Dienstag, 31. Januar 2017

Neue Felskunst in der Dordogne gefunden.

 
aus derStandard.at, 30. Jänner 2017, 13:40                                                                             Ritzzeichnung aus dem Abri Blanchard

38.000 Jahre alte Felskunst im Südwesten Frankreichs entdeckt
Rätselhafte Ornamente um eine Tierzeichnung erinnern an Funde aus anderen Regionen

Paris – Ein internationales Forscherteam hat im Südwesten Frankreichs ein 38.000 Jahre altes Kunstwerk entdeckt. Die Ritzzeichnung auf einer Steinplatte im Département Dordogne müsse zu den ältesten Felszeichnungen Europas gezählt werden, schreiben die Forscher um Raphaëlle Bourrillon (Oxford University) und Randall White (New York University).

Die Darstellung zeigt nach Interpretation der Archäologen einen stilisierten Auerochsen, der von mehreren auffälligen Punktreihen umgeben ist. Solche Ornamente sind auch aus anderen Fundstätten bekannt, etwa aus der Höhle von Chauvet und von Funden auf der Schwäbischen Alb.
 
Unklare Bedeutung
 
Die Verbreitung der Technik und die thematische Ähnlichkeit der Darstellungen ließen auf eine überregionale Bedeutung schließen, so die Forscher im Fachblatt "Quaternary International". Wofür die Muster stehen, ist allerdings unklar. Sie sind jedenfalls fast immer um oder neben Abbildungen von Tieren zu sehen.
 
Gleichzeitig weisen die Ornamente der verschiedenen Fundorte auch Eigenheiten auf, was Ausdruck der Entwicklung regionaler Identitäten sein dürfte. "Die Entdeckung wirft ein neues Licht auf die regionale Ausprägung von Kunst in ganz Europa zu einer Zeit, in der sich der moderne Mensch über den Kontinent verbreitete", sagte White.
 
"Nach ihrer Ankunft aus Afrika ließen sich die modernen Menschen in West- und Mitteleuropa nieder und verfügten zunächst über große Gemeinsamkeiten in ihrer grafischen Ausdrucksweise", so der Forscher. Mit der Zeit entstanden dann regionale Unterschiede. Die Fundstätte im Tal des Flusses Vézère ist schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt. Neue Ausgrabungen einer teilweise eingestürzten Höhle brachten das Kunstwerk ans Licht. (red.)


Abstract
Quaternary International: "A new Aurignacian engraving from Abri Blanchard, France: Implications for understanding Aurignacian graphic expression in Western and Central Europe"




aus scinexx                                                                     aus Hohle Fels, Schwäbische Alb

Frankreich: 38.000 Jahre alte Felskunst entdeckt
Rätselhafte Punkte erweisen sich als überraschend weit verbreitetes Motiv

Rätselhafte Punkte: In einem Felsunterstand in Frankreich haben Archäologen eine der ältesten Felszeichnungen Europas entdeckt. Es handelt sich um die rund 38.000 Jahre alte Ritzzeichnung eines Auerochsen, der von Punktreihen umgeben ist. Das Besondere daran: Solche Punktreihen finden sich auch in der Grotte von Chauvet und in Höhlenbildern aus der Schwäbischen Alb. Das spricht für eine ortsübergreifende Bedeutung dieser Symbole – auch wenn sie noch nicht entschlüsselt ist.

Schon die ersten Vertreter des Homo sapiens in Europa hinterließen vor rund 40.000 Jahren ihre Kunst an Höhlenwänden und auf Felsbrocken. Diese Kunst der Aurignacien-Kultur reicht von Handabdrücken über einfache Tierfiguren bis hin zu halbabstrakten Darstellungen von Körperteilen und rätselhaften Punktreihen.

Auerochs mit Punkten

Jetzt haben Raphaelle Bourillon von der University of Oxford und ihre Kollegen ein weiteres Beispiel dieser seltsamen Punktreihen entdeckt – eines der bisher ältesten bekannten Kunstwerke mit diesem abstrakten Motiv. Sie entdeckten das Kunstwerk auf einer Steinplatte im Felsuntertand Abri Blanchard in der Dordogne.

 

Die rund 38.000 Jahre alte Ritzzeichnung zeigt einen stilisierten Auerochsen, der von Punktreihen umgeben ist. "Dieses Bild zeigt signifikante technische und thematische Ähnlichkeiten mit der Höhle von Chauvet, die sich auch in anderen Felszeichnungen aus dem Abri Blanchard finden", berichten die Forscher. "Die geordneten Punktreihen finden sich in Chauvet, in Süddeutschland und auf einigen andern Objekten aus dem Abri Blanchard und den umgebenden Aurignacien-Stätten." 

Auffallende Gemeinsamkeiten

Was diese Punkte bedeuten, ist bisher völlig unklar. Während sie in der Hohle-Fels-Höhle in der Schwäbischen Alb in Form von roten Doppelreihen auftreten, sind sie in der Höhle von Chauvet und auch im Felsunterstand Abri Blanchard eher gruppenweise zu sehen und stehen meist in der Nähe von Tierfiguren.

 

Das häufige Auftreten dieser Punktsymbole spricht nach Ansicht der Forscher dafür, dass sie für unsere Vorfahren eine große Bedeutung hatten – auch wenn diese bisher nicht entschlüsselt wurde. "Die Entdeckung der neuen Felsbilder wirft ein neues Licht auf die Muster und Ornamentation zu einer Zeit, als die ersten Menschen sich in Europa verbreiteten", sagt Koautor Randall White von der New York University.
 

Obwohl die verschiedenen Gruppen der ersten Homo sapiens weit entfernt voneinander lebten, nutzen sie demnach sehr ähnliche Motive, die durch regional typische Eigenheiten ergänzt wurden. Möglicherweise stützt dies die Theorie, dass unsere Vorfahren die Fähigkeit zur Kunst und erste Motive schon aus Afrika mitbrachten. (Quaternary International, 2017; doi: 10.1016/j.quaint.2016.09.063)
(New York University, 30.01.2017 - NPO)

Freitag, 27. Januar 2017

Chipperfield hat Recht.


Der Baum stört.
 
Wenn man meint, das Haus der Kunst in München sei ein kulturhistorisches Denkmal, das erhaltenswert ist, muss man das erhalten, was seine kulturhistorische Besonderheit ausmacht - seine Ästhetik. Wenn man gerade die nicht erhalten will, weil sie steingewordene Naziideologie ist, dann soll man es gefälligst abreißen. Wenn man als Politiker weder zu diesem noch zu jenem den Mut hat, soll man seinen Platz für andere freimachen.

Haus der Kunst Diskussion um Haus der Kunst



Samstag, 21. Januar 2017

Monet in der Fondation Beyeler.

aus nzz.ch, 21. 1. 2017                                                     Près de Vernon, Île aux Orties, 1897

Augen auf!  
von Philipp Meier  
 
Die NZZ hat mir rückwirkend die Verbreitung ihrer Inhalte untersagt. Ich werde sie nach und nach von meinen Blogs löschen 
Jochen Ebmeier

Die Hütte des Zollwärters 1882


 
Seerosen, 1916-1919.



Sonnenuntergang über der Seine im Winter, 1880.


Pappeln am Ufer der Epte, 1891


Eisschollen oder Eisgang auf der Seine, 1880

Jean-Pierre Hoschedé und Michel Monet am Ufer der Epte, um 1890


Blick auf Bordighera, 1884


Morgen an der Seine, 1897


 
Vagues à la Manneporte, 1885

Monet. Fondation Beyeler, Riehen, bis 28. Mai. Katalog Fr. 62.50.


Le bassin aux nymphéas

Nota. - Ach, nehmen Sie doch den Mund nicht so voll, junger Mann! Monet wollen Sie uns "neu entdecken "? Da hätten Sie aber früher aufstehen müssen. Jetzt bleibt Ihnen nur, ganz tief in die rhetorische Trickkiste zu langen.

'Rein optische' Phänomene werden schlechterding nicht verhandelt, sie werden abgebildet, beschrieben oder sonstwie wiedergegeben, aber verhandelt nun gerade nicht, dazu müssten sie zu irgendetwas Anderem in Relation stehen, und das tun sie eo ipso nicht, weswegen man sie auch als ästhetische Gegebenheiten bezeich- net.

Und es ist ja wirklich des längeren Hinschauens und auch wohl des Nachdenkens wert, worin der Unterschied zwischen 'Kunst' und 'bloßer Dekoration' besteht. Da ist einer, ich weiß es auch, doch frage mich keiner, worin er besteht. Sie aber sagen es, als hätte Sie wer danach gefragt: Es ist der "Wahrheitsgehalt" der Kunst!  

Dipapacéquoi, heißt eine Glossenspalte in mancher französischen Zeitung: "Papa-sag-was-ist-das?" 

Damit wir nicht ganz im Dunkel stehen, lassen Sie die Katze aus dem Sack: Monet habe nicht Dieses oder Jenes, sondern Bilder gemalt, und das sei das eigentlich Moderne an ihm. Das ist wohl wahr, aber da haben Sie Amerika neu entdeckt. Nein, nicht dass das über Monet - zu Recht - schon öfter gesagt wurde, sondern dass das bereits über Corot gesagt wurde, ist die olle Kamelle daran. Und natürlich schon über Turner, aber bei dem könnte man streiten. Allerdings würde man das von einem Dekorateur auch sagen dürfen; kennen Sie Odilon Redon?

Herr Meier, es ist schon eine Ehre, für die Neue Zürcher Kunstausstellungen besuchen zu dürfen, und dass sie die Brust eines jungen Mannes bis zum Platzen weitet, wird jedermann verstehn. Aber es sollte ihm Anlass sein, sich in der Sache Mühe zu geben, und nicht nur feste die Backen aufzublasen und zu pusten. 

Augen auf, aber nicht den Mund, kann ich da nur sagen.
JE


 

Freitag, 20. Januar 2017

Joel Shapiro im Kunstmuseum Winterthur.

Der amerikanische Bildhauer Joel Shapiro lässt sich gerne vom Zufall überraschen. Jede Arbeit könne auch anders aufgehängt werden, sagt der Künstler.
 aus Der Landbote, 11.01.2017

Zwischen Himmel und Erde 
Befreit von der minimalistischen Strenge, beginnen die farbigen Holzfiguren des Bildhauers Joel Shapiro zu tanzen und zu fliegen. Das Kunstmuseum Winterthur zeigt eine Werkauswahl des amerikanischen Künstlers.

von Adrian Mebold 

Der 1941 in New York geborene Joel Shapiro musste gestern auf dem Rundgang durch die Ausstellung lächeln, als er sich an sein einstiges Rebellen-Image erinnerte – ein Ruf, den er sich in den 1970er Jahren mit seiner Opposition gegen die Minimal Art zugezogen hatte. Das war damals beinahe ein heroischer Akt.
 

Denn der auch als New Yorker Kunstpapst amtierende Künstler Donald Judd (1928-1994) hatte seine Idee vom «specific object» zum künstlerischen Imperativ erhoben. Weder figurative Referenzen noch erzählerische Momente wurden geduldet.
 

Judds kunstheoretisches Machogehabe beeindruckte Shapiro offensichtlich wenig. Und dennoch spürt man etwas vom strengen Geist der Minimal Art in der fensterlosen «Kapelle» des Kunstmuseums-Erweiterungsbaus, wo zwölf geometrische Eisen- und Bronzegussobjekte direkt auf dem grauen Betonboden ausgelegt sind. Sie stammen aus den 1970er Jahren. Nicht nur von der Grösse her verweigerte der junge Shapiro seinen Stücken den Anspruch des Monumentalen. Sehr subtil unterlief er auch Judds Negation des Inhaltlichen, indem etwa ein Öffnung im Volumen auf eine Behausung anspielt. 



Auch die Emanzipation vom Diktat des flachen Bodens und der Ganzheitlichkeit wird subtil sichtbar gemacht. In der hintersten Ecke, beinahe versteckt und gelassen inszeniert, gelingt einer Miniaturskulptur die Metamorphose vom Block zur liegenden Figur mit abstraktem Torso, Beinen und Armen.
 

Das Miniformat ist keineswegs nur formal bedingt. Im Gespräch gesteht der Künstler, dass die Miniaturisierung, nicht nur in dieser Kleinskulptur, auch ein Ausdruck einer persönlichen Befindlichkeit sei. Später, im grösseren Massstab, lernte diese Bronze das Gehen und Tanzen und wurde schliesslich zur wichtigen Leitfigur, mit der Shapiro beachtliche Erfolge in Museen und Sammlungen weltweit feiert, auch im öffentlichen Raum, etwa beim Holocaust Memorial in Washington D.C.
 

Leidenschaft für Experimente
 

Im Ablauf der Ausstellung stösst man vermutlich erst zum Schluss auf diese frühe Werkphase, die – ohne Hintergrundinformation und als Kontrast zu den anderen drei Sälen – wie ein stimmungsmässiger Antiklimax wirkt. Geradezu beglückend sind nämlich die drei Haupträume bestückt, mit Ausnahme der als Fries angeordneten Reliefs alles Werke der letzten zehn Jahre.
 

Und sie zeigen einen Künstler mit einer höchst experimentellen, an die Avantgarde der Moderne erinnernden Haltung. Shapiro erkundet dabei den Umgang mit Materialien (Brettchen, Vierkanthölzer, Fäden, Draht), Farben (vielfach kaseinfarben) und vor allem die Erprobung verschiedener Präsentationsformen.

 
«Das Letzte, das ich anstrebe, ist, mich selbst zu langweilen», kommentiert Shapiro die Vielfalt seiner Raumcollagen. Nicht mit Hammer und Meissel aus Marmor gehauen, sondern mit seinen Händen und mit der Nagelpistole bewaffnet fügt er die buntfarbigen Holzstücke zu kompakten Assemblagen oder entwirft Szenerien mit intensiver erzählerischer Assoziationskraft. Museumsdirektor Dieter Schwarz erinnerte an Alberto Giacomettis surrealistisch inspirierte Mini-Bühnen.
 

Sich überraschen lassen
 

Bewegte Shapiro seine Skulpturen vom Boden weg und fixierte sie an der Wand, so erscheint die Hängung im Raum der radikalste und zugleich der spielerischste Schritt in einer an Überraschung reichen Entwicklung. Doch ganz anders als Calder spannt Shapiro seine abstrakten Konfigurationen, oftmals mehr fragile Raumzeichnungen als materielle Skulptur, an Fäden und Drähten zwischen Decke und Boden. Das ist so herrlich intuitiv gebastelt und entsteht aus dem Moment. Der Betrachter sieht gar ein fragiles Holzskelett gefährdet, als Shapiro in didaktischer Absicht daran demonstrieren will, wie er vorgeht. «Das lassen wir wohl besser bleiben», meint er mit einem komplizenhaften Lächeln. «Jede Arbeit könnte eigentlich auch anders aufgehängt werden. Ich mag die Kontingenz, die andere Möglichkeit, die mich dann selbst überrascht». 



Eine deutliche Absage an das Konzept der zwingenden Notwendigkeit. Schöner als im letzten Saal könnte man diese Offenheit nicht erleben, wo dünne, farbig bemalte Bretter wie zwischen Himmel und Erde aufgespannt sind, aufgewirbelt und getragen von einem zufälligen Windstoss.
 

Joel Shapiro: Floor Wall Ceiling. Kunstmuseum Winterthur, Museumstrasse 52. Bis 17. April.


 
aus nzz.ch,                                                   Study (20 Elements) 2004

Die Grazie der Marionette
Joel Shapiro zeigt im Kunstmuseum Winterthur eine Auswahl seiner Skulpturen – und manchmal spielt er ein bisschen Gott.

von Susanna Koeberle

Die NZZ hat mir rückwirkend die Verbreitung ihrer Inhalte untersagt. Ich werde sie nach und nach von meinen Blogs löschen 
Jochen Ebmeier






 20 elements im Musé d'Orsay

Nota. - Calder, Bauhaus, Tinguely, ja und warum nicht Malevitsch! Das kommt einem alles in den Sinn, wenn man diese Sachen sieht, und mehr noch dem, der mehr kennt als ich. Ein Potpourri, nichts Eigenes, nichts Besonderes? Ja, schon. Aber was für die Augen, besser kann sich Kunst nicht rechtfertigen (vor Leuten, die das von ihr erwarten).


PS. Er malt auch, aber das gefällt mir nicht.
JE


Mittwoch, 18. Januar 2017

Kein Geschlechterkampf im Frankfurter Städel.

aus nzz.ch, 18.1.2017, 05:30 Uhr                                 Gustav Adolf Mossa, Sie,1905 (Sehn Sie nur das Monsterchen in ihrem Schoß!) 

Das Verhängnis ist eine Frau
Das Thema «Geschlechterkampf» ist alles andere als charmant, die Spannweite reicht von den schwülstigen Symbolisten bis hin zu zweifelhaften erotischen Phantasien surrealistischer Künstler.

von Andrea Gnam 

Die NZZ hat mir rückwirkend die Verbreitung ihrer Inhalte untersagt. Ich werde sie nach und nach von meinen Blogs löschen 
Jochen Ebmeier

Jean Benne Salome um 1899



 Franz von Stuck, Adam und Eva, 1920-1926 


Lovis Corinth, Salome II, 1899-1900 



Max Liebermann, Simson und Delila, 1902 



 Manet, Amazone, 1882



Claude Cahuns, Que me veux-tu? 1928

Maria Matins, O impossivel 1945

Geschlechterkampf. Von Franz Stuck bis Frida Kahlo. Frankfurt am Main, Städel, bis 18. März. Katalog € 39.90.

Nota. - "Kunst bezieht sich auf ihre eigene Geschichte und ist zugleich kühnes Experimentierfeld für Fragen, welche das eigene Dasein in seiner privaten wie sozialen Dimension bewegen."

Dieses Blog ist für das Ästhetische und insofern auch fürs Künstlerische. Andere Themen gehören nicht ganz hierher. An Ästhetisch-Künstlerischem hat die Ausstellung anscheinend nicht viel zu bieten, die Rezensentin freut sich, wenn sie auf ihrem Rundgang endlich zu den surrealistisch angehauchten Sachen kommt; oder weil sie von Frauen sind? Denn die eigentliche Konzeptlosigkeit des Städel, das auch das Sachthema umgeht und auch wieder nur eine Ausstellung macht, um Publikum anzuziehen, bemängelt sie; namentlich das Fehlen einer feministischen Pointe. 

Mich würde gerade deren Fehlen gar nicht stören, aber das zu erörtern ist hier nicht der rechte Platz, ich bräuchte - brauche - ein eigenes Blog dafür: Hier ist es, klicken Sie nur!
JE


Dienstag, 10. Januar 2017

Turner und das Sikkativ.

Ölgemälde von William Turner aus dem Jahr 1842. Er malte dieses Bild eines Bergmassivs in der Schweiz bereits nach Einführung der ersten chemischen Trocknungshelfer für Ölfarben.
aus scinexx

Alten Meistern auf die Palette geschaut
Chemiker enthüllen das Geheimnis der schneller trocknenden Ölfarbe 

Chemische Helfer: Maler des 19. Jahrhunderts wie William Turner verdanken ihren Ausdrucksreichtum auch einer chemischen Innovation. Denn sie nutzten erstmals Sikkative, um ihre Ölfarben schneller trocknen zu lassen. Das chemische Geheimnis hinter diesen frühen Trocknungshelfern haben französische Forscher nun genauer untersucht. Demnach spielten vor allem Blei und freie Radikale eine entscheidende Rolle. 

Über Jahrhunderte hinweg bestanden Ölfarben für die Malerei nur aus natürlichen Ölen wie Leinöl oder Walnussöl und Pigmentpulvern. Das erlaubte zwar durch Mischungen eine Vielzahl von Farbnuancen, dafür aber benötigten die einzelnen Farbschichten Wochen, um zu trocknen. Ein Kunstwerk zu vollenden dauerte allein deswegen manchmal Monate bis Jahre. Bestimmte Maltechniken wiederum ließen sich mit diesen langsam trocknenden Ölfarben gar nicht umsetzen.
 
Ein Gemälde in nur drei Tagen

Im frühen 19. Jahrhundert jedoch änderte sich dies. Eine chemische Innovation eröffnete Künstlern wie dem englischen Maler William Turner ganz neue Maltechniken und Ausdrucksmöglichkeiten. Denn erstmals gab es ein Mittel, das Ölfarben sehr viel schneller erhärten ließ. "Turner demonstrierte damit 1841, dass er ein Werk in nur drei Tagen vollenden konnte – ein Rekord für die damalige Zeit", berichten Laurence de Viguerie von der Sorbonne und ihre Kollegen.
Clouds over the sea and sunset, 1842: Öl oder Aquarell?
 

Diese sogenannten Sikkative gibt es noch heute. In kleinen Mengen der Ölfarbe zugesetzt, fördern sie die Bildung vernetzter Moleküle und sorgen so dafür, dass die Farbe gelartig erstarrt. Wie genau die ersten Sikkative des 19. Jahrhunderts dies chemisch gesehen bewirkten, ist jedoch bisher kaum untersucht worden.
 
Historisch-chemische Spurensuche

Um das Geheimnis von Turners "Wunderfarbe" zu ergründen, haben De Viguerie und ihre Kollegen mit Hilfe von historischen Dokumenten und chemischen Analysen der Gemälde die Formeln für die frühen Sikkative rekonstruiert. Auf deren Basis gelang es ihnen, die historischen Trockenhilfen herzustellen und ihre chemischen Eigenschaften eingehend zu untersuchen.

 

Das gummiartige Harz der Mastix-Pistazienbäume (Pistacia lentiscus) ist ein entscheidender Bestandteil des Sikkativs.
Das gummiartige Harz der Mastix-Pistazienbäume (Pistacia lentiscus) ist ein entscheidender Bestandteil des Sikkativs.
Wie die Analysen enthüllen, bestanden die Sikkative von Turner und seinen Zeitgenossen vor allem aus Mastix-Harz und Bleiacetat. Bereits winzige Mengen dieser Mischung reichen aus, um zusammen mit den Ölfarben ein hybrides, organisch-anorganisches Gel zu bilden, wie die Forscher berichten. In diesem Gel bilden sich miteinander verflochtene kettenförmige Moleküle, die die zuvor flüssige Farbe erstarren lassen.
 
Harz, Blei und freie Radikale

Die Grundbausteine für die vernetzten Polymere liefert dabei das Mastix-Harz. Dieses gummiartige Harz spezieller Pistazienbäume enthält verschiedene Kohlenwasserstoffe, darunter Triterpenoide. Bei Anwesenheit von Blei bilden diese aus mehreren Ringen bestehenden Moleküle untereinander Bindungen. Das lässt die Farbmischungen erstarren. Das Blei spielt dabei sowohl eine Rolle als Katalysator, trägt aber auch selbst zur Strukturbildung bei, wie die Forscher berichten.

Wie De Viguerie und ihre Kollegen herausfanden, spielen aber auch freie Radikale für die Trocknung durch die Sikkative eine Rolle. So lässt eine Bestrahlung der Farbmischungen mit UV-Licht diese noch schneller erstarren. Gaben die Forscher dagegen Radikalfänger in die Gelmischung, verzögerte dies die Trocknung der Farbe um mehrere Tage. Wie sie erklären, fördern die freien Radikale die Ausbildung der Bindungen zwischen den Polymerbausteinen – und damit das Erstarren der Mischung. 

1835-40; Aquarell oder Öl?

"Unsere Studie liefert damit neuen Einblicke in das Verhalten dieser hybriden organisch-anorganischen Materialien", konstatieren die Wissenschaftler. William Turner und seine Zeitgenossen jedoch wussten die Vorteile dieser chemischen Innovation auch ganz ohne solche Einblicke zu nutzen. Sie probierten einfach aus, was für ihre Zwecke am besten funktionierte. (Angewandte Chemie International Edition, 2017; doi: 10.1002/anie.201611136)

(CNRS (Délégation Paris Michel-Ange), 10.01.2017 - NPO)
Nota. - Das Hammerklavier hat die europäische Kunstmusik revolutioniert, die elektrische Bassgitarre die internationale Unterhaltungsmusik. Auch in der bildenden Kunst verursachen technische Neuerungen Umwälzungen in der Art zu malen - und folglich in der Art zu sehen. 

Wasserfarben gab es schon ewig, und eigentlich sind sie die ältesten Fraben überhaupt; aber eine spezifische Aquarellmalerei konnte daraus erst entstehen, als die Industrie - noch eine kleine, handwerkliche - das geeignete Papier dafür lieferte

Was die industriellen Ölfarben aus der Tube für Umwälzungen bei den Impressionisten oder gar bei van Gogh bewirkt haben, ist weitestgehend bekannt. Aber dass erst das Sikkativ die Malweise Turners ermöglicht hat, ermöglicht, in Öl wie mit Wasser zu malen, ist neu. Er hat nach dieser Möglichkeit gesucht: Es ist nicht leicht, auf Reproduktionen nach bloßem Augenschein seine Aquarelle von seinen Ölskizzen auf Papier zu unterscheiden. Mir gelingt es meist nicht.
JE 
 Das ist eine Ölskizze.

Montag, 9. Januar 2017

Ist es, was ich denke?


Wenn Sie denken, das sei ein früher Mark Rothko, sind Sie im Irrtum. Das ist bekannt als "Studies of the Moon over the Pyramids and Sunset Clouds over Stonehenge", stammt aus einem Skizzenbuch von William Turner und wurde gemalt um das Jahr 1822.

Aber dass es Rothko als, sagen wir mal, Anregung gedient hat, könnte ich mir schon vorstellen.
JE