Freitag, 20. Oktober 2017

Gleich nochmal: Rubens in Wien.

aus derStandard. at,17. Oktober 2017                                                                             Boreas entführt Oreithya

Peter Paul Rubens im KHM: 
Mehr gefühlt als gesehen
Auf ihm pickt der Stempel "Maler des Fleisches" – das Kunsthistorische Museum Wien will mit dem Stereotyp des populären und teuersten Altmeisters brechen und zeigen, wie gegenwärtig und durchaus abstrakt sein Barock war - derstandard.at/2000066134174/Peter-Paul-Rubens-Mehr-gefuehlt-als-gesehen
Auf ihm pickt der Stempel "Maler des Fleisches" – das Kunsthistorische Museum Wien will
mit dem Stereotyp des populären und teuersten Altmeisters brechen und
zeigen, wie gegenwärtig und durchaus abstrakt sein Barock war - mit dem Stereotyp des populären und teuersten Altmeisters brechen und zeigen, wie gegenwärtig und durchaus abstrakt sein Barock war.


von Anne Katrin Feßler

Wien – Mit Vorurteilen aufzuräumen und sie durch neue Blickwinkel zu ersetzen ist stets ambitioniert. Ein solches Unterfangen wagt nun das Kunsthistorische Museum Wien (KHM) am Beispiel von Peter Paul Rubens (1577–1640). "Der fieseste, der vulgärste, der lauteste Maler, der jemals diese Welt betreten hat", beschimpfte etwa der Präraffaelit Thomas Eakins den Flamen. Die Vehemenz und Distanzlosigkeit, mit der Rubens kurvige Weiblichkeit inszenierte, hätte der eher ätherische Schönheitsideale Verfolgende wohl gerne "in der Lautstärke gedrosselt", erzählt der Direktor der Gemäldegalerie, Stefan Weppelmann.

 Venus im Spiegel

Und auch Weppelmann, der die Ausstellung Rubens. Kraft der Verwandlung (eine Kooperation mit dem Frankfurter Städel-Museum) gemeinsam mit Gerlinde Gruber und Jochen Sander kuratierte, kennt den Moment, wo einem Rubens Barock "zu viel" wird, ja "wo man vor lauter Fleisch nicht mehr weiß, wohin man schauen soll". Jetzt hilft er aber dabei, in Rubens nicht mehr nur den einschlägigen "Maler der Körper zu sehen, sondern jemanden, der auch zur Poesie fähig war". Rubens war mehr. Er war ein vielsprachiger und von unbändiger Neugierde getragener Gelehrter, der als Berater an vielen Höfen tätig war. 

 Bacchus

Am besten illustriert dessen lyrische Qualität "die dramatischste aller Rubenslandschaften", die Gewitterlandschaft mit Jupiter, Merkur, Philemon und Baucis. Das Bild, das einen Blick in Rubens' Innerstes ermöglicht, bildet jedoch den Schlusspunkt der 120 Werke umfassenden Schau. Tatsächlich strahlt das frisch restaurierte Gemälde aus dem reichen Bestand des Hauses (40 Gemälde) in Details so, "als ob jemand, das Licht angeknipst hätte". Aber reicht das, um bereits sehmüde Augen zu erfrischen?

Aus Statik wird Dynamik

"Die Natur als Hintergrundrauschen" (Weppelmann), verdichtet zu großer Vision: In Flandern könne man bei Regen Zeuge solcher Stimmungen werden: Wolkenbrüche, die Sonnenstrahlen wie Lichtsäulen materialisieren. Optische Phänomene faszinierten Rubens, der "das, was ihm die Natur flüsterte", stets in der Theorie vertiefte. Nach der Lektüre einer Abhandlung von Aguilonius zum Schatten notierte er: "Die Bäume widerscheinen im Wasser dunkler als die Bäume selbst." 

o. T.

In der Landschaft sei er ein nordischer Maler, aber mit einem Rest an "Traumfähigkeit". Das heißt, Rubensräume können bis aufs Äußerste komprimiert, ja regelrecht um die Figuren herumgefaltet sein oder auch viele statt nur einen Fluchtpunkt besitzen. Surreal nennt Weppelmann das und sagt auch, dass es wichtig sei, so eine Ausstellung vom Narrativ nicht zu überladen. Dennoch sind sechs Säle intensivster Sehschule recht engagiert geraten, gilt es doch Rubens kreative Prozesse nachzuvollziehen, zu erkennen, wie er Einflüsse der Naturwissenschaft und kunstgeschichtliche Vorbilder verwandelt hat. 48 Gemälde und 33 Zeichnung des Barockmalers (u. a. aus der St. Petersburger Eremitage, dem Madrider Prado oder der National Gallery in Washington) sowie Vergleichswerke von Meistern wie Tintoretto oder Tizian helfen dabei. 

Die Grablegung Christi 1612-14

Phänomenal ist, wie er aus Caravaggios Grablegung (1604) eine dynamische Erzählung macht: Das drohende Herabfallen des Leichnams wird mittels Schienbein und einem Biss ins Grabtuch verhindert.

"Gegenwärtig" und "abstrakt"

"Gegenwärtig" ist auch so ein Prädikat, das Rubens nun in Wien erhält – wegen seiner Fähigkeit zu polarisieren und ökonomischer "Factory"-Strategien. Und auch "abstrakt" sei er, etwa im Übersetzen der Natur in große Farbflächen. Rubens hat "seine Figuren wie Skulpturen aufgetragen, in Farben von dreidimensionalem Gewicht". Nicht nur die Schlafende Angelica sieht wie "Knetmasse" aus. Es stimmt: "Rubens hat seine Körper mehr gefühlt als gesehen." Ein Rundgang mit Kurator ist allerdings angeraten. 

Die schlafende Angelica und der Eremit

Bis 21. Jänner

Kuratorenführungen: "Prometheus: Rubens' Alter Ego" (8. November), "Das Frauenbild des Rubens" (22. November), "Venus: verschiedene Aspekte der Liebesgöttin" (13. Dezember), "Spezialeffekte bei Rubens" (17. Jänner), jeweils 16 Uhr - derstandard.at/2000066134174/Peter-Paul-Rubens-Mehr-gefuehlt-als-gesehen



Dienstag, 17. Oktober 2017

Rubens - der Damien Hirst seiner Zeit.

Die Haltung der „Venus Frigida“ (1614), zu Gast aus Antwerpen, schaute sich Rubens vom beliebten antiken Motiv der kauernden Venus ab.
aus Die Presse, Wien,

Rubens, der Damien Hirst seiner Zeit
120 Werke geben im Kunsthistorischen Museum einen fantastischen Einblick in die Trickkiste des barocken Malerfürsten Peter Paul Rubens. Man muss seine Kunst nicht mögen. Aber es zahlt sich aus zu versuchen, sie zu verstehen.

 

Bedächtigen Schritts ging Peter Paul Rubens durch seine Werkstatt im Erdgeschoß des Atelierhauses, das er sich neben seinem Wohnhaus in Antwerpen hatte errichten lassen. Elf bis 15 Schüler malten hier an 20, 25 Gemälden gleichzeitig. Ein Heer angestellter Arbeiter half bei den niederen Diensten. In einem Eck übertrugen Kupferstecher die Ölskizzen des Meisters, um die Drucke dann an die Königshäuser ganz Europas zu versenden, als Werbesendung sozusagen. Eine Pietà? Ein Urteil des Paris vielleicht, das Signature-Motiv des flämischen Barockstars? Oder doch lieber Ecce-Homo?

Wurde in Öl bestellt, begann es für die Schüler wieder stressig zu werden. Am Ende werden es 3000 Werke gewesen sein, die Rubens hinterließ, sie werden noch Jahrhunderte später Auktionsrekorde brechen. Der Meister eilte weiter, besserte hier einen Farbkontrast aus, verstärkte dort Mimik zu mehr Dramatik. Hielt kurz inne, um dem Vorleser zu lauschen, der sich immer neben ihm hielt (auf dem Programm stand Cicero). Dann ging der von Gicht schon Geplagte einen Stock höher, in die Meisterwerkstatt, setzte sich und zeichnete, frei aus seinem Bildgedächtnis heraus, gespeist aus Literatur, Antike, Wissenschaft, den Bildern seiner Zeit und Vorzeit, Michelangelo, Tizian, Goltzius etc.

Wichtig war: Alles musste im Fluss sein, die Komposition, die Details, die Oberflächen, ob Fleisch, Gewand, Haare. Affekte und Special Effects mussten stimmen, der Leichnam Christi fast abrutschen bei der Überstellung ins Grab, das Ringelnatter-bekrönte Medusenhaupt die Augen überdrehen. Huch! Sollte der Betrachter sagen. Sich involvieren. Sich entsetzen. Mit leiden. Rubens, das war großes Hollywood im Barock.

Zu laut! Aber was für Räume, Farben

Das Kunsthistorische Museum hat eine der wichtigsten Sammlungen dieses polarisierenden Barockmenschen – und hat aus deren Themen heraus jetzt nach 2004 wieder eine große, 120 Werke aus aller Welt umfassende, thematische Ausstellung im Haus kuratiert; erdacht und erforscht von Gerlinde Gruber und Stefan Weppelmann, einem der größeren Rubens-Fanboys der Fachwelt. Schließlich sei Rubens so zeitgenössisch, schwärmte er bei der Pressekonferenz. Und tatsächlich muss man an Warhol (Werkstatt) und Damien Hirst (monumentaler Eklektizismus), kann aber auch an den US-Farbfeld-Mystiker Mark Rothko denken, der schätzte, wie Rubens den Farben Gewicht verlieh. Oder an den italienischen Surrealistenvorläufer Giorgio de Chirico, der die kristallinen Räume Rubens erkannte.

Sich auf die Spuren des Surrealen, des Traumes in Rubens Werk zu begeben, die verschobenen Perspektiven und Architekturen erkennen zu lernen ist ein guter Leitfaden für Menschen, die Rubens' wellige Fleischberge, stürzende Pferde und die ganze ächzende, stöhnende, seufzende Menschenpracht so empfanden, wie man es im 19. Jahrhundert tat: als zu laut. Die Kuratoren legten Wert, Rubens als den Intellektuellen vorzustellen, der er war, mit dem damaligen Reichtum von 300 Büchern in seiner Bibliothek, mit seiner Korrespondenz mit der Wissenschaft, mit seinem Buchcover für die neuesten Forschungen am Gebiet der Optik etc. Vor allem aber schafft man es durch den Verzicht auf chronologischen Überblick und die Konzentration auf einige Hauptmotive, die Arbeitsweise Rubens klarzumachen – wie kommt man auf teils so schrille, schräge, exaltierte Bilderfindungen? Studien zeigen Rubens' Studium antiker Muskelmasse und Anatomie. Ausgewählte antike Skulpturen bzw. deren Repliken (Laokoon-Gruppe!) werden gegenübergestellt. Das gängige Schönheitsideal der damaligen Zeit – etwa bei Rubens' Lehrer Otto van Veen – erklärt: stutenäugig (dunkle Augen!), kirschmundig, kleinbrüstig. Immer wieder gelang es, die eigenhändige Ölskizze Rubens' und das Werkstattbild zu vereinen, das KHM kann hier aus dem Vollen, aus 40 Rubens-Gemälden schöpfen.

Sein spätes Selbstporträt, am Anfang der Ausstellung platziert, sticht in seiner Dunkelheit und Strenge heraus. Zwei Jahre vor seinem Tod steht er uns hier gegenüber, herrschaftlich, ein Malerfürst, die eine Hand am Degen, die andere im Handschuh. Eher ein Kaufmann als ein Maler. Doch in seinem Inneren sah es anders aus, wild und fantastisch, so möchte Stefan Weppelmann es uns jedenfalls glauben machen, eine reizvolle Vorstellung jedenfalls: Am Ende der Ausstellung hängt daher die „Seelenlandschaft“ Rubens', so Weppelmann, die nach zweijähriger Untersuchung frisch restaurierte „Gewitterlandschaft mit Jupiter, Merkur, Philemon und Baucis“ (1620/25–1636). Ein tatsächlich grandioses Spektakel dramatisierter Natur, eine magische Verdichtung aus Luft, Licht, Wasser, Erde (und nur vier Figürchen ganz am Rand – okay, plus verendendes Rind im Strom und ein paar panischen Menschlein versteckt in der sich windenden Flora).

 1639

Das Erlebnis wird nur geschlagen durch den Extra-Shop, den man hier am Ende dieses fürs KHM ungewohnt in der Gemäldegalerie (nicht im Sonderausstellungsraum) aufgebauten Parcours findet. Rubens-Fanartikel, die man sich nie zu träumen gewagt hat, vom Medusen-Nattern-Shirt über den bedruckten Polster zu Op-Art-Kippkarten und Bonbonnieren mit Cellulitis-Bedruck. Eines weiß man jedenfalls: Rubens hätte diese Merchandising-Orgie geliebt, garantiert.

Bis 21. Jänner. Di–So 10–18 Uhr, Do bis 21 Uhr.


Gewitterlandschaft mit Jupiter, Merkur, Philemon und Baucis

Nota. - Damien Hirst, das ist bös. Aber Hans Makart, das kommt hin; wenn man bedenkt, das dieser das Original, jener der Nachahmer war
JE



Donnerstag, 12. Oktober 2017

Hodler im Wiener Leopold-Museum.

 aus Die Presse, Wien,                 Ferdinand Hodler, Die Dents Blanches, 1917

Der große Einheits-Hodler
Die bisher größte Ausstellung des Schweizer Starmalers seiner Zeit, Ferdinand Hodler, in Österreich ist eine würdige Rückkehr: in die Stadt, in der Hodler 1904 seinen internationalen Durchbruch hatte. Auf Einladung von Gustav Klimt.

 

Beginnen wir am Ende. Es ist der intensivste Moment der großen Ferdinand-Hodler-Ausstellung im Leopold-Museum, die heute eröffnet. Vielleicht der emotional intensivste Moment, den man zur Zeit überhaupt in einer Wiener Ausstellung erleben kann. Hodler, dieser aus einer armen Berner Familie stammende erste Malerstar der Schweiz (1852–1918), traf den Tod schon früh: Seine ganze Familie starb an Tuberkulose im Lauf seiner Jugend. Seine Mutter brach neben ihm auf dem Feld tot zusammen, als er 14 war. Als alter Mann, mit 62, musste er dann zusehen, wie seine große Liebe stirbt, nicht seine ihm ergebene Frau Berthe, die ihn weit überleben wird, sondern die Tänzerin Valentine Godé-Darel, die ihm gerade Tochter Paulette geboren hatte.


Die sterbende Valentine Godé-Darel am 24.Januar 

Ihr Dahinscheiden, sie hatte Krebs, muss eine Obsession für ihn gewesen sein, die er mit Kunst zu bewältigen suchte: 1914/1915 schuf er 200 Skizzen, 130 Zeichnungen, 50 Ölbilder und seine einzige Büste von der sterbenden Valentine. Diese Bilder füllen das „Sterbezimmer“, den letzten kleinen Raum der größten Hodler-Ausstellung, die Österreich bisher sah. Aber der Raum ist eine Sackgasse. Hier hätte man die Besucher auch nicht entlassen wollen, sagt Hans-Peter Wipplinger, Direktor und Kurator. Also tritt man wieder hinaus, in den Saal der letzten Landschaften, die Hodler gemalt hat: immer wieder den Genfersee, eben das, was er aus der Wohnung sah, die der Lungenkranke nicht mehr verlassen konnte. Mit dicken Strichen legte er Schichten aus Wasser und Licht übereinander, blau, gelb, blau, gelb. Der gezackte Gebirgsstreifen dazwischen wirkt wie der Umriss des aufgebahrten Körpers Valentines in seinen letzten Zeichnungen von ihr.

Genfersee mit Montblanc am frühen Morgen (März), 1918.

„Je mehr ich selbst der großen Einheit mich nähere, desto größer und einfacher soll meine Kunst werden“, hielt er dazu fest. Am 19. Mai 1918 ging er dann ein in diese Einheit mit der Natur, die er in Harmonie mit dem Menschen sehen wollte. Nur wenige Wochen davor war Gustav Klimt gegangen, der Hodler durch seine Einladung zur 14. Secessions-Ausstellung 1904 zu dessen internationalem (und finanziellem) Durchbruch verhalf („Wien hat mich aus dem Dreck geholt“). Wenige Monate später ging Egon Schiele, der Hodler verehrte und sich von ihm inspirieren ließ, wie ein Kapitel der Ausstellung zeigt, zum Beispiel in der Psychologisierung der Natur. Und noch ein enger Wiener Freund folgte Hodler nach, Koloman Moser, der zwar mit der Theorie des „Parallelismus“ des Schweizers, nach der man die Raster, die Linien, die Ordnungen der Natur betonte, wenig anfangen konnte. Aber u. a. die Hodler-Ausstellung 1904 in der Secession kuratierte.

Wilhelm Tell, 1896/97

Nur wenige dieser damals hier so gefeierten Gemälde konnte man jetzt wieder nach Wien bringen. Dafür das damalige Hauptwerk, den an der zentralen Wand prangenden großen „Wilhelm Tell“, frisch restauriert, der in seiner hollywoodesken Brachialität heute fast unfreiwillig komisch wirkt; er war ursprünglich für die Fassade des Schweizer Landesmuseums gedacht, das erklärt einiges. Fasst das Hodler-Klischee, das man im Allgemeinen so hat, aber natürlich bestens zusammen: monumental, national, hart.

Dirty Campaigning gegen Hodler
 
Das gibt es in der Ausstellung natürlich auch, der Vergleich mit den dunklen, schweren Sensenschwingern Egger-Lienz' lässt einen aber verstehen: Hodler war heller, ornamentaler, im Spiritualismus seiner Zeit verhafteter. Daher auch schwer angesagt bei den Kritikern, was Egger-Lienz dermaßen ärgerte, dass er einen Lohnschreiber beauftragte, boshafte Texte über Hodler zu veröffentlichen. Hätte er nicht nötig gehabt. Und kam bei der Wiener Gesellschaft, in der Hodler bestens vernetzt war, gar nicht gut an.

Albin Egger-Lienz, Drei Schnitter, um 1921

Hodler malte einfach weiter, seine (vielen) Frauen, alte (arme) Männer, Berge und Seen, symbolistische Visionen voll tanzender, eurythmisierter Leiber. Oft ließ er Gemälde fotografieren, um an den Fotos Änderungen auszuprobieren, bevor er sie auf die Leinwand übertrug. Einige dieser Fotos sind hier zu sehen. Diese wissenschaftliche Vorbereitung zeichnet diese Ausstellung aus, die doch eine von vielen Hodler-Ausstellungen in jüngerer Zeit ist (zur Zeit läuft eine in der Bundeskunsthalle Bonn): Eineinhalb Jahre hat man gemeinsam mit dem Archiv des verstorbenen Hodler-Forschers Jura Brüschweiler gearbeitet, um speziell die Beziehungen zu Wien aufzuarbeiten. Basisforschung, der man potente Leihgaben verdankt, u. a. konnten Teile der Wohnung rekonstruiert werden, die Josef Hoffmann für Hodler ausstattete.


 Der Frühling

Es ist jedenfalls eine würdige, bedenkenswerte, sehr empfindsame Rückkehr dieses Vielgeliebten nach Wien – am Vorabend der 100-jährigen Wiederkehr des großen Schicksalsjahrs der Wiener Kunst, 1918.

Bis 22. Jänner. Tägl. außer Di: 10–18 Uhr, Do. bis 21 Uhr.


Herbstbaum 

Nota. - Wäre ich nicht sowieso immer auf der Seite des Landschaftsmalers, würde ich sagen: Egger-Lienz war besser. Der Spur muss ich nachgehen, Hodler sei Dank.
JE


 

Dienstag, 10. Oktober 2017

Unfertig.


Delacroix, Pietà, Entwurf 1844


Delacroix, Pietà, 1850



Èdouard Manet, Die Hinrichtung Maximilians:

- Ölskizze (Boston)
- erste Version (Kopenhagen) 
- zweite Version (Mannheim)

Woran unterscheidet sich, ob ein Bild fertiger oder unfertiger ist? Für den Künstler ist das Bild dann am fertigsten, wenn er es am günstigsten verkaufen kann. Das heißt ja nicht unbeingt: am teuersten. Manchmal ist rascher teurer als teuer. Und manchmal ist ein Bild, das für weniger Geld einem namhaften Sammler verkauft werden konnte, besser verkauft als ein teures an eine neureichen Banausen. 

Und welches Bild dem Maler selber als das gelungenste scheint, steht auf einem ganz andern Blatt. Vielleicht verrät er es keinem, weil es sich seines wenig avantgardistischen Geschmacks halber geniert? Der Kunsthistoriker wird zweifellos die rohere, frühere Version als die echtere werten, weil sie ihm in der Regel als die expressivere und weniger an konventionellen (oder ästhetischen) Maßstäben gemessene vorkommt. Aber ein genuin ästhetisches Kriterium ist weder das eine noch das andere.

*

Ich werde an dieser Stelle nach und nach weiter Beispiele einfügen. (Für Hinweise bin ich dankbar.) 


Raffael, Disputa del sacramento, Entwurf

 Raffael, Disputa del sacramento, 1508-1511, Ausschnitt


Kandinsky, Entwurf I zu Komposition VII

 Kandinsky, Entwurf 2 zu Komposition VII

 Kandinsky, Entwurf 3 zu Komposition VII

 Kandinsky, Komposition VII, 1913

Matisse, Jeune fille à la robe verte, Etude et tableau. 1921. 

Matisse, Luxe, calme et volupté. Etude et tableau. 1905.


van Gogh, Letter to Émile Bernard, Arles, June 1888




van Gogh, Fishing Boats on the Beach at Les Saintes Maries de la Mer


Fragonard, La Poursuite (détail), esquisse pour la décoration du salon de la comtesse du Barry au château de Louveciennes, v. 1771


Fragonard, La Poursuite; décoration du salon de la comtesse du Barry au château de Louveciennes,  1773


Leonardo da Vinci, Isabella d'Este



Leonardo da Vinci, Isabella d'Este












Samstag, 7. Oktober 2017

Hans Thoma - neu entdeckt?

aus Badische Zeitung, 7. 10. 2017                                                                            Meereserwachen

"Die Philister sind empört"
Hans Thoma – neu entdeckt im Museum LA 8 in Baden-Baden.

von Hans-Dieter Frontz

Hans Thoma hat die Kunstwelt schon zu Lebzeiten gespalten und tut dies bis heute. Selbst in seinem Stammland Baden ist der Leumund des in Bernau geborenen Schwarzwaldmalers nicht der allerbeste. Für Helmut Dorner, Malereiprofessor in Karlsruhe und Träger des Hans-Thoma-Preises, der bedeutendsten Auszeichnung für Künstler im Südweststaat, ist er gesprächsweise ein rückwärtsgewandter Kleinmeister, der die Täler und Höhenzüge des Schwarzwalds malte, wie man einen Hunderücken streichelt. Die große Thoma-Schau im Frankfurter Städel vor vier Jahren stellte den – so ihr Titel – "Lieblingsmaler der Deutschen" seiner Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten wegen gleich selbst in die rechte Gesinnungsecke.

 Felsige Schwarzwaldhöhe 1889

In die er nun doch nicht gehört. Thomas konservatives bis reaktionäres Image war und ist die Folge dessen, dass er es im Alter nicht vermochte, sich aus der erdrückenden Umarmung des deutschnational gesinnten Kunsthistorikers Henry Thodes zu lösen. Kratzt man indes nur ein wenig an der Oberfläche seines Werks, ergibt sich ein gänzlich anderes Bild. Die Ausstellung im Museum für Kunst und Technik im 19. Jahrhundert in Baden-Baden zeigt uns einen ganz anderen Thoma.

Bernau im Schwarzwald

"Wanderer zwischen den Welten" nennt ihn die in Zusammenarbeit mit dem Augustinermuseum Freiburg und dem Thoma-Kunstmuseum in Bernau entstandene Schau im Untertitel; beide Häuser stellten eine beträchtliche Anzahl von Werken zur Verfügung. Tatsächlich war der vermeintlich biedermeierlich pinselnde Heimatmaler mit eng begrenztem Horizont ein vielseitig interessierter und weltoffener Künstler. Noch keine dreißig, ging Thoma 1868 nach Paris, wo er sich für die Malerei von Barbizon und Delacroix begeisterte; Courbet, der zu seinem Leitstern wurde, besuchte er im Atelier. Fünf Mal reiste Thoma nach Italien und lebte die meiste Zeit seines Lebens in Großstädten wie Düsseldorf und München, Frankfurt und Karlsruhe, wo er 1924 starb. In München verkehrte er mit Carl Schuch und Wilhelm Leibl und freundete sich mit Arnold Böcklin an.


Das Wiesenthal bei aufziehendem Gewitter

Treffender denn als intellektuell unbedarfter Idyllenmaler des Schwarzwalds wäre zumal der junge Thoma als Avantgardekünstler beschrieben. "Die Philister sind empört", verzeichnet ein Tagebucheintrag des 30-Jährigen als Reaktion der Kunstsinnigen auf seine Malerei. Überraschend modern anmutende Werke, teils aus dem 2008 ans Licht gelangten Nachlass, kann denn auch das Museum für Kunst und Technik aufbieten – Thoma und Technik? Durchaus, mit Anfang 50 experimentierte er mit der noch jungen Vervielfältigungstechnik der Tachografie. Neben Algrafien sind vier Tachografien zu sehen.

Harpye, Tachographie 1892
 

Als Student des berühmten Landschaftsmalers Schirmers erklärte Thoma den "lieben Schwarzwald" mit Bedauern für "unmalerisch" – um sich das Motiv dann doch nicht abhandeln zu lassen. Die Idylle von "Ziehende Herde" freilich mutet etwas abgründig an; im Spiegel des Tümpels – eines nicht sehr idyllischen, vielmehr unschönen Lochs mitten in der Landschaft – steht sie buchstäblich Kopf. Eine andere Landschaft mit einem Himmel von unwirklichem Blau wird zum Spiegel der "Einsamkeit" (1906). Auch Thomas Entwürfe für Brettstühle – Heimatkunst der ganz anderen Art – entwerfen seltsam vertrackte, gar nicht eben anheimelnde Szenerien.

Sommernachmittag im Schwarzwald

Gewiss, Thoma malt und zeichnet auch herkömmliche Idyllen: wahrhaft herzerquickende wie "Märchenerzählerin", eine Tachografie, und die beiden Algrafien "Blick auf Öflingen" sowie magische "Weihnachten I". Doch Thoma malt oder zeichnet zugleich einen abgehalfterten reitenden Tod und einen ominösen "Frühlingsreiter"; dazu durch die Lüfte fliegende "Rheintöchter" und "Winterweiber" oder einen "Sturz des Ikarus"; Tritonen auch und Nereiden, Harpyien oder den Vortrab des Dionysos, des Gottes der Ekstase. Den entfesselten "Hexentanz" nicht zu vergessen – und einen furiosen "Hexenritt", der Thoma, diesen janusköpfigen Faun vom Oberrhein, geradezu zum legitimen Nachfolger Hans Baldung Griens macht. 

Museum für Kunst und Technik LA 8 des 19. Jahrhunderts, Lichtentaler Allee 8, Baden-Baden. Bis 4. März, Di bis So 11-18 Uhr

Ostertriptychon


Informationen zur Ausstellung: Die Ausstellung zeigt Gemälde, Zeichnungen und Grafiken von Hans Thoma (1839–1924) und präsentiert Aspekte, die über die bekannte Vorstellung vom Maler seiner Schwarzwälder Heimat hinaus weisen. Selten ausgestellte Werkgruppen führen das thematische Spektrum und die Weltläufigkeit des berühmten Künstlers aus Bernau vor Augen. 

Die Wasserfälle bei Tivoli

Befreundet mit Arnold Böcklin und Adolf von Hildebrand, findet Hans Thoma auf seinen Italienreisen zum besonderen Licht seiner Landschaftsmalerei und zu fantastischen Anverwandlungen antiker und christlicher Motive. In seinen Entwürfen für die handwerkliche Möbelherstellung der Schnitzereischule Bernau und die Keramikproduktion der Majolika in Karlsruhe erweist sich Thoma als Mittler zwischen dem englischen Arts and Crafts Movement und jener Moderne, die später zur Gründung des Bauhauses führte. Die Ausstellung widmet sich Hans Thoma als genialischem Bilderfinder und als handwerklich präzisem Gestalter anspruchsvoller Alltagsgegenstände. Die weite Spanne seiner Produktivität bewältigt Thoma stets mit einer Art überscharfen in-den-Blick-Nehmens. Unter Thomas Blick erscheinen Menschen und Dinge so nah, dass sie dadurch fremd werden. 

Einsamkeit

Dabei fügt der Maler seinen Gegenständen keine mutwillige Verfremdung hinzu. Vielmehr erwächst die Infragestellung des scheinbar Bekannten wie von selbst aus der genauen, eindringlichen Betrachtungsweise Thomas. In der Ausstellung sieht der Besucher Hochtäler des Schwarzwalds und italienische Landschaften, allerdings anders. Thoma kombiniert Eindrücke der Bernauer Heimat mit solchen der Campagna und setzt in diese Szenerien alltägliche Spaziergänger ebenso wie mythologische Fabelwesen von bestechender Präsenz. Die Vergegenwärtigungen biblischer Figuren sind weit entfernt von erzählerischer Illustration und nahe bei ekstatischer Erscheinung. 

 
Sorrent

Selten gezeigte Gemälde aus allen Schaffensperioden dieses langen, bis zum Schluss erfindungsreichen Künstlerlebens vermitteln einen Eindruck von Thomas Vielfalt und Intensität. Zwei Skizzenbücher gestatten, dem Künstler bei der Ideenfindung gewissermaßen über die Schulter zu schauen. Zum ersten Mal publizierte Blätter geben Eindrücke von Thomas erster Italienreise 1874 wieder. Thomas Entwürfe zu Möbeln und Keramiken sowie markante Beispiele der ausgeführten Stücke belegen seine Originalität als Gestalter und seine Rolle als Mitbegründer der Karlsruher Majolika. Als bereits etablierter Künstler eignete sich Thoma in den 1890er Jahren das für ihn neue Feld der Druckgrafik an und gelangte mit großer technischer und motivischer Experimentierfreude in seinen Radierungen, Lithografien, Algrafien und Tachografien bald zu souveräner Meisterschaft. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Augustinermuseum in Freiburg. Zusätzliche Leihgaben stammen aus renommierten privaten und öffentlichen Sammlungen.  (Quelle: Pressetext)

Weißes Schloss am Wegrand 


Nota. - An dieser Stelle muss ich mich wiederholen (aus einem älteren Kommentar):

"Das ist die richtige Frage, die die Autorin stellt: Wenn man von seiner Wirkungsgeschichte absieht - verdient Thoma dann Beachtung? Aber eine Antwort gibt sie, abgesehen von dem verschämten Hinweis auf  'Melancholie', nicht. Naiv - das ist treffend, wie das Zitat aus der FAZ unterstreicht. Ein sehr ordentlicher Handwerker, aber kein Neuerer, weder stilistisch noch hinsichtlich der Sujets. Kunstgeschichte hat er nicht geschrieben, aber darauf hat er anscheinend auch keinen Wert gelegt; nicht ganz zu Unrecht, denn das ist Sache der Kunsthistoriker und nicht der Künstler. Und dass er von sich aus ein Deutschtümler gewesen sei, kann man bei der Vielfalt seiner Sujets nicht behaupten. Ein bißchen epigonal, das ja, aber eher dem Realisten Courbet verpflichtet als dem Frömmler C. D. Friedrich; überhaupt kein Wichtigtuer und sich nicht zu schade, fürs gemeine Volk auch Postkarten zu illustrieren. So schlecht finde ich das gar nicht, es trifft nur eben nicht meinen Geschmack.
J.E."
Die Hölle
    

Schließlich noch ein paar Stühle, die Thoma angefertigt hat:





Und hier ein wenig Majolika:

 Schwanenteller

 Hasenteller

 Harpye

 Pfauentauben, Supraporte

 Wandteller 'Fabelwesen'

 Musizierende Frau

Und dies zum Schluss: Der Wunsch, schöne Dinge in Serie fürs breite Publikum zu schaffen, ist so naiv gar nicht; jedenfalls nicht, wenn es ohne missionarischen Eifer geschieht.
JE