Freitag, 31. Juli 2015

Kunst ist doch so alt wie der Mensch.

aus Die Presse, Wien, 4. 12. 2014

Schon Homo erectus ritzte Muster in Muschelschalen

Kunst ist viel älter als bisher gedacht, das zeigt die Neuauswertung alter Funde in Java: Dort wurde 1891 der Erste unserer Ahnen außerhalb von Europa ausgegraben. Und der war vor 540.000 Jahren schon intelligent genug für Abstraktion und Symbole. Solche Muster macht die Natur nicht, Zickzacklinien in einer Muschelschale, streng symmetrisch, ohne Unterbrechung durchgezogen. 



Solche Muster macht nur der Mensch, man bringt sie mit hohen intellektuellen Fähigkeiten in Verbindung, denen der Abstraktion und des Denkens in Symbolen. Deren Geburt sah die Forschung lange in Europa, vor 35.000 Jahren wurden Höhlenwände mit Malereien geschmückt. Aber das war ein eurozentrisches Vorurteil: Die bisher ältesten bekannten Formen von unstrittiger Kunst fanden sich in Südafrika, Rautenmuster in Ocker geritzt, vor 77.000 Jahren, Ähnliches wurde auch in Schalen von Straußeneiern graviert. Gar 100.000 Jahre alt sind perforierte Meeresschnecken in Nordafrika, sie waren keine gestaltete Kunst, aber doch Schmuck. Immerhin, die Verfertiger von allem gehörten zu uns, den Homo sapiens oder auch „modernen Menschen“ – so nennt uns die Anthropologie wegen unserer vergleichsweise grazilen Gestalt –, außer uns konnte schließlich niemand die nötige Intelligenz aufbringen.

Auch das erwies sich als Vorurteil, mit ähnlich perforierten Muscheln schmückten sich auch Neandertaler in Gibraltar, in Italien benützten sie dazu Vogelfedern, und bei kunstvoll geschnitzten Figurinen aus Mammutelfenbein auf der Schwäbischen Alb – etwa 35.000 Jahre alt – hielten möglicherweise auch Neandertaler die Messer in den Händen. Immerhin, sie waren ja Zeitgenossen unserer Ahnen. Das kann man von einem anderen nun wirklich nicht behaupten: Homo erectus. Mit ihm erhoben sich die Menschen endgültig zum aufrechten Gang – vor etwa 1,8 Millionen Jahren –, und mit dem erwanderten sie die Erde, sie kamen etwa nach Java. Dort, im Osten der Insel bei Trinil an der Mündung des Solo-Flusses, fand Eugéne Dubois 1891 den ersten, es war zugleich der erste Fund eines Ahnen außerhalb von Europa. 


Besonders bemerkenswert:  In den Winkeln finden sich keine Zwischenräume.
Mit Haifischzähnen gebohrt und graviert
Aber Dubois grub auch anderes an den Ufern aus – in der „Hauptknochenschicht“, die Forschung sprach damals noch Deutsch –, Schalen von Süßwassermuscheln, vor allem von Pseudodon. Die wurden nicht von der Natur in die Hauptknochenschicht gebracht: Sie stammen alle von ausgewachsenen Individuen, und sie haben alle eigenartige Perforationen, dort, wo innen die Muskeln ansetzten. Das sind keine Bissspuren von Ottern, Ratten oder Affen – sie alle ernähren sich auch von den Muscheln –, auch keine Hackspuren von Vögeln. Sie sehen vielmehr exakt so aus wie die, die Menschen viel später in der Karibik in Muscheln bohrten, um sie zu öffnen. Dazu braucht es allerdings so spitze wie stabile Werkzeuge, und auch dafür fanden sich Kandidaten in der Hauptknochenschicht: Haifischzähne.

Mit denen kann man exakt die gleichen Löcher in die Muschelschalen bohren, Wil Roebroks (Leiden), der die ganze Kollektion von Dubois im Museum ausgewertet hat, hat es in experimenteller Archäologie getan, er hat auch bemerkt, dass viele Muschelschalen so zugeschliffen waren, dass man sie zum Schneiden benutzen konnte. Und dann stieß er auf den Höhepunkt der Sammlung: eine Muschel mit Gravur. Sie, die eine Muschel mit der Gravur, sie ist, wie die anderen auch, etwa 540.000 Jahre alt (Nature, 3. 12.). Damals gab es noch keinen Homo sapiens – der entstand vor etwa 150.000 Jahren in Afrika –, damals gab es Homo erectus.
Abstract
Nature: "Homo erectus at Trinil on Java used shells for tool production and engraving"


aus scinexx

"Ein einzelnes Individuum muss dieses Muster mit einem Werkzeug in einer Sitzung erstellt haben", so die Forscher. Sie vermuten, dass das Muster wahrscheinlich in die frische, noch mit der braunen Schalenhaut überzogene Muschel eingeritzt wurde. "Das hätte ein auffallendes Muster von weißen Linien auf einer dunklen 'Leinwand' erzeugt", so die Wissenschaftler.

Der innere Rand dieser Muschel wurde durch vorsichtiges Bearbeiten geschärft. © Francesco d’Errico/ Université de Bordeaux
Nota. Gerade weil es so rudimentär ist, darf man es gewisser Kunst nennen als die Höhlenmalerei von Lascaux. Jene diente kultischen Zwecken, der Beschwörung des Jagdglück vermutlich; dies Muster jedoch diente keinem ersichtlichen Zweck, es ist nur der Schönheit halber da: ästhetische Kunst, wie sie im Westen erst im 19. Jahrhundert wieder aufkam. Dass es erst noch vereinzelt auftrat, macht die Sache nur plausibler. 

- Es beleuchtet im übrigen meine Lieblingsthese, wonach 'der Geist' des Menschen - entstanden als ein Ersatz für die verlorenen Selbstverständlichkeiten seiner verlassenen Urwaldnische - selber ein 'ästhetisches', poietisches Vermögen ist, das erst im Verlauf der Geschichte, namentlich unserer Geschichte seit der Sesshaftwerdung und der Erfindung des Ackerbaus, in einen ökonomischen und einen in specie ästhetischen 'Anteil' aufgespalten wurde; indem die ökonomische Seite ein Jahrzehntausend lang die andere Seite überwuchert und verdeckt hat. - Also aufgetreten wären sie, den javane- sischen Funden zufolge, gemeinsam. Dass sich das Vermögen zu nützlicher Arbeit abgespalten und verselbständigt hat, ist nun kein Wunder: Technische Neuerungen lassen sich, anders als ästhetische, akkumulieren, es kommt die Vorstellung von einem Fortschritt auf und die dazugehörige Idee der Vollkommenheit; welch letztere dem Fortschritt eine ästheti- sche Aura mitteilt.

Für eine Spekulation aufgrund eines einzigen archäologischen Dokuments läuft das ein bisschen zu rund, das gebe ich zu. Aber der Fund passt immerhin in mein Schema, in ein anderes passte er weniger gut - soviel werde ich doch wohl sagen dürfen.
JE, 4. 12. 14


Donnerstag, 30. Juli 2015

Der psychobiologische Grund des Wohlklangs.

Hl. Cäcilie, Wallfahrtskirche in Bödingen
aus derStandard.at, 27. Juli 2015, 12:16

Warum Konsonanz kulturübergreifend als schön empfunden wird
Konsonante Tonfolgen haben aus biologischer Sicht eine soziale Funktion – Forscher der Uni Wien sucht nach den Ursachen

Wien – Wohlklang entsteht, wenn Töne in einer bestimmten Beziehung stehen, die als in sich ruhend und nicht "auflösungsbedürftig" empfunden wird. Diese sogenannte Konsonanz in der Musik empfinden die meisten Menschen als angenehm. Dan Bowling vom Institut für Kognitive Biologie der Universität Wien sucht nach den psychobiologischen Ursachen für diese Präferenz.
Die einzigen Geräusche in der Natur, die konsonante Tonfolgen kennen, sind Kommunikationstöne im Tierreich. Und auch die menschliche Kommunikation ist voll davon. "Vermutlich wurde unsere Wahrnehmung durch die Wichtigkeit der sozialen Interaktion so geprägt, dass wir diesen Tonfolgen größere Aufmerksamkeit schenken."
Im Fachjournal "PNAS" argumentiert der Forscher deshalb im Sinne einer biologischen Erklärung für das Phänomen Konsonanz-Dissonanz. "Ich denke, die Biologie ist der zeitgemäße Weg, darüber nachzudenken. Dennoch begegnen mir auch im Fachgebiet immer wieder Leute, die nur an physikalischen Erklärungen hängen."

Kulturübergreifende Harmonien

Physikalisch betrachtet haben Klänge, ob in Folge (Intervalle) oder gleichzeitig (Akkorde), bestimmte Eigenschaften – etwa, was das Verhältnis der Obertöne betrifft, die für die Entstehung von Konsonanz und Dissonanz entscheidend sind. Schon der griechische Mathematiker Pythagoras entdeckte, dass der Konsonanz Intervalle mit möglichst einfachen Zahlenverhältnissen zugrunde liegen.
Bei der Oktave 1 zu 2, bei der Quinte 3 zu 2 etc. Das Vorkommen dieser konsonanten Intervalle ist über alle Kulturen hinweg beständig, auch die indische, chinesische oder persische Musik – obwohl auf anderen Tonsystemen basierend – beruht vorrangig auf Oktave, Quinte und Terz.
In der Physik und Psychophysik wird das Phänomen der harmonischen Schwingungen bestimmter Tonkombinationen seit dem 17. Jahrhundert untersucht und im Laufe der Zeit mit zahlreichen anderen Phänomenen in Verbindung gebracht. So glaubte man nach Hermann von Helmholtz (1821-1894), die Präferenz für Konsonanz ließe sich durch das Fehlen von Rauigkeit – also von Änderungen in der Amplitude, wie bei Kratzen, Schrammen oder Brummen – erklären.

Angenehm stimmverwandt

Mittlerweile konnte experimentell gezeigt werden, dass die beiden Phänomene zwar oft korrelieren, aber nicht ursächlich zusammenhängen. "Das ist als würde man sagen, etwas ist süß, weil es nicht sauer ist", so Bowling.
Insgesamt sieht der US-amerikanische Kognitionsbiologe in den physikalischen Erklärungen keine befriedigende Antwort auf das Warum hinter unseren Präferenzen. "Die Frage, warum unsere Wahrnehmung uns sagt, dass Konsonanz angenehm und Dissonanz unangenehm ist, wird davon eigentlich ausgeblendet."
In den vergangenen 15 Jahren haben sich vor allem in der Neurobiologie viele Forschungsergebnisse angesammelt, die darauf hinweisen, dass eine Verwandtschaft mit der tonalen Struktur der Stimme besteht. "Offenbar gibt es eine verstärkte Anziehungskraft für harmonische Serien, die in der Vokalisation vorkommen."

Prosoziales Potential

Um weitere Belege für diese Theorie zu sammeln, bräuchte es vor allem Tierstudien, so Bowling. Tiere, für die soziale Kommunikation eine große Rolle spielt, müssten aufgrund dieser Ausrichtung an Konsonanz ebenfalls eine Vorliebe für wohlklingende Musik entwickeln. "Das ist teilweise gelungen, teilweise nicht."
Bowling arbeitet bereits am nächsten Schritt zum Verständnis der biologischen Funktion von Musik und untersucht die prosozialen Vorteile von Rhythmus. "Wenn man eine Zeit lang seine Bewegungen mit jemand anderem synchronisiert, zum Beispiel beim rhythmischen Wippen mit dem Fuß, dann hat das enorme positive Effekte im sozialen Erleben und Verhalten", so Bowling. Mit jedem dieser Puzzlesteine könnte man so zu einem Bild von Musik als logisches Resultat des sozialen Wesens Mensch gelangen. (APA, red.)

Abstract
PNAS: "A biological rationale for musical consonance"

Nota. - Unter ästhetischem Gesichtspunkt ist aber nicht interessant, dass - und schon gar nicht, warum - Menschen den Wohlklang als angenehm empfinden; sondern im Gegenteil, dass sie ihn eines Tages satt bekamen. Wenn wir nun erfah- ren, dass sie ihn aus soziobiologischen Gründen so lange favorisiert haben, können wir nur sagen: aha. Dass aber eines Tages, spätestens seit Mozarts so benanntem Quartett, die Dissonanzen Furore zu machen begannen, dass im zwanzigsten Jahrhundert gar die Lehre aufkam - und beim Publikum dann doch nicht durchschlug -, man könne und solle den Unter- schied geradezu überhören - das wird dadurch nicht verständlicher, sondern nur noch mysteriöser. Dass neben physikali- schen Erklärungen nun auch biologische erwogen werden, ist ja ein Fortschritt; der Sache angemessen wären aber ästhe- tische.
JE 



Mittwoch, 29. Juli 2015

Zurbarán in Madrid.

    aus nzz.ch, 29.7.2015, 05:30 Uhr                                                                         Das Martyrium des heiligen Serapion 1628

Asketisch und sinnlich, lebensvoll ergeben
Das Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid zeigt Francisco de Zurbarán in repräsentativer Breite, stellt neue Forschungsergebnisse vor und gibt einen Einblick in seinen Werkstattbetrieb.

von Caroline Kesser

Nach der Überdosis El Greco, die einem die Feiern zu dessen 400. Todestag im vergangenen Jahr bescherten, ist ein Quantum Francisco de Zurbarán (1598–1664) gerade das Richtige. Die Motive sind etwa dieselben – Christus, Maria, Heilige, Mönche und Kirchenväter –, doch welch ein Unterschied an physischer Präsenz, an Materialität und Sinnlichkeit. Sind Grecos Gestalten in Sphären entrückt, zu denen man nur von tief unten aufschauen kann, teilen Zurbaráns Protagonisten den Boden mit uns. Nehmen wir nur die Darstellung des heiligen, über einem Totenschädel meditierenden Franziskus, die beide Maler immer wieder beschäftigte. Grecos Heiliger ist schon in Ekstase oder nahe daran, so dass jedes Anrufen sinnlos wäre, wogegen Zurbaráns Franziskus selbst beim Meditieren noch ansprechbar scheint. Wie er in einem Gemälde aus der Londoner National Gallery in seiner groben Kutte vor einem Tisch kniet, in der einen Hand den Schädel, die andere über einem Buch in einer Geste des Zeigens, die ein Wundmal in seiner Handfläche offenbart, macht er den Eindruck eines durchaus weltlichen Gelehrten. Zu gerne zupften wir ihn am Ärmel mit dem grossen klaffenden Loch, um ihm seine Erkenntnisse zu entlocken.


Hl. Franziskus in Meditation (London)

Neue Forschungsergebnisse

«San Francisco en meditación» aus dem Jahr 1639 ist eines der Paradestücke der Ausstellung «Zurbarán: una nueva mirada», die das Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid diesen Sommer dem grossen Realisten aus dem «Siglo de oro», Spaniens goldenem Zeitalter, widmet. Exemplarisch veranschaulicht es die Besonderheit seines Stils: die Lebensnähe seiner Figuren in einer unerhörten Plastizität und Stofflichkeit, das starke Helldunkel und die harmonische, reich abgestufte Farbgebung. Einzig als Kolorist kommt er in dieser brauntonigen Malerei nicht voll zur Geltung. Francisco de Zurbarán war ja auch einer der begnadetsten Weissmaler und verstand sich auf prächtige Farbkombinationen, die in ihrer Flächigkeit oft zum Abstrakten tendieren. Durch das ganze Werk hindurch leuchtet immer wieder ein Scharlachrot signalhaft auf.


(Selbstporträt als Hl. Lukas)
Der Untertitel der Ausstellung – «una nueva mirada» (ein neuer Blick) – ist irreführend. Zurbaráns Werk erscheint nicht in neuem Licht. Odile Delenda, die Autorin des Werkverzeichnisses, und Mar Borobia, Chefkonservatorin am Thyssen-Museum, präsentieren neben bekannten (und selten gezeigten) Meisterwerken aus allen Epochen aber die Ergebnisse der Forschung seit dem Jubiläumsjahr 1998, wozu Authentifizierungen und Neuzuschreibungen sowie Erkenntnisse über Mitarbeiter seiner Werkstatt gehören. Letzteren wurde ein eigener Saal eingerichtet. Einer von Zurbaráns begabtesten Mitarbeitern war sein früh verstorbener Sohn Juan, der in dieser Ausstellung mit sieben Früchtestillleben erstmals als Malerindividuum in Erscheinung tritt.


Juan de Zurbarán, Stillleben
Der aus dem Provinznest Fuente de Cantos in der Extremadura stammende, zur Hauptsache in Sevilla tätige Francisco de Zurbarán war einer der erfolgreichsten Maler des spanischen Barock, blieb aber immer im Schatten des gleichaltrigen Diego Velázquez. Das gilt nicht nur für sein Ansehen am Hof, wo dieser der absolute Star war, sondern auch für seinen Nachruhm. Wurde Velázquez von verschiedensten Warten aus als Wegbereiter gefeiert, verdankt Zurbarán seine Wiederentdeckung der (französischen) Romantik, die ihn als Vertreter des von ihr idealisierten archaischen Spanien bewunderte. Dieses Image haftete ihm lange an und spielte auch noch im Urteil von Salvador Dalí mit, der ihn als unerschöpfliche Quelle für die Moderne pries. Der Kubist Juan Gris dürfte der erste Avantgardist gewesen sein, der sich auf ihn berief und dessen Kompositionsprinzipien – das Strenge, Flächige und die dramatisierende Lichtführung – für sich nutzbar machte. – Zurbaráns Auftraggeber waren zur Hauptsache Ordensgemeinschaften, vor allem die Dominikaner, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Sevilla auf Expansionskurs waren. Zum einen galt es, Kirchen und Klöster mit einem den Beschlüssen des Konzils von Trient entsprechenden Bildprogramm auszustatten, zum anderen verlangten die neuen Niederlassungen in Amerika nach passendem künstlerischem Schmuck. Zurbarán, der sich auch in Bildhauerei auskannte und das Handwerk des Polychromierens beherrschte, was sich auf seine Malerei ausgewirkt haben dürfte, konnte die Nachfrage nur mithilfe eines grossen Werkstattbetriebs befriedigen.


Die Wunderheilung des Sel. Reginald von Orleans
Ein Erneuerer war er kaum. Gemäss der Vorstellung einer stetig fortschreitenden Stilfolge waren das Velázquez, Murillo, Alonso Cano und alle anderen, die eine freiere, spontanere Malerei durchsetzten. Da dieser neue Stil je länger, je mehr dem allgemeinen Geschmack entsprach, passte sich ihm Zurbarán in seinem letzten Lebensjahrzehnt immer wieder erstaunlich gut an. Mit Bildern wie der duftigen «La Inmaculada Concepción» von 1658 zöge er uns aber kaum noch in seinen Bann. Wir bewundern heute den «konservativen», in seiner einfachen Montagetechnik und den klar voneinander abgegrenzten Farbfeldern an mittelalterliche Malerei erinnernden Zurbarán. Den Maler kompakter Körper und stofflicher Reize mit dem Sinne für das stille Leben noch der kleinsten Dinge. Denjenigen, der aus Vorgegebenem Unverwechselbares machte.


Stillleben
Man hat nachgewiesen, dass sich Zurbarán auf italienische und deutsche Drucke zu stützen pflegte, von denen er eine Vielzahl besass. Komplexe Kompositionen waren nicht seine Sache, in vielfigurigen Szenen wird immer wieder deutlich, dass er kein Meister der Perspektive war. Dafür stattete er seine Heiligen mit einer Lebensfülle aus, die ihresgleichen sucht. Bei aller Diesseitigkeit sind sie aber von einer Monumentalität erfüllt, die nach Distanz verlangt. Das gilt vor allem für seine reich geschmückten weiblichen Heiligen aus den dreissiger und vierziger Jahren, die er als stolze Aristokratinnen vor einem unbestimmten dunklen Hintergrund theatralisch beleuchtet posieren lässt.
Sinnlich und harmonisch

Wie sehr ihm an einem harmonischen Menschenbild gelegen war, zeigt sich in seinen Darstellungen von Martyrien, die ihn notgedrungen beschäftigen mussten. Konsequent vermeidet Zurbarán die Schilderung körperlicher Verletzungen. Geschundene Leiber gibt es bei ihm nicht, sieht man vom Christus am Kreuz ab, bei dem er sich jedoch, wie im Fall des «Cristo muerto en la cruz» (1638–40), auf minime Blutspuren beschränkt und die Einsamkeit und Verlorenheit dieses Körpers thematisiert. Keine Spur von Folter auch bei dem frühen Meisterwerk «San Serapio» [Kopfbild], dem in einem makellosen weissen Habit an den Handgelenken aufgehängten Märtyrer, der seinen Kopf zur Seite geneigt hat und ergeben darauf wartet, dass sein Geist entweicht. Einen geradezu grotesken Zug nimmt seine Scheu vor der Darstellung von Gewalt in der Figur der heiligen Agatha an, die als engelsgleiches Mädchen in hingebungsvoller Haltung ihre abgeschnittenen Brüste wie Puddings auf einem Tablett präsentiert.


Hl. Catalina von Alexandria
Zurbarán war bei seinen religiösen Auftraggebern insofern am besten aufgehoben, als sie keine mythologischen Szenen mit den unvermeidlichen nackten Körpern erwarteten. Offensichtlich bereitete ihm Nacktheit Mühe, in jeder Form. Nicht zufällig gehört der Zyklus der «Arbeiten des Herkules», den er für den Königspalast Buen Retiro realisieren konnte, zum Schwächsten seines Werks. – Etwas vom Berührendsten in der Madrider Ausstellung sind die Szenen aus der Kindheit von Maria und Jesus. Liebevoll und weitgehend unsentimental evoziert Zurbarán eine häuslichen Atmosphäre, in der jedem Ding der Charakter eines Stilllebens zukommt. Da denkt man unweigerlich an Teresa von Avila, die den weltabgewandten Gläubigen zu verstehen gab, dass der Herr auch zwischen den Kochtöpfen wandelt.
Zurbarán: una nueva mirada. Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid. Bis 13. September. Katalog € 38.–. Die Schau reist anschliessend ins Museum Kunstpalast in Düsseldorf, das Zurbarán die erste Retrospektive in Deutschland widmet (vom 10. Oktober bis 31. Januar 2016).


Herkules tötet den nemeischen Löwen

Nota. - Man kann also über Zurbarán schreiben, ohne dass der Name Caravaggio fällt. Aber man sollte nicht. War er selber kein Neuerer? Aber immerhin hat er seinem italienischen Vorbild energisch in Spanien Platz geschaffen. Ach, aber seine Kompositionen sind weder so originell noch so dynamisch? (Und nackte Haut konnte er schon gar nicht malen?) Ich finde gerade den Herkules-Zyklus überraschend modern, eben weil diese Spannung besteht zwischen dem dynami- schen Sujet und der statischen Ausführung. Ich muss an Franz von Stuck denken, wenn ich das sehe - ein terrain vague zwischen Expressionismus und Symbolismus. Es mag ja sein, dass er den Effekt seinem Konservatismus verdankt, aber originell ist es doch.
JE


Herkules und die lernäische Hydra

Dienstag, 28. Juli 2015

Das Feld des Ästhetischen.


anonymer Meister, südl. Niederlande, 2. Häfte 16. Jhdt.

Das "Feld" des Ästhetischen ist "konstituiert" durch ein Problem: nämlich "daß in unserer Einbildungskraft ein Bestreben zum Fortschritte ins Unendliche, in unserer Vernunft aber ein Anspruch auf absolute Totalität als einer reellen Idee liegt." Kant, Kritik der Urteilskraft in Werke (ed. Weischedel) Bd. X, S. 172 

...daß nämlich auf dem 'Bild' "mehr zu sehen" ist, als es abbildet. Daß außer den (zahllosen) identifizier-, meß- und mit- teilbaren Merkmalen "am" Bild (=den digitalisierbaren Punkten auf dem Bildschirm, Pixels) noch etwas "Anderes" "er- scheint"; also daß "am" Sinnlichen ein nicht-sinnlicher Überschuß "wahrnehmbar" wird; nämlich (s)eine Bedeutung (alias Das Transzendente). - 

Namentlich die Gute Gestalt "sieht so aus, als ob sie uns was sagen will", das mehr ist als nur ihr sachlicher Grund; etwa das Blattwerk der Pflanze; die aerodynamische Form des Vogels; die Rundung des Bachkiesels... Mehr ist als Zweckform und Ursache. 

Das war schon immer so. Aber es ist noch nicht immer aufgefallen. Sobald es aber auffiel (den alten Griechen nämlich), nannte man es "das Schöne" und setzte es sogleich in ein logisch-genetisches Verhältnis zum Wahren; systematisch bei Plato/Plotin. Übrigens nicht zuerst das Kunstschöne - bei Plato ausdrücklich nicht: Sein Urbild des Schönen ist der schöne Knabe. Aber wiederum nicht, sofern er Natur ('Werden') ist, sondern sofern er an der Idee ('Sein') "teilhat"*. So in der Reflexion. Für Plato war der Knabe Inbild des Erotischen: ein außerästhetisches Motiv - diesseits der Reflexion. Oder ist das Erotische selber der "Stoff" des Ästhetischen?! (In Platos - nachträglicher - Reflexion ist Eros der Drang zum Wahren und zum Schönen; welches beides dasselbe sei.) 

Die früheste "ästhetische Absicht“ glauben wir nicht in den Menschendarstellungen zu erkennen (Venus von Willendorf), sondern in Tierdarstellungen: Lascaux, Altamira. Ein Hinweis darauf, daß „das Kunstschöne vor dem Naturschönen da war“? (Die bloße "Natur" - Landschaft und Stilleben (nature morte - die zwar "tot", aber nicht "natürlich" ist) - wird erst sehr spät, im 16. Jahrhundert in Holland, zum Gegenstand der Kunst.) - Ist aber Stilisierung allein schon „ästhetisch“**? (Dann auch bei der Venus von Willendorf!) Auf jeden Fall hebt sie 'am' Gegenstand das- jenige hervor, was seine (rituelle, mythische, logische, bedürfnismäßige) Bedeutung ausmacht. Ja, aber nicht, daß 'an' den Dingen noch eine 'Bedeutung' haftet, macht das Ästhetische aus, sondern daß sie als solche nicht abgebildet, nicht 'dingfest' gemacht werden kann. Also daß man sie nicht bestimmen kann. Zum Beispiel für die sexuelle Brauchbarkeit von Platos Knaben ist deren Schönheit ganz unerheblich; für den Sex sind Frauen ohnehin 'brauchbarer'; daß er Knaben bevorzugt, mag selbst schon ein ästhetisches Motiv haben. Sonst müßte er ja den "Grund" des Schönen nicht erst im Jenseits suchen... 

*) Das Wirkliche, "die Erscheinung" heißt bei Plato das Werden, die mindere, unvollständige Seinsweise; Sein ist (ewige Form=) Idee - das, was "in Wahrheit" ist; und das, was 'das Werdende' werden soll: das, was es "bedeutet". 

**) Stilisierung = Entindividualisierung = 'Wiederholbarkeit'; äußerste Stilisierung: das 'Zeichen für...'; das allenthalben fungible 'Bild von...'; das ökonomisierte; d. h.: entästhetisierte, anästhetisierte Bild. 


Nota Jan. 2014:


Nicht zu vergessen, dass das alles Einfälle sind, die vor zehn bis fünfzehn Jahren aufgeschrieben wurden: unausgegoren, aber dafür noch ganz frisch, darum habe ich sie Rohentwurf genannt. Meine späteren Einträge auf diesem Blog sind durchdachter; aber voller Rücksichten und Vorbehalte.
JE



Sonntag, 26. Juli 2015

Der Gegensatz zum Ästhetischen ist die Absicht.

Amy Weiskopf, Stillleben mit Uhr, 1986

Der bestimmte Gegensatz zum Ästhetischen ist die Absicht.

Beim Naturschönen beeindruckt vor allem, wenn es aussieht, "als hätte es einer mit Absicht gemacht" - wobei vorab bewusstist, dass es überhaupt nicht "gemacht", sondern einfach nur da ist und... ist, wie es ist. Kommt der Eindruck, "als ob es wer mit Absicht gemacht hätte", an die bewusste Oberfläche, tritt beim Betrachter eine gewisse ironische Distanz ein. Bei Sonnenuntergängen, die aussehen, als hätte sie wer mit Absicht gemacht und feste auf die Tube gedrückt, kommt der Eindruck von Kitsch auf; Naturkitsch sozusagen.

Umgekehrt, bei einem Maler, der es schafft, dass ein Landschaftsstück so aussieht, als sei es ohne Absicht entstanden, tritt eben der Effekt des Naturschönen ein.

Thomas Girtin, The Tawe

Weshalb das Stillleben in ästhetischer Hinsicht ein engeres Genre ist als die Landschaft. Das 'ohne Absicht' ist vorstellbar nur im Zuge alltäglicher (häuslicher) Verrichtung, denn seine Gegenstände sind keine Naturdinge, sondern Zeug, und das dienteiner Absicht. Ästhetisch kann es nur wirken, wenn die Anordnung der Gegenstände "so aussieht, als ob" sie durch den Zufall werktäglicher Routine zustande gekommen sei.  Das engt den Kreis möglicher Gegenstände ein und noch viel mehr den Kreis möglicher Arrangements.

"Ohne Absicht" ist überhaupt ein Synonym für das Naive. In naiver Darstellung kann Alles ästhetisch werden. (So bei Schiller?)

aus e. Notizbuch, 26. 10. 06
Caravaggio




Samstag, 25. Juli 2015

Kunst entzweit den Menschen.

Jerzy Sawluk, pixelio.de
Kunst entzweit den Menschen.
Schiller 
Kitsch lässt ihn ganz bei sich sein – und sich darin gefallen.

Vor dem Beginn der Moderne in der Romantik gab es keinen Unterschied von Kunst und Kitsch. Es gab lediglich gelungene und weniger gelungene Werke; gelungen nach der aufgewandten Kunstfertigkeit und gelungen nach dem darin waltenden Geschmack. Der Geschmack mochte mehr oder weniger gebildet sein – doch allein danach ließ sich ein guter von einem schlechten Geschmack unterscheiden.

Erst als die Menschen, nämlich die modernen Menschen ihre Entzweiung mit sich als ihre aufgegebene Bestimmung zu er-achten begannen, konnten die Werke nach aufreizenden und nach versöhnenden unterschieden werden.

Der mit sich entzweite Mensch ist der reflektierende Mensch – das mit freiem Willen begabte souveräne bürgerliche Subjekt, das sich einer ganzen Welt gegenüber gestellt sieht; ohne zu wissen, was es dort verloren hat. Wer immer von den Zumutungen einer entzweiten Existenz Entspannung sucht, wird zu den versöhnenden Werken der Künstler greifen. Wann immer einer daraus einen Habitus werden lässt, kommt ein Kitschmensch zur Welt.

Nicht zuviel Schönheit macht den Unterschied. Sondern es gibt eine Schönheit, bei der einem nur wohl ist; und eine Schönheit, die einen außer sich bringt, und das kann auch eine Dvorak-Symphonie und auch ein Sonnenuntergang. 

PS. Schillers Unterscheidung zwischen anspannender und schmelzender Schönheit bedeutet etwas anderes; aber vielleicht nicht etwas ganz anderes?

September 26, 2010  

Freitag, 24. Juli 2015

Das Ästhetische steht im Gegensatz zum Diskursiven.

 Andrea Damm  / pixelio.de                                                                                                                                                                                                                                                                                                      aus Über Ästhetik, Rohentwurf, 9.

Das Ästhetische steht eo ipso in Gegensatz zum diskursiven Denken - insofern jenes Ökonomie der Vorstellung ist; nämlich als Produktion von bezweckten Ergebnissen ('Schlüssen') aus vorliegendem Stoff ('Gründen'), und zwar spar- sam: die Gründe müssen zureichen, aber man bemüht davon nicht mehr als nötig; beides zusammen: das Argument muß zwingend sein. Denn das bedeutet: jederzeit reproduzierbar. 

Sieht man ab zuerst auf die Zwecke der Vorstellung, ergibt sich das Bild der Teleologie. Sieht man dagegen ab auf die hinreichenden Gründe, ergibt sich das Bild der Kausalität - beide sind Vorder- und Rückseite desselben Vorstellungs- komplexes, der sich, d. h. den wir Rationalität nennen. In jedem Fall geht es um das Hervorbringen, Ableiten oder Kon- struieren der Vorstellungsgehalte; nicht, wie im ästhetischen Erleben, um wahr&wertnehmen uno actu. Darum kann man es, anders als jenes,* wollen - und muß es wollen, weil es "nicht von alleine kommt".

Mittwoch, 22. Juli 2015

Das Ästhetische entsteht als Gegensatz zum Ökonomischen.



Thomas Max Müller, pixelio.de                                                                                                                               aus Über Ästhetik, Rohentwurf, 8.

Das Ästhetische ('Schöne') ist der Gegensatz zum Ökonomischen ('Nützlichen'); d. h. es entwickelt sich als ein solcher. Es ist aber nicht der "bestimmte" Gegensatz, sondern es ist vielmehr der Gegensatz des Unbestimmten zum Bestimmten; des zu-nichts-Brauchbaren gegen das, womit sich 'was anfangen läßt'. Ein dynamischer Gegensatz. Nämlich nur in dem Maß, da das Bestimmte, bzw. das Noch-zu-Bestimmende im wirklichen Erleben (historisch) einen Vorrang erhält (nämlich in der Geschichte der Arbeitsgesellschaft) vor "all dem Andern", wird aus der 'bloßen' Differenz der beiden eine spezifische; wird aus der Masse des (ökonomisch) Indifferenten, 'Zwecklosen', dasjenige Zwecklose 'auserlesen', das (ironisch!) so scheint, als ob es dennoch "einen Zweck hat" - als dessen counterfeit, Konterfei, Parodie. 

Polemisch wird das Ästhetische erst, wenn und weil das Ökonomische Überhand nahm. Das Ästhetische ist "das polemisch Nicht-Positive". Anders: das Bestimmt-Unbestimmte (Adorno). Das prägnant-Unbestimmte. 'Bestimmt' ist etwas durch die Eigenschaft, die es mir bei der Verfolgung meiner Zwecke 'zeigt'; nämlich der Grad, in dem es sie fördert oder hindert. 'Vollkommen bestimmt' ist Etwas dann, wenn es im (idealen) System aller möglichen Zwecke immer wieder nur auf ein und dieselbe Weise 'begegnet' - nicht nur meistens; ab und zu; mal so mal so... In einer schon weitgehend auf die 'normalen' Zwecke hin ausgelegten Welt haben alle 'normalen' Dinge ihren Platz. Die Welt selbst ist zweckmäßig eingerichtet, und ipso facto sind die Dinge, die in ihr vorkommen, bestimmt - und bestimmen ihrerseit die 'Welt': "Wechselbestimmung" findet statt immer nur unter der Prämisse der Zwecke als des allgemeinen Tertium - dies das Wahre am Pragmatismus. 

Aber es ist ein historisch Wahres; bloß! Es ist das Wahre der bürgerlichen Gesellschaftsform. In ihr ist das Bestimmte das Normale; nämlich das Gewöhnliche. Triviale. Selbstverständliche. Und daher Langweilige. Noch langweiliger ist höchstens der indifferente Stoff, der erst der Bestimmung harrt: das Noch-nicht-Bestimmte, das womöglich noch nicht einmal 'zur Bestimmung bestimmt' ist. Sobald es zur Bestimmung vorgesehen ist - vorbereitet zum Eingang in den Arbeitsprozeß -, gewinnt es Relief: als Hindernis = Negative Bestimmung. Praktische Umbestimmung = Arbeit; Produktion. "Ent"bestim- mung durch Verzehr; Konsum. Folgt: Mangel. Mangel an diesem ist: bestimmter Mangel; Mangel bestimmt durch 'dieses'. Bürgerlicher Alltag. Banalität des Geschäfts. 

Andreas Hermsdorf, pixelio.de 

Dem gegenüber bietet das Unbestimmte-weil-nicht-Bestimmbare, das Zur-Bestimmung-nicht-Bestimmbare Prägnanz. "Sensation". Die Sensation ist das Ästhetische: Was das eine auf Griechisch, ist die andre in Latein. Die Frage ist, ob die Sensation hält; vorhält; hält, was sie verspricht... Denn nur, was die Erwartung der Bestimmbarkeit weckt, kann dieselbe enttäuschen und als Enttäuschung wahrgenommen werden. (Was gar nicht erst so aussieht, als könne es zu Zwecken in ein Verhältnis treten, wird überhaupt nicht bemerkt.) Nur so ist das Unbestimmte prägnant; nämlich als unbestimmt. Allerdings wird am Ende der Arbeitsgesellschaft das Bestimmte allenthalben erwartet. Da kann jede ungestalte Kacke momentan Sensation machen. Wie der Beuys, so der Zladko. Und jede Obszönität in der Talkshow. Aber sie enttäuscht die Erwartung, denn sie ist bestimmt… als Kacke. 

Guenter Hamich, pixelio.de                  

Wäre der Gang der Geschichte der von einer verzweckten Welt in eine unverzweckte gewesen, wäre an ihrem Ende das Bestimmte das Prägnante; die Sensation; das Ästhetische. So ist es aber nicht gewesen. Historisch ist es, wie es ist. Am Anfang war das Chaos, in das ein Kosmos allmählich hineingebildet werden mußte. Den Booten, die sich der Küste bei Pästum näherten, sprang die gefügte Bestimmtheit des dorischen Tempels ins Auge: Der war die Prägnanz, die ungestalte Landschaft ringsum war Brache. (Dem Schiffsreisenden geht es, nach Stunden, Tagen eintönigen Meeres, noch heute so. Allerdings macht uns die Bucht von Neapel - mit Vesuv, Capri, Ischia - heut mehr Sensation als die Stadt.) - Übrigens ist der Gang der Vorgeschichte andersrum gegangen: Aus der Bestimmtheit des Regenwalds in die Unbestimmtheit der offenen Baumsavanne; aus der Nische in die Welt. Der gegenwärtige Übergang aus der Arbeitswelt in die [...?!] erinnert daran. Das Unbestimmte wird wieder prägnant und lockt; "Ästhetisierung der Welt" wird das genannt...  

Poelzig, IG Farben 

Nota. - Das Bild am Kopf dieses Eintrags widerspräche der Aussage des Textes, das sei ja ein Industriegerät, nicht allein bestimmt, sondern unverhohlen ausschließlich zu seinem Zweck bestimmt; und dennoch fänden wir einen ästhetischen Reiz daran...?!

Ganz falsch. Das war ein industrielles Gerät. Heute ist das nicht mehr. Heute ist es ein museales Exponat im Denkmalpark Ruhrgebiet. In den fünfziger, sechziger Jahren, als diese Dinger in Betrieb waren, haben wir gar nichts Ästhetisches an ihnen gesehen, und wir dachten, was hilft ein blauer Himmel über der Ruhr, wenn immer noch überall diese Scheußlichkeiten stehen? 

Einen ästhetischen Reiz entfalten sie - ich meine für die große Masse der Laien -, weil sie inzwischen entbestimmt sind.
JE

5. Oktober 2013

Dienstag, 21. Juli 2015

Das Ökonomische ist die Ent/Fremdung der Welt.

 /biz/ HaNeu                                                                                                                                                                                                                                                            aus Über Ästhetik, Rohentwurf, 10.

"Entfremdung" - Die Entzauberung der Welt sei (nach Max Weber) Charakter der Moderne, alias bürgerliche Gesellschaft: Rationalisierung, Funktionalisierung; Fungibilisierung, "Aneignung". - Es ist nämlich so, daß sich der Mensch nicht "zu Hause" fühlt in einer Welt, die nicht fremd, sondern "seine eigne" ist! Die Besonderheit in der Gattungsgeschichte von Homo, der Kick, der die Hominisation 'in Gang gesetzt' hat, war sein Austritt aus dem vertrauten Urwald in die fremde [Feucht]savanne Ostafrikas: aus der Umwelt-Nische in die Welt. Die fremde Welt ist wesentlich reizend! Je weiter die ('ökonomische') Arbeit die 'Welt' immer weiter zur bloßen Umwelt fungibilisiert, banalisiert hat, umso mehr mußte die ('ästhetische') Kunst an deren Fremdheit erinnern. Eibl-Eibesfeld mutmaßt, die weltweite (!) ästhetische Vorliebe für den Landschaftsgarten (von Claude Lorrain bis Japan) sei 'nichts anderes' als eine genetisch eingeprägte Erinnerung an die ostafrikanische Baumsavanne vor 2 Mio. Jahren... 

Das Ästhetische (zweckmäßig ohne Zweck) ist also der bestimmte Gegensatz des Ökonomischen (zweckmäßig mit Zweck). Es ist derjenige 'Teil' (‚Dimension’) der Welt, der nicht-angeeignet ist; nicht beherrscht (quantitativ); nicht beherrschbar (qualitativ). -

Das Nicht-Beherrschte 'zerfällt' in einen Teil, der "so angesehen wird, als ob" er eines Tages beherrscht sein wird (und ergo virtuell schon bestimmt ist), und einen andern Teil, der so erscheint, als werde er nie beherrscht und nie bestimmt sein: als in bestimmter Weise unbestimmt; und eo ipso als Rätsel. Dieser Gegensatz ist nicht ursprünglich. Ursprünglich ist die 'Welt' nur eine. 

Nota: Die Welt (wereld: dort, wo die Menschen sind) ist eher da als die "Umwelt"! Der Mensch ist nicht nur das einzige Lebewesen, das "Welt hat", sondern auch das einzige, das 'von Natur' keine Umwelt hat (hat Pleßner übersehen). Nämlich seit er seinen heimischen Regenwald verlassen und in die offene Savanne "übergelaufen" ist und eine vagante Lebensweise angenommen hat: Die Savanne ist ihm keine "Umwelt", ist keine "Nische" [er hat sich ihr nicht durch 'natürliche Zuchtwahl' evolutiv angepaßt], sondern der Weg zwischen den möglichen Nischen; Zwischenraum, in dem er sich immer nur vorübergehend niederläßt, aber nicht einrichtet. In ihr bleibt er immer "fremd", aber in unbestimmter Weise, weil er den bestimmenden Gegensatz "Zuhause" (noch) gar nicht (mehr) kennt. [Erste (?) Fixpunkte: die rituell genutzten und bemalten Höhlen! Auch erste "Kunst": Ästhetik jenseits der alltäglichen 'Welt'...] 

Eine 'Umwelt', in die er 'hineinpaßt', weil er hinein gehört, muß er sich erst selber schaffen: Seßhaftigkeit, Ackerbau, Arbeit! Retour à la case départ: Dort, wo er arbeitet, ist die Welt bestimmt, oder immerhin bestimmbar. Was jenseits der Arbeit ("Praxis") liegt, läßt sich allenfalls betrachten ("Theorie"); welches die ästhetische Anschauungweise ist. -

Die Vorstellung des positivistischen Jahrhunderts: den Raum der Arbeit ausdehnen, bis er mit den Grenzen der Welt zusammenfällt; "Entzauberung", sagt Max Weber. Die Welt aneigenen: Zu meiner Umwelt fungibilisieren; "bestimmen". (DDR!)

Und was nicht-bestimmbar ist, läßt sich nicht ex ante definieren, sondern nur ex post praktisch erweisen, negativ: indem man das Bestimmen versucht und daran scheitert. Was das Ästhetische sei, "zeigt sich"... Zuerst war die Welt nur unbestimmt. Ihren Rätselcharakter gewinnt sie mit fortschreitender Bestimmung - als der widerständige Rest, caput mortuum; und der wird eo ipso immer bestimmter - als unbestimmt; d. h. als Rätsel... 



Montag, 20. Juli 2015

Ästhetik der Geselligkeit.

Rubens, Bauerntanz

Zu den natürlichen Bedürfnissen der Menschen gehören außer den physischen - Hunger, Durst, Frost - auch das Bedürfnis nach Geselligkeit. Solange Arbeit (in schwindendem Maß) auch gesellig geschieht, hat sie einen Wert, der über ihren bloß physischen Erhaltungswert hinausweist (und ist nicht nur Mühsal). Aber Geselligkeit ist anders als Hunger, Durst, Frost nicht mit einem immanenten Maß da, sondern um ihrer selbst willen. Sie hat ästhetischen Charakter.



In dem Maße, wie in der Arbeit die Erhaltungsfunktion auf Kosten der Geselligkeit immer mehr an Boden gewinnt, verbindet sich jene umso enger mit dem Ästhetischen (Tanz!). Geselligkeit wird Feierabend, "Erholung" = Reproduktion des Arbeits- vermögens. Wird vom Erhaltungswert absorbiert, unterworfen, mediatisiert. Und nun wiederum schwindet das Ästhetische in den privaten Winkel: Es wird absolut. 


aus e. Notizbuch, 17. 10. 08 






Sonntag, 19. Juli 2015

Das Schöne muss selbstverständlich scheinen.



Das Schöne muss selbstverständlich scheinen.

Und darf nicht gewollt oder gemacht aussehen. Von Natur aus da oder Aus eigenem Recht da - jedenfalls nicht als Strohmann von etwas Anderem.

aus e. Notizbuch, 2. 7. 08


Selbstverständlich heißt unbegründet.

19. 12. 14






Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Samstag, 18. Juli 2015

Freiheit in der Erscheinung.

  

Da ist Schiller eine geniale Formulierung geglückt. Nicht dass damit das Rätsel gelöst wäre; aber es ist erschöpfend umschrieben: Schön ist das Ding, das erscheint, als ob und wie es an sich selber wäre, ohne Rücksicht auf etwas außer ihm.

 'An sich' ist keine positive Bestimmung, sondern eine negative – das, was übrig bleibt, wenn man Etwas ohne irgendein Verhältnis zu etwas anderem vorstellt. Namentlich ohne das Verhältnis eines betrachtenden Subjekts. Also ohne alle Attribute, die ein Subjekt ihm aus eigenem Vermögen zuschreiben könnte. In den Verhältnissen der Dinge zu anderem ist ihr Wie bezeichnet. Ohne diese bleibt allein ein Was.

Ein Ding, das kein Verhältnis zu einem Subjekt hat, 'kommt nicht vor'. Es kann lediglich in der Reflexion gedacht werden, indem ich mir alle Bestimmungen=Relationen, die ich von ihm weiß, von ihm wegdenke. Das Schöne kann also keine Naturgegebenheit des Menschengemüts sein. Es ist eine in die Anschauung nachträglich hineingetragene Reflexionsbe- stimmung. Und das ist das Mysterium: Die Reflexion tritt in die Anschauung ein. Das geschieht im Geist und seinen Konfigurationen und nicht durch die Affizierung der Sinne.   



Die ersten archäologisch dokumentierten Zeugnisse ästhetischer Aufmerksamkeit des Menschen sind einfache farbige Verzierungen auf Töpfergut. Sie entsprechen keinem materialen oder – wie die Höhlenmalereien – magischen Zweck. Sie sind "um ihrer selbst willen" da. Es bedarf eines gewaltigen kulturgeschichtlichen Vorlaufs, ehe zwischen der praktischen Nützlichkeit eines Dings und einem 'Um seiner selbst willen' unterschieden werden kann. Soweit unterschieden jedenfalls, dass es zum Anlass für eigene Tätigkeit wurde. Vorgestellt werden musste die Unterscheidung deswegen noch nicht.

Der Übergang von den einzelnen Zieraten, die gefallen, zu einer Idee 'des Schönen' selbst geschieht nicht gleitend und ganz von selbst; es war ein Sprung. Die Spuren erkennt man noch an den umständlichen Windungen in Platos Dialogen. Geläufig wurde die Vorstellung, es gäbe Schönheit nicht nur an den Dingen, sondern über ihnen als ihr Maß und ihre Bestimmung, erst in der Renaissance. Heute ist sie ein Volksvorurteil, wie auch der Glaube an die Existenz der Dinge an sich. 

*

Frei in seiner Erscheinung ist das Ding, wenn an ihm menschliche Zweckbestimmung nicht mehr erkennbar ist. Und schon gar nicht die Arbeit, die jenen Zwecken diente. Nichts Forciertes, dem man die Anstrengung der zweckmäßigen Tätigkeit ansieht, ist schön. Es kann staunen machen, wie die Darbietungen der Akrobaten unterm Zirkuszelt oder die gezierten Posen des klassischen Balletts. Die schwere Arbeit merkt man ihnen an, und wenn sie noch so geschmeidig antrainiert sind; nicht zu reden vom Koloratursopran. Das erscheint nicht frei, sondern fleißig geübt. 

Das unterscheidet auch – material, wenn ich so sagen darf – den Kitsch von der Kunst. Der Kitsch wäre schön, wenn man ihm nicht ansähe, wie angestrengt seine Schönheit gewollt wurde; das macht ihn vielmehr lächerlich. Allerdings sieht es ihm nicht jeder an, und daher liegt der Streit über Kitsch und Kunst in der Natur der Sache. 

*  

Das ist nicht zu verwechseln mit der Unterscheidung zwischen Künstlichem und Natürlichem. Das Natürliche ist dann schön, wenn es so aussieht, als sei es von einer schöpferischen Absicht, das heißt: mit Kunst erschaffen worden. Und zugleich war das Künstliche nur dann schön, wenn es 'wie Natur' aussah – jedenfalls seit der Renaissance; und bis ins späte Rokoko, bis in Kants Zeiten. Ab da konnte man an einem Kunstwerk, wie etwa der Musik Bachs, die "zu große Kunst", nämlich Künstlichkeit bemängeln. 

Natur ist hier (natürlich) in einem unwissenschaftlichen, emphatischen Sinn aufgefasst – als Schöpfung, als erstes und endgültiges, alles Einzelne übergreifendes und relativierendes Gesamtkunstwerk.

Hervorgegangen sehr wohl aus der Absicht eines Schöpfers; die man dem Werk aber nicht ansehen kann, weil sie notorisch unergründlich ist. Was darüber hinaus geht und als menschliche Zutat kenntlich ist, gewinnt einen Zug des Lästerlichen und Lächerlichen. Seit der Romantik mag sich der Geschmack indes am Unergründlichen nicht mehr beruhigen und seinen Frieden finden; es provoziert und wird zum Rätsel. Zu Kunst wird ein Werk, sobald es an dem Rätsel Teil zu haben scheint. 

*

Es ist schließlich nicht zu übersehen, dass dem Gedanken der Freiheit in der Erscheinung die letzten Endes animistische Vorstellung von den Entelechien zu Grunde liegt, die wie eine Seele den Dingen innewohnen und sie dazu treiben, genau so zu erscheinen, wie sie eben erscheinen 'sollen'. Das ist eine uralte, noch aus unserer steinzeitlichen Vergangenheit als Jäger und Sammler stammende Vorstellung.

Aber eben eine Vorstellung und keine Anschauung. Ein Bild, kein Abbild. Es ist ganz irreführend, allein wegen der Etymologie das Ästhetische als eine Angelegenheit der bloßen Sinnesreize einem 'unteren' Erkenntnisvermögen zuzuordnen. Es beruht vielmehr auf einer Leistung – einer Meister-Leistung – der menschlichen Einbildungskraft: der Ein-Bildung, dass den Erscheinungen ein Wesen, den Dingen eine Bedeutung zukomme. Das Ästhetische ist der Elementarakt, in dem die Vernunft 'sich selbst setzt'. Freiheit in der Erscheinung ist die zur Anschauung gelangte Idee von einer erfüllten Bestimmung. Schönheit ist das Urbild des Vollkommenen.

•Mai 19, 2010










Nota.Das obige Foto gehört mit nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE