine Hand die andere wäscht und das Hemd näher sitzt als die Hose. Es gibt ein Reich, wo jeder selber wägen und werten muss, und zwar unerachtet allen Vorteils.

Nein, im Kunstunterricht kann auch noch der letzte 'lernen', dass es dieses Reich vielmehr nicht 'gibt' wie Regen und Sonnen- schein, sondern dass ein jeder es selber betreten muss, wenn es da sein soll.

Den Nutzen eines solchen Schulfachs kann nicht jeder erkennen?

Das ist ja das Problem, zu dessen Lösung das Fach beitragen soll.

Aber natürlich nur, wenn es nicht Teil des schulischen Pensums ist, sondern sein Gegenpol.  



 

Donnerstag, 7. Juni 2018

Winckelmanns Tod.

Anton v. Maron:  Johann J. Winckelmann (1768)   | Foto: Klassikstiftung Weimar
aus Badische Zeitung, 7. 6. 2018

Auf der Suche nach der wahren Schönheit
Vor 250 Jahren ist der Archäologe und Begründer der modernen Kunstwissenschaft Johann Joachim Winckelmann gestorben.

Von Christa Sigg 
 
Auf dem Messer, das fein säuberlich für das Gerichtsprotokoll skizziert wurde, steht an zwei Stellen "sangue" – Blut. Siebenmal stach der Mörder zu, um an die wertvollen Medaillen zu kommen, die ihm seine leichtsinnige Bekanntschaft voller Stolz gezeigt hatte. Dann floh Franceso Archangeli hastig mit der Beute aus der Osteria Grande in Triest und bemerkte gar nicht, dass das Opfer noch lebte. Gegen 10 Uhr fand man den schwer verwundeten Mann in seinem Zimmer, etwa sechs Stunden blieben ihm, um der herbeigeeilten Polizei den Tathergang zu schildern – und endlich seine wahre Identität preiszugeben.

Anders ist es nicht zu erklären, dass die Beamten gar so akribisch ermittelt haben. Denn mit dem Antikenforscher Johann Joachim Winckelmann ist am 8. Juni 1768 eine europaweit geachtete Berühmtheit gestorben. Der junge Goethe war völlig erschüttert, und selbst der kritische Lessing hätte dem sprachgewaltigen Winckelmann gerne mehrere Jahre seines eigenen Lebens geschenkt. So schön und mit durchaus erotischem Unterton hatte noch keiner auf Deutsch über die Kunst geschrieben. Und bei allem Pathos wird man bis heute gepackt von der Begeisterung und Präzision, mit der Winckelmann die Kunst der alten Griechen beschrieb. Das heißt, die römischen Kopien, die er damals noch für Originale halten musste.


Genauso hat er seinen Zeitgenossen die Augen für Raffaels Sixtinische Madonna (1512) geöffnet und geschwärmt, "wie groß und edel ihr ganzer Contur" sei. Und dann ist es schon nicht mehr weit bis zur "edlen Einfalt und stillen Größe", diesem arg strapazierten Credo, das Winckelmann 1755 in seinem Schönheitsevangelium "Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst" formuliert hat. Der Apoll von Belvedere verkörperte für ihn das Vollkommene, genauso stand die Laokoon-Gruppe ganz oben auf seiner Liste erlesener Kunstwerke.

Damit schrieb Winckelmann auch entschieden gegen den Überwältigungsbarock und die verschnörkelt-überladene Kunst des Rokoko an. Bei allem Respekt, den er dem "großen Rubens" entgegenbrachte, waren ihm dessen wogende Fleischberge samt Zellulite-Inseln ein Graus, denn sie seien "weit entfernt von den griechischen Umrissen der Körper". Und wenn wir ehrlich sind, sitzt dieses Schönheitsideal nach wie vor fest in unseren Köpfen. Vom Sixpack durchtrainierter Sportskerle bis zum wohlproportionierten Damenleib, der dank Bodyshaping keinerlei Problemzonen kennt. Wobei das Nonplusultra für den homosexuellen Winckelmann ein androgyner Körper war, in dem sich weibliche und männliche Elemente vereinen. In manchen Punkten nimmt das bereits den modernen Genderdiskurs vorweg.



Winckelmanns Ansprüche waren enorm, und für die zeitgenössische Kunst ließ er nur ein Rezept gelten: Um groß und unnachahmlich zu werden, müsse das Alte, also die griechische Antike nachgeahmt werden. Damit hat der Begründer der modernen Archäologie und der Kunstwissenschaft beträchtlich dazu beigetragen, den Klassizismus zu befördern. Dass in der Antike so herausragende Kunst geschaffen wurde, führt der tief von der Aufklärung überzeugte Schöngeist auf die Freiheit der Griechen und ihre Demokratie zurück. Das hatte nicht zuletzt mit seiner eigenen materiellen Abhängigkeit zu tun, aus der sich Winckelmann nur durch endlosen Fleiß und Disziplin befreien konnte. Sowieso war der sagenhafte Aufstieg zur international anerkannten Kulturautorität für den 1717 geborenen Sohn eines Schuhmachers aus Stendal nicht vorgesehen. Doch schon in jungen Jahren gerät er immer wieder an Förderer, die sein Talent erkennen. Und die Leidenschaft für die antike Literatur tut ein Übriges.

Das Studieren ist die eine Seite, Winckelmann trifft aber auch auf einflussreiche Vermittler wie den päpstlichen Nuntius Archinto, der ihn 1755 nach Rom holt, und bald darauf Alessandro Albani. Der Kardinal besitzt eine außergewöhnlich qualitätvolle Kunstkollektion, die gepflegt und bearbeitet werden will – und deren beste Stücke dank dem späteren bayerischen König Ludwig I. in München gelandet sind. Dem längst zum Katholizismus konvertierten Protestanten gelingt schließlich sogar der Sprung in den Kirchenstaat, wo er 1763 zum Commissario delle Antichità, also zum obersten Denkmalpfleger, befördert wird. 


In manchen Punkten nimmt er bereits den modernen Genderdiskurs vorweg 

Fünf Jahre bleiben ihm, um weiter zu forschen und sein entwicklungsgeschichtliches System der griechischen Kunst aufzustellen. Dann beschließt er, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, nach Deutschland zu seinen Anhängern zu reisen. Doch in Regensburg erleidet der labile Gelehrte einen so heftigen "melancholischen Anfall", dass es ihn nur mehr zurück nach Rom drängt. Sein Heimweg führt ihn allerdings über Wien, wo er von Kaiserin Maria Theresia die vier verhängnisvollen Medaillen erhält.



Archangeli ist übrigens nicht weit gekommen. In einem aufsehenerregenden Prozess wurde der Mörder Winckelmanns zum Tod durch Rädern verurteilt. Das Motiv? Habsucht und Gier gab der vorbestrafte Koch an, das Drumherum lässt dennoch Raum für die wildesten Spekulationen. Ob es zwischen dem Männer favorisierenden Ästheten und dem pockennarbigen Archangeli tatsächlich eine Affäre gegeben hat, daran scheiden sich die Geister. Winckelmann war jedenfalls inkognito unterwegs, und vielleicht haben auch seine strengen Ideale zwischendurch eine Pause gebraucht.

Dienstag, 29. Mai 2018

Landschaft und Manier.

 Hermen Anglada Camarasa  Bäume beim Kloster Montserrat, 1938

Es ist wahr - mehr als jedes andere Genre verführt die Landschaft zur Manier.
Mehr als jedes andere Genre verführt sie aber auch dazu, sich an eine herrschende Manier nicht zu halten.

Hermen Anglada Camarasa Caleta um 1930 


Freitag, 25. Mai 2018

Ölskizzen von Rubens im Prado.

Skizze zu Der wunderbare Fischzug, um 1610

berichtet in der FAZ vom 23. Mai über die Ausstellung im Prado von 73 der fast 500 Ölskizzen, die Rubens im Lauf seines Lebens angefertigt hat. Rund 1400 Ölgemälde sind erhalten, die von ihm signiert, aber zum größten Teil von seiner Werstatt angefertigt wurden. Dort waren bis zu zwanzig Assistenten tätig, unter ihnen zeitweilig Anthonis van Dyck.
... Vorstudien zu Gemälden wurden in Bleistift und Kohle angefertigt, bis Tintoretto, Caravaggio und Beccafumi im sechzehnten Jahrhundert auch Ölskizzen malten: Aus dem disegno wurde ein bozzetto. Rubens studierte diese Werke nicht nur, sondern sammelte, kopierte und überarbeitete sie: Mit Hilfe seiner Vorbilder entwickelte er die eigenen ästhetischen Vorstellungen. Dass er selbst immer häufiger gleich in Öl skizzierte und die Grenzen zum Auftragswerk verwischte, dürfte an der Überfülle seiner Einfälle und der Leichtigkeit seines Pinsels gelegen haben.

Skizze zu Löwenjagd, um 1615
Löwenjagd 1621
 
Der Reiz der Ausstellung im Prado liegt in der Aura des Unfertigen, Spontanen, soeben erst Gemachten. Dabei variiert der Grad der Unabgeschlossenheit stark. Die Skizzen zur „Löwenjagd“ (das fertige Ölbild hängt in der Alten Pinakothek) sind nahezu monochrom, mit breiter, Streifen hinterlassender Pinselgrundierung, mit hellen Brauntönen und Akzenten von Weiß. Das erinnert eher an eine Goya-Radierung als an ein großformatiges Barockgemälde. ...
Skizze zu Prometheus, 1636
 Jan Cossiers, Prometheus bringt das Feuer, 1637. Cossier war ein Mitarbeiter von Rubens und galt nach dessen Tod als sein Nachfolger

... Skizzen dienten meistens dem Auftraggeber, der sich ein Bild von den Einfällen des Künstlers machen wollte, bevor er sich festlegte, oft aber auch den Mitarbeitern im Atelier, die große Flächen auszumalen hatten und genaue Instruktionen brauchten. Zu anderen Gelegenheiten scheint Rubens die Ölskizze nur für sich selbst gemalt zu haben. Fest steht jedenfalls: Er wusste, was er tat, und er war stolz darauf. Die Ölskizze einer detailreichen, farbintensiven „Beschneidung“ (um 1605) etwa existiert neben einer kleinen, in Planquadrate aufgeteilten Bleistiftskizze derselben Szene, die als Vorlage für die Auftragsarbeit für eine Jesuitenkirche in Genua diente.

Skizze zu Die Beschneidung Christi um 1605. Auch hierzu scheint es keine Ausfertigung auf Leinwand zu geben

Vielleicht hat Rubens die Ölskizze erst nach Abschluss des Auftrags und zur Erinnerung an ein von ihm selbst geschätztes Werk gemalt. Dafür spricht, dass er sich nie davon getrennt hat. Im Fall der Ölskizze „Der wunderbare Fischzug“ (um 1610) mit ihren erdigen Braun- und Blautönen und ihren muskelbepackten Fischern, deren Anatomie auf Rubens’ Studien der italienischen Jahre zurückgeht, gibt es überhaupt kein großes Ölbild dazu. Die Komposition der knapp 50 mal 40 Zentimeter großen Tafel lebt aber in einem Stich von Pieter Soutman fort, der um 1620 in Rubens’ Werkstatt arbeitete und dessen Urheberschaft mit der Formel „Rubens inv.“ am Bildrand attestiert. Nicht „gemalt“, also realisiert, sondern nur „erfunden“ (und skizziert) hat der Meister das Motiv. ...

„Rubens als Skizzenmaler“. Madrid, Prado; bis zum 5. August. Vom 8. September 2018 bis 13. Januar 2019 im Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam. Der broschierte Katalog in englischer oder spanischer Sprache kostet 28 Euro.

Skizze zu Vertreibung aus dem Paradies, um 1620. Auch hierzu gibt es anscheinend keine vollendete Version.

Nota. - Ich muss es doch mal sagen: So richtig gefallen will mir Rubens nicht. Aber vieles ist doch außerordentlich be- eindruckend. Die Machart ist oft kühn, in den Skizzen sicher kühner als in den Stücken, die fürs zahlende Publikum be- stimmt waren. Und die Kühnheit ist nicht um ihrer selbst willen da, sondern steht im Dienst einer außerordentlichen Ex- pressivität - in den Skizzen sicher expressiver als in den Stücken fürs zahlende Publikum. Impressionistisch kann ich, anders als der Rezensent, eigentlich gar nichts finden.

Rubens ist so gut, dass auch für Hans Makart noch eine Scheibe abfällt.
JE 

Erste Geigen sollten Menschenstimmen imitieren.

Andrea Amati, um 1559
aus derStandard.at, 23. Mai 2018, 06:00

Frühe Geigen sollten menschliche Stimmen imitieren 
Neue Analysen stützen die Hypothese, dass sich die ersten Geigenbauern Gesang zum Vorbild nahmen.

Washington/Wien – Musikhistoriker haben den Verdacht schon lange, nun untermauern Forscher die Vermutung mit technischen Methoden: Frühe Geigenbauer dürften mit ihren Instrumenten die menschliche Stimme nachzuahmen versucht haben. Die ersten modernen Geigen aus dem 16. Jahrhundert "konnten dieselben klanglichen Charakteristika erzeugen wie menschliche Stimmen", resümiert eine Forschergruppe der Universität Taiwan im Fachblatt "PNAS".

Für ihre Studie nahmen die Wissenschafter zunächst Tonproben von 15 frühen Geigen auf – unter ihnen ein Instrument, das der Vater des modernen Geigenbaus, Andrea Amati aus dem italienischen Cremona, 1570 konstruiert hatte. Auch der Klang mehrerer Geigen aus der berühmten Stradivari-Familie wurde ausgewertet.

Vergleichbare Klangfarbe

Dann nahmen die Forscher die Stimmen von je acht männlichen und weiblichen Sängern auf, die Tonleitern sangen. Die Ergebnisse von Instrumenten und Sängern glichen sie mithilfe einer Software zur elektronischen Akustikanalyse ab – und trafen auf viele Übereinstimmungen in der jeweiligen Klangfarbe.

Die berühmte Amati-Geige etwa ahme offenbar männliche Singstimmen in Bass- oder Baritonlage nach. Dieser Befund "lässt es wahrscheinlicher erscheinen, dass die Geigenbaumeister dieser Epoche die Instrumente gebaut haben, um männliche Stimmen zu imitieren", schreiben die Forscher.

Bei den Stradivari-Geigen stellten sie die Besonderheit fest, dass diese eher an weiblichen Singstimmen – etwa in der Alt-Lage – herankommen. (APA, red, 23.5.2018)



Violinen von Stradivari wird ein ganz besonderer Klang nachgesagt. Stradivari, 17. Jhdt.
aus scinexx

Violinen: Stradivaris "singen" wie Tenöre
Italienische Geigen ahmen Klangspektrum der menschlichen Stimme nach

Stimme als Vorbild: Der Wohlklang der berühmten Geigen von Stradivari und Amati kommt nicht von ungefähr, wie eine Analyse ihres Klangspektrums enthüllt. Die alten Geigenbaumeister konstruierten ihre Violinen demnach bewusst so, dass sie wie die menschliche Singstimme klingen. Interessant auch: Der Klang der frühesten Geigen ähnelt eher der männlichen Bariton- und Bassstimme. Stradivari dagegen imitierte mit seinen Instrumenten die etwas höhere Tenor- und Altstimme.

Ob Stradivari, Amati oder Guarneri – die Violinen aus der Blütezeit des italienischen Geigenbaus gelten bis heute als besonders wohltönend. Worin das Geheimnis ihres Klangs liegt, ist jedoch bis heute nur in Teilen geklärt. So scheinen unter anderem die Form des Schallochs sowie das Holz und seine Vorbehandlung eine wichtige Rolle zu spielen. Auch ein Pilzbefall des Holzes trägt zum Wohlklang der Instrumente bei.
 
"Wie die perfekteste menschliche Stimme"

Doch was zeichnet den besonderen Klang dieser Geigen aus? Eine Hypothese dazu hatte bereits vor gut 250 Jahren der italienische Komponist und Violin-Pädagoge Geminiani: 1751 schrieb er, dass der ideale Geigenklang "der perfektesten menschlichen Stimme nahekommen soll." Könnte darin das Geheimnis der Amati und Stradivari-Violinen liegen?

Um das herauszufinden, haben Hwan-Ching Tai von der Nationalen Universität Taiwan und seine Kollegen den Klang von sechs Stradivaris, einer Geige von Andrea Amati und acht weiteren Violinen aus der Blütezeit des italienischen Geigenbaus analysiert. Sie verglichen das Klangspektrum mit dem von acht weiblichen und männlichen Sängern, die jeweils eine chromatische Tonleiter auf verschiedenen Vokale sangen.

 
Amati-Violinen klingen wie ein Bariton

Das Ergebnis: Tatsächlich ähnelt das Klangspektrum der alten Violinen stark dem der menschlichen Singstimme, wie die Forscher herausfanden. Geigenklang und Stimme gleichen sich dabei vor allem in vier wesentlichen Formanten – den Frequenzbereichen, die durch Resonanzeffekte besonders hervortreten. An ihnen erkennen wir beim Gesang unter anderem das Geschlecht des Sängers und welche Vokale er gerade singt.

 

Die Violinen von Amati und einem seiner Schüler klingen demnach wie eine männliche Bariton- und Bassstimme, die ein offenes "e" singt. "Die frühen Geigenbaumeister in Cremona und Brescia konstruierten ihre Geigen offenbar bewusst so, dass sie die männliche Stimme nachahmten", so Tai und seine Kollegen. Das erscheine plausibel, weil zur damaligen Zeit die meisten öffentlich auftretenden Sänger Männer waren.

Das Klangspektrum von Stradivari-Geigen liegt etwas höher als das anderer Violinen aus der Blütezeit des italienischen Geigenbaus. 


Das Klangspektrum von Stradivari-Geigen liegt etwas 
höher als das anderer Violinen aus der Blütezeit des italienischen Geigenbaus.









Stradivaris "singen" in Tenor und Alt

Anders jedoch Stradivari, der gut 100 Jahre nach Amati lebte. "Stradivari verschob die Resonanzpunkte bei seinen Violinen nach oben", berichten die Forscher. "Seine Violinen klingen dadurch eher wie eine Tenor- oder Altstimme und sind der weiblichen Stimme näher als die älteren Geigen." Gleichzeitig ist ihr Ton offener und ähnelt daher eher einem Vokal, der weiter vorne im Mund gesprochen wird.


Nach Ansicht der Forscher könnte dies erklären, warum der Klang von Stradivaris oft als besonders brillant, hell und gleichzeitig rund beschrieben wird. Stradivari selbst könnte mit dieser Anpassung des Klangspektrums einem Trend der Zeit gefolgt sein. Denn ab Anfang des 17. Jahrhunderts begannen auch weibliche Sängerinnen aufzutreten und erfreuten sich wachsender Beliebtheit. "Die akustische Entwicklung von Amati zu Stradivari könnte diese zunehmende Popularität von Sängerinnen widerspiegeln", sagen Tai und seine Kollegen.

 

In jedem Falle demonstrieren diese Ergebnisse, dass Geminiani mit seiner Beschreibung von "idealen Geigen" Recht hatte: Sie sind der menschlichen Stimme tatsächlich besonders ähnlich. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2018; doi: 10.1073/pnas.1800666115)

(PNAS, 23.05.2018 - NPO) 

Nota. - Bis weit ins 18. Jahrhundert wurden auch Altpartien zumeist nicht von Frauen, sondern von männlichen Sängern vorgetragen - Kastraten, falsettierenden Jünglingen oder Knaben vor dem Stimmbruch. Das gilt sogar für Soprane, die aber von den frühen Geigen kaum erreicht werden. Es kann aber sehr gut seit, dass die Stradivari-Geigen den Sängerin- nen den Weg geebnet haben.
JE