Freitag, 28. Juli 2017

Früheste Kunst im Hohlen Fels.

 
aus Tagesspiegel.de, 28. 7. 2017

42.000 Jahre alte Perlenfunde  
So schmückten sich die Eiszeitmenschen
Mit Perlen aus Mammutelfenbein schmückten sich die Menschen vor 42.000 Jahren auf der Schwäbischen Alb. Sie schufen auch die "Venus vom Hohle Fels".
 
von

Wissenschaftler haben in einer Höhle bei Ulm 40 Perlen aus der Eiszeit entdeckt. Die handgearbeiteten Stücke aus Mammutelfenbein seien in ihrer Machart weltweit einmalig, sagte der Tübinger Archäologe Nicholas Conard bei der Präsentation der Funde am Freitag in Blaubeuren bei Ulm.

Die Perlen seien 42.000 bis 34.000 Jahre alt und damit der früheste Nachweis für die komplexe Herstellung von Elfenbeinperlen weltweit.

Ein Archäologe präsentiert eine Fundstätte.
Der Archäologe Nicholas Conard an einer Fundstätte auf der Schwäbischen Alb.
 
Fundort: die Höhle, aus der auch die "Venus vom Hohle Fels" stammt

Der Schmuck stammt aus dem „Hohle Fels“ bei Schelklingen, wo Conard und sein Team vor zehn Jahren bereits die berühmte Venus gefunden hatten, die als älteste figürliche Darstellung eines Menschen gilt. Zu den 2009 präsentierten Sensationsfunden gehörte auch eine mehr als 35.000 Jahre alte Flöte aus Gänsegeierknochen - das älteste Musikinstrument der Welt.

Und jetzt der Schmuckfund. Einzelne Perlen aus dem „Hohle Fels“ sind zwei- und dreifach durchlocht. Dafür gebe es keine Parallele aus anderen Regionen, erklärte Conard am Freitag. Verwendet wurden die im vergangenen Jahr ausgegrabenen Schmuckstücke vermutlich als Knöpfe. Conard vermutet, dass die Menschen im Ach- und Lonetal die neuen Schmuckformen "als Ausdruck einer Konkurrenz zum Neandertaler oder als Reaktion auf die radikalen Umweltveränderungen in dieser Zeit" produziert haben.

Perlen stärkten die Gruppenidentität 

Mit dem Schmuck hätten die Menschen vermutlich ihre "Gruppenidentität" stärken wollen, teilt die Universität Tübingen mit. Die Grabungsteams haben in den Höhlen der beiden Täler in den vergangenen Jahren bereits hunderte doppelt durchlochter Perlen aus Mammutelfenbein gefunden. "Diese Form wurde nicht mit Menschen aus anderen Regionen geteilt, obwohl europaweit Kontakte bestanden", sagt Sibylle Wolf, wissenschaftliche Koordinatorin und Mitarbeiterin am Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment der Universität.

Dass die Perlen über einen Zeitraum von 6000 Jahren auftreten, bezeuge "eine Tradition des Herstellens und Tragens dieser sehr speziellen Form", sagt Wolf.

Wichtiges Zeugnis neben ältesten Kunstwerken und Musikinstrumenten

Neben den figürlichen Kunstwerken und Musikinstrumenten sei die Entwicklung des Schmucks "als persönliches und gesellschaftliches Ausdrucksmittel ein wichtiges Element der kulturellen Entwicklung vor 40.000 Jahren", hieß es am Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren, wo die Perlen ab sofort als "Fund des Jahres" zu sehen sind. Die "Venus vom Hohle Fels" und die ältesten Musikinstrumente werden in der Dauerausstellung gezeigt.

Sechs Eiszeithöhlen der Schwäbischen Alb, darunter der „Hohle Fels“, waren am 9. Juli von der Unesco zum Welterbe erklärt worden. (mit epd)

Die  Venus



Sonntag, 23. Juli 2017

Odd Nerdrum.


 
Es hat seine Zeit gedauert, bis ich mich dazu durchringen konnte, mir die Bilder von Odd Nerdrum anzusehen. Auf den ersten Blick meinte ich: pathetischer Kitsch, und Kitsch nennt er seine Malerei selber, was soll man noch weiter sagen? Aber er kann zu gut malen, das stößt einem auf. Und Kitsch ist, was den Betrachter in seinen Gefühlen schwelgen lässt. Das tun diese Bilder nicht, im besten Fall machen sie ratlos, in den meisten Fällen sind sie etwas unangenehm, aber für echten Abscheu ist wiederum der Abstand zu groß, richtig drin schwimmen kann man nicht.

Von seinen vielen kitschtheoretischen Texten kenne ich gar nichts und will auch nichts kennen, ob die Verfremdungen ironisch und surreal gemeint sind oder völlig ernst, und ob er vielleicht einen Sprung in der Schüssel hat, kann ich nicht wissen. Irgendwann wird mich die Neugier treiben, doch einstweilen begnüge ich mich ganz mit der ästhetischen Anschau- ung. 


Was die Kunst als solche angeht, zu der er sich ja nicht zählt, fällt mir immerhin auf, dass er einer - wohl weit und breit der einzige - ist, der weiß, was er malen soll. Kein Wunder, dass er auch bei der Faktur irgendwo zwischen Michelangelo, Caravaggio und Rembrandt steckengeblieben ist, ganz anachronistisch, ich muss an Tübke und unsern Berliner Johannes Grützke denken. Aber das waren Satiriker, so einfach ist es mit Odd Nerdrum nicht.











Montag, 17. Juli 2017

Nachtrag zu Otto Freundlich.

 
Sphärischer Körper, 1924

Die Neue Zürcher bringt heute einen Bericht von Maria Becker zur Otto-Freundlich-Retrospektive in Basel. Daraus ein paar Stellen:

...Wie ein roter Faden zieht sich durch sein Leben, dass er Mitgliedschaften in künstlerischen und politischen Vereinigungen kündigte. Er war der Auffassung, dass seine Arbeit erst von künftigen Generationen verstanden werden könne.

Freundlich setzte selbst Zäsuren, um seine künstlerische Vision zu gestalten. So entstehen die Farbprismen seiner abstrakten Bilder seit den zwanziger Jahren aus einem persönlichen Erweckungserlebnis. Freundlich war fasziniert von der mystischen Strahlkraft und der Handwerkskunst der mittelalterlichen Glasfenster und wohnte 1914 ein halbes Jahr im Nordturm der Kathedrale von Chartres. ...

 Komposition um 1932.

Die Erfahrung von Chartres hatte Freundlich bewusstgemacht, dass er in seiner Kunst eine kosmische Ordnung gestalten wollte, die Architektur und Farbe verbindet. Es muss für ihn eine Befreiung und Öffnung gewesen sein, weg von der Erdenschwere und Dunkelheit der früheren Plastiken und Bilder. Die Prismen sind aufgesplitterte Formen der Welt. An ihnen wird eine Art Dechiffrierung der Erscheinungen sichtbar, hinter der nicht nur ein geistiges Prinzip, sondern naturwissenschaftliche Erkenntnisse stehen. Es war nicht so sehr eine Frage der Abstraktion, deren Dogmatik Freundlich nicht für sich in Anspruch nahm. Eher steht hinter den Bildern und Mosaiken der dreissiger Jahre ein Impuls, Materie in eine überpersönliche Vision zu transformieren.

Die visionäre Tendenz von Freundlichs Kunst zeigt sich allerdings nicht allein am Spätwerk. Sie ist ein Grundzug seines künstlerischen Antriebs. Die frühen Plastiken – Maskenporträts und archaisch anmutende, monumentale Köpfe – sind kraftvolle Arbeiten, die hinter dem malerischen Werk nicht zurückstehen. Geschlossenheit und ein fast tragisch grundierter Ausdruck sind ihnen eigen. Freundlich nahm – wie viele Künstler seiner Zeit – Einflüsse der aussereuropäischen Kunst in sein Schaffen auf, die sich mit kubistischen und expressiven Vorbildern verbinden. ...

Kosmisches Auge 1921

Nota. - Kunsthistorisch spielt es eine Rolle, ob sich ein Maler bei seiner ästhetischen Wahl von außerästhetischen thema- tischen und programmatischen Motiven hat leiten lassen oder nicht. Für die ästhetische Betrachtung kommt aber nur in Betracht, was jedermann mit eigenen Augen sehen kann, ohne vorher theoretische Manifeste studiert zu haben. Das gilt für Otto Freundlich genauso wie für Wassili Kandinsky.
JE

 

Montag, 10. Juli 2017

Verkehrte Schönheit.

institution logo

Wenn Schönheit Kopf steht
Stephan Brodicky  
Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien


06.07.2017 10:00

Auf dem Kopf stehende Gesichter werden als schöner wahrgenommen als aufrechtstehende. Und: Je weniger schön ein Gesicht ist, desto mehr profitiert es von der Drehung, wird also subjektiv als schöner empfunden. Warum das so ist und was uns dieser Effekt über unsere mentale Verarbeitung verrät, haben PsychologInnen um Helmut Leder und Jürgen Goller von der Universität Wien untersucht. 

Das Universum unterscheidet grundsätzlich nicht zwischen oben und unten; ganz im Gegenteil zu uns Menschen, für die diese Unterscheidung zu den selbstverständlichsten Dingen des Alltags zählt. Oben und unten sind als Kategorien der Orientierungshilfe so essentiell, dass sie auch in unserer Wahrnehmung und unserem Gehirn ihre Spuren hinterlassen haben. Vor allem die visuelle Wahrnehmung und ihre mentale Verarbeitung haben sich im Zuge der Evolution auf diesen Oben-und-Unten-Modus eingespielt. "Wenn Dinge plötzlich auf dem Kopf stehen, ist dadurch unsere Wahrnehmung erheblich gestört", erklärt Jürgen Goller vom Institut für Psychologische Grundlagenforschung der Universität Wien. Dies lässt sich eindrucksvoll an Hand von Gesichtern illustrieren: Wird das Bild einer Person umgedreht, fällt es wesentlich schwerer, die Person wiederzuerkennen oder ihren Gesichtsausdruck einzuschätzen. Die psychologische Grundlagenforschung macht sich diesen sogenannten Inversionseffekt schon länger zunutze, um dadurch Prozesse der alltäglichen Wahrnehmung besser zu verstehen.



 
Gesichter gehören für uns Menschen zu den wichtigsten Kategorien der visuellen Wahrnehmung. Sie lassen uns Personen leichter wiedererkennen und erlauben es, eine ganze Menge über unbekannte Personen in Erfahrung zu bringen. So lassen uns Gesichter etwa das Geschlecht und das Alter abschätzen oder etwas über die Vertrauenswürdigkeit und die Persönlichkeit der Person aussagen. Der Gesichtsausdruck verrät uns darüber hinaus etwas über den emotionalen Zustand und die Absichten der Person. Zudem können wir mühelos einschätzen, ob wir Gesichter für mehr oder weniger schön halten. So selbstverständlich uns Menschen diese Dinge erscheinen mögen, so rätselhaft präsentieren sie sich der wissenschaftlichen Forschung. Die psychologische Grundlagenforschung versucht zu verstehen, wie diese Prozesse mental funktionieren und warum sie sich überhaupt entwickelt haben.

Wie Schönheit von Gesichtern mental verarbeitet wird


Wissenschafter an der Universität Wien rund um den Psychologen Helmut Leder haben untersucht, wie die mentale Verarbeitung der Schönheit von Gesichtern funktionieren könnte. Dazu haben sie Bilder von weiblichen und männlichen Gesichtern entweder aufrecht oder auf dem Kopf stehend präsentiert. Freiwillige StudienteilnehmerInnen wurden schließlich gebeten, die Schönheit der jeweiligen Gesichter einzuschätzen. Die Ergebnisse zeichnen ein klares Bild: Auf dem Kopf stehende Gesichter wurden deutlich schöner eingeschätzt als aufrechte Gesichter. Allerdings war dieser Unterschied generell von der Schönheit der Gesichter abhängig: Je weniger schön ein Gesicht von den Probanden wahrgenommen wurde, desto mehr profitierte es durch die Drehung.


 
Diese beiden Ergebnisse sind ein bedeutendes Puzzleteil im Verständnis, wie die Schönheit von Gesichtern mental bewertet wird. Als Grundlage werden interne, mentale Abbildungen herangezogen, also Prototypen schöner Gesichter. "Menschen haben subjektive Vorstellungen davon, was die Schönheit eines Gesichtes ausmacht. Diese internen Prototypen werden bei der Bewertung von Gesichtern aktiv und als Vergleichsschablone herangezogen", erklärt der Psychologe Helmut Leder. Für jedes Element, das von diesen Schablonen abweicht, verringert sich die Einschätzung der Schönheit des jeweiligen Gesichtes.

"Dieser Mechanismus läuft nicht unbedingt bewusst ab, sondern ist unentwegt am Arbeiten, wenn wir mit anderen Menschen interagieren", so Jürgen Goller. Damit haben die WissenschafterInnen einen ersten Schritt hin zu einem konkreten mentalen Modell gemacht.

Publikation in Acta Psychologica
Leder, H., Goller, J., Forster, M., Schlageter, L., & Paul, M. (2017). Face inversion increases attractiveness. Acta Psychologica, 178, 25-31.
DOI: 10.1016/j.actpsy.2017.05.005

Wissenschaftlicher Kontakt
Mag. Jürgen Goller
Institut für Psychologische Grundlagenforschung
und Forschungsmethoden
Universität Wien
1010 Wien, Liebiggasse 5
T +43-1-4277- 471 42
juergen.goller@univie.ac.at


Nota. - Die originale Darstellung ihrer Untersuchungen durch die Forscher selbst ist weit aufschlussreicher als deren journalistische Aufbereitung, doch leider stieß ich auf jene vorher. Von "internen Prototypen" ist die eindeutige Rede, sie behandeln sie als ein wissenschaftlich gesichertes Fakt. Ich wüsste aber gern: Wie ist es gesichert? Die Frage, wie es erklärt werden könnte, schließt sich zwanglos daran an, aber man muss den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun. Freilich habe ich die Vermutung, dass dieses Fakt nur problematisch, als Hypothese eine gewisse Sicherung hat; dann allerdings wäre die theoretische Plausibilisierung vor dem Fakt zu diskutieren. Das wäre jedenfalls das wissenschaftlich korrekte Verfahren.
JE



Samstag, 8. Juli 2017

Schön ist, was keine Fehler hat.

aus Die Presse, Wien,

Schön ist, wer zur Vorstellung von schön passt
Psychologie. Warum nehmen wir Gesichter als mehr oder weniger attraktiv wahr? Wiener Forscher zeigten nun, dass wir ein Gesicht als schön empfinden, wenn wir keine Abweichung von einem Ideal bzw. keinen Makel finden.



Dem Gehirn könnte es doch egal sein, ob etwas schön oder „schiach“ ist. Warum hat sich trotzdem im Lauf der Evolution das Gehirn so entwickelt, dass es schöne von hässlichen Dingen unterscheidet und dass wir Artgenossen als hübsch oder unhübsch empfinden? In früheren Studien fiel den Forschern vom Institut für Psychologische Grundlagenforschung der Uni Wien auf, dass Probanden, die am Bildschirm Gesichter nach ihrer Attraktivität beurteilen sollten, in der Befragung erklärten: Sie finden solche Gesichter schöner, die weniger Makel aufweisen. Für schöne Eigenschaften gab es kaum Beschreibungen, doch zu große Nasen, zu breite Ohren, zu viele Falten oder zu enge Augenbrauen fallen den Probanden schnell auf.

Das Team um Helmut Leder nutzte nun den als „Margaret Thatcher Illusion“ bekannten Trick, um diese Hypothese zu testen. Der britische Forscher Peter Thompson veröffentlichte in den 1980er-Jahren eine Studie, die zeigte, dass man bei Gesichtern berühmter Leute, in dem Fall Premierministerin Margaret Thatcher, nicht erkennt, dass sie zu einer Fratze verzerrt sind, wenn man das Bild auf den Kopf stellt.

Gedreht wirkt attraktiver

„Die Verarbeitung von Gesichtern in unserem Gehirn ist also gehemmt, wenn man auf dem Kopf stehende Gesichter betrachtet“, sagt Jürgen Goller, für den die Studie Teil seiner Dissertation ist. „Unsere Hypothese war, dass gewisse Elemente des Gesichts nicht mehr erkannt werden, wenn sie umgedreht betrachtet werden.“

Schönheit steht auf dem Kopf.

Getestet wurden 96 Bilder von anonymen Menschen (davon 48 Frauen), teils Studierende, teils Leute von der Straße. Bewertet wurden sie von 60 Probanden, die an der Uni Wien ins Labor gebeten wurden, um am Bildschirm die Attraktivität der unbekannten Menschen einzuschätzen. Die Gesichter wurden entweder aufrecht, um 90 Grad oder um 180 Grad gedreht, also auf dem Kopf stehend, präsentiert.

Sollte Schönheit wirklich als Fehlen von Makel empfunden werden, so müssten gedrehte Bilder der Gesichter attraktiver erscheinen als aufrechte. „Und, wenn dem so ist, dann müsste dieser Effekt umso stärker sichtbar sein, je weniger attraktiv das Gesicht im aufrechten Bild eingestuft wird.“ Denn dann gäbe es ja mehr negative Elemente, die nur im aufrechten Bild auffallen und im umgedrehten das Schönheitsempfinden weniger stören. „Genau das zeigte sich: Die Gesichter wurden in gedrehter Position attraktiver bewertet. Und je weniger attraktiv ein Gesicht aufrecht eingestuft wurde, umso mehr profitierte es von der Rotation“, sagt Goller. Anscheinend haben wir ein Ideal oder einen Prototyp eines schönen Gesichts abgespeichert und empfinden Abweichungen davon als unattraktiv. 

„Das passt gut zur Grundidee, warum wir überhaupt auf kognitiver Ebene etwas schön finden: Wenn es zu unseren Erwartungen und Vorstellungen passt, dann wirkt es belohnend im Gehirn“, sagt Goller.

Bei Gesichtern ist dies aus biologischen und sozialen Gründen besonders relevant: Das Gesicht verrät uns nicht nur Geschlecht und Alter des Gegenübers, sondern meist auch Emotionen, Vertrauenswürdigkeit und Absichten der Person. Die Forscher wollen nun das mentale Modell, demnach wir Gesichter im Vergleich zu idealen Vorstellungen als schön bewerten, noch weiter untersuchen.



Nota. - Das Ideal lässt sich nicht bestimmen; was schön ist, ist nicht positiv gesetzt, sondern negativ als das Fehlen von Fehlern. 'Was erwartet wird' ist nicht dieses oder jenes, sondern etwas, was keinen Mangel hat. Mangel woran? Das muss ewig unbestimmt bleiben. Denn überhaupt keinen Mangel hätte eine perfekte Kugel oder, bei Gesichtern, ein vollkommenes Oval. Das wäre viel zu wenig, um als schön empfunden zu werden. Das Bestimmen muss schon einen guten Weg zurückgelegt haben, damit eine zusätzliche Bestimmung auftauchen kann, die als störend empfunden wird. 

Wie konnte aber den Verfassern obigen Versuchs der Umstand verborgen bleiben, dass ein Gesicht ganz ohne Makel gerde nicht als attraktiv empfunden wird, sondern als fad? Weil es nicht zu dem beachsichtigten Resultat gepasst hätte.

Der springende Punkt an der Erwartung, der ein Bild entsprechen kann oder nicht, ist eben gerade die unbestimmte Ahnung, dass sie letzten Endes nicht bestimmbar sein wird! Die Erwartung weiß, dass sie noch ewig warten muss: Woher sonst käme der thrill?! Ein Geschmack, der in fehlerloser Harmonie eine Befriedigung findet, ist noch ein unentwickelter - verglichen mit den ästhetischen Ansprüchen, die uns seit der Romantik selbstverständlich geworden sind und einen unerfüllten Rest gerade erwartet. 

Aber der Geschmack der griechischen Klassik war auch ein Fortschritt gegenüber der bildnerischen Praxis der Vor- und Frühgeschichte, die ganz offensichtlich nicht auf Ausgleich, Ebenmaß und Vollendung ausgelegt, nämlich noch nicht eigentlich ästhetisch gemeint war.
JE


Donnerstag, 6. Juli 2017

Unter der Maske der Natur.

aus Die Presse, Wien, Elizabeth I., "Armada Portrait", unknown author

Natur oder Maske, was ist schön?
Wer sich schminkt, gestaltet sein Gesicht und wird damit zum Künstler. Eine Salzburger Kunsthistorikerin erforscht den Konflikt zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit. 

von Mariele Schulze Berndt

Zeuxis sollte für die Stadt Kroton ein Tempelbild malen und entschied sich, die schönste Frau der Welt zu malen – die legendäre Helena. Aber wie sollte die Schönste darstellbar sein? Er löste die Aufgabe, indem er die fünf schönsten Mädchen von Kroton auswählte und sein Bildnis aus den jeweils schönsten Einzelteilen der Mädchen zusammensetzte. Die Natur stellt die Grundlagen zur Verfügung, braucht aber die Kunst zur Vervollkommnung. So erzählt der Florentiner Humanist Leon Battista Alberti Ciceros Geschichte vom griechischen Maler Zeuxis nach.


Francois-André Vincent, Zeuxis wählt seine Modelle

Die Salzburger Kunsthistorikerin Romana Sammern analysierte in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt Texte aus der Frühen Neuzeit zum Thema natürliche und künstliche Schönheit im Spannungsfeld von Kunst und Medizin und folgert: „Es ist die Aufgabe der Kunst, körperliche Schönheit durch kluge Auswahl und geschickte Zusammenfügung herzustellen.“ Damit rücken auch kosmetische und medizinische Veränderungen in den Bereich künstlerischer Arbeit und sind so zu legitimieren.

Ein Eingriff in die Schöpfung

Die Praxis des Schminkens, der Gestaltung des Haares, der Körperbildung sowie schönheitschirurgische Korrekturen stehen bis heute in einem Spannungsverhältnis zur natürlichen Erscheinung. Denn diese galt als Ebenbild Gottes, während die menschliche Bearbeitung des Körpers als Eingriff in das göttliche Schöpfungswerk gesehen wurde.

  afrikanische Maske

Der Konflikt zwischen Kunst und Natur, Täuschung und Überhöhung wurde auch in Malerei und Kunsttheorie ausgetragen. Dies zeige sich etwa, wenn Natürlichkeit in einem Porträt besonders betont inszeniert ist. „Schminke ist nämlich nicht nur Fälschung. Schminke meint immer auch die Herstellung einer Person durch die Kreation eines Körperbildes. Es gilt, Kosmetik als künstlerisches Verfahren ernst zu nehmen. Das Körperbild wirkt auf die Gestaltung des Körpers ein und umgekehrt“, sagt Sammern.

Botticelli, Simonetta Vespucci um 1476

Medizin und Kunst standen in der Frage in engem Zusammenhang. Der junge Arzt Richard Haydocke übersetzte im 17. Jahrhundert Giovanni Paolo Lomazzos manieristisches Kunsttraktat aus dem Italienischen ins Englische. „Damit sollte Malern und Sammlern eine Vorstellung der italienischen Kunst gegeben werden“, so Sammern. „Doch er beschränkte sich nicht auf die Übersetzung, sondern ergänzte die kunsttheoretischen Ausführungen um medizinische und kosmetische Ratschläge.“

Porträt der ewigen Jungfrau

Angesichts der hygienischen Zustände in der Frühen Neuzeit hält Sammern auch die Koppelung von Kosmetik und Pflege für naheliegend und nützlich. Das Ideal der Schönheit war eng gebunden an das der Gesundheit. Ärzte wiesen auf die gesundheitlichen Auswirkungen kosmetischer Produkte hin, die gravierend waren.

Ein Beispiel dafür ist Königin Elizabeth I, die auf Gemälden idealisiert und perfekt als ewige Jungfrau dargestellt wird [s. o.], tatsächlich aber schwarze Zähne und ein Hautbild mit tiefen Kratern als Folge einer Bleivergiftung davongetragen hatte. Sie war mit Bleiweiß geschminkt worden. Dennoch verkörperte Elizabeth das ideale Gesicht der Renaissance: eine hohe Stirn, ohne Haare und Falten. Die Haut ebenmäßig und weiß, hervorgehoben durch Wangenröte und rote Lippen.

Ècole de fontainebleau, Gabrielle d'Estrée et sa soeur


„Trotz aller Kritik gab der Kosmetikdiskurs Frauen Kreativität und Handlungsfähigkeit in Bezug auf ihren eigenen Körper“, beschreibt Sammern den Wert der Schriften über Kunst und Kosmetik. Gerade dadurch fordere zugleich die Vorstellung der sich schminkenden Frau die Grenzen heraus zwischen Schöpfer und Geschöpf, schöpferischem Subjekt und begehrtem Objekt, Mann und Frau.

Wenn eine Frau sich schminke, nehme sie die Rolle des Künstlers ein, die in der Vorstellung der Zeit Männern vorbehalten sei. In der kunsttheoretischen Tradition der frühen Neuzeit entspringt männliches Kunstschaffen geistiger Kreativität. Weibliches Kunstschaffen dagegen ist quasi als Verbindung von Frau und Natur vorgestellt und damit als abbildendes Reproduzieren oder passiv gedachtes, körperliches Gebären. Damit gehört der Kosmetikdiskurs zu den Stereotypen weiblichen Kunstschaffens, weil er den Objektstatus der Frau als Bild und die Verbindung von Frau und Natur hinterfragt.

Künstliche Natürlichkeit

Dieser Gegensatz wird besonders gut in einer Beschreibung eines Porträts des Malers Anthonys van Dyck von seiner Frau, Mary Ruthven, deutlich, die der englische Gelehrte William Sanderson 1658 in seinem Handbuch der Zeichenkunst (oder nur „Graphice“) abdruckte. „Van Dyck war ein Meister gemalter Schminke. Für den schwärmenden Sanderson ist die Schminke als Gesichtsmalerei aber unsichtbar. Das gemalte Gesicht erscheint ihm als ,natürliche‘ Haut Mary Ruthvens selbst und weist durch diese künstliche Natürlichkeit Mary Tugendhaftigkeit aus, die keine Schminke brauche. Damit lobt er zugleich die Bravura des Malers und den Charakter der Ehefrau“, erklärt Sammern.

Anthonis van Dyck, Mary Ruthven, Lady van Dyck

In diesen Tagen erscheint zu dem Thema ein gemeinsam mit Julia Saviello und Wolf-Dietrich Löhr herausgegebenes Themenheft der kunsthistorischen Zeitschrift „Kritische Berichte“ zu „gemachten Menschen“ (www.ulmer-verein.de/?page_id=13320).

Eine kommentierte Sammlung von Quellentexten zur Schönheit des Körpers als Ideal von der Antike bis zur Etablierung der Ästhetik um 1750 wird das dreijährige Forschungsprojekt an der Uni Salzburg abschließen. Der zeitliche Schwerpunkt des Buches liegt in der Frühen Neuzeit, da die kosmetische Veränderung des Körpers nun zunehmend mit Konzeptionen des künstlerischen Bildes und Werkprozesses eng geführt wurde. Den zentralen Schnittpunkt bildet hierbei das sowohl in der Kosmetik wie auch in der bildenden Kunst virulente Verhältnis zur Natur. Das mit Julia Saviello herausgegebene Buch wird 2018 im Reimer Verlag veröffentlicht.


Nota. - Die beste Pointe fehlt: Kosmetik kommt von gr. kosmos, und der bedeutet die vollkommene Ordnung. Man möchte im Sinne der Griechen sagen: Was wir Natur nennen, ist nur Erscheinung; unvollkommen und vorübergehend. Kosmetik macht das Eigentliche sichtbar, das in der Erscheinung verborgen liegt. - Und selbstredend war Kosmetik kein Privileg der Weiber, sondern stand Männern ebensowohl zu Gesicht.

Artemisia Gentileschi, Judith und Holofernes, um 1612

Das ist wohl der springende Punkt: Kunstgeschichte kommt selbstredend nicht ohne Genderstudies aus: Die Rolle des Künstlers war Männern vorbehalten? Es ist nicht bekannt, dass die Braockmalerin Artemisia Gentileschi weniger Erfolg beim zahlungsfähigen Publikum gehabt hätte als ihr Vater Orazio, und dies, obwohl sie doch in Anatomie und Perspek- tive weit hinter ihm zurückstand. Dass sie im Gegenteil bis heute berühmter ist als er, verdankt sie nicht der Malerei, sondern gerade dem Umstand, dass sie eine Frau war.

Wenn in diese Studie Fördermittel geflossen sind, so waren sie rausgeschmissen. Wer bei demThema nicht bei dem Umstand ansetzt, dass die allererste ästhetische Produktion nicht erst von Homo sapiens, sondern schon von Homo erectus mit einiger Sicherheit in Körperbemalung bestanden haben dürfte, hat nicht einmal in Wikipedia recherchiert, bevor er sich ans Publizieren machte.
JE



Mittwoch, 5. Juli 2017

Otto Freundlich in Basel.


aus kunstundfilm.de                                                                   Otto Freundlich, Großer Kopf (Der neue Mensch) 1912
 
Atomphysik als Vorbild für soziale Utopie
Otto Freundlich war einer der originellsten Künstler der 1920/30er Jahre – und einer der kühnsten Theoretiker. Dem umtriebigen Feuerkopf widmen Museum Ludwig und Kunstmuseum Basel eine eindrucksvolle Retrospektive.

Unzeitgemäßer als "Kosmischer Kommunismus" kann ein Ausstellungstitel kaum sein. Der real existierende Sowjet-Kommunismus landete auf dem Müllhaufen der Geschichte, und die Weiten des Weltalls locken auch nicht mehr: Die Menschheit lebt ihre Entdeckerfreude derzeit lieber im Mikrokosmos von Digitalisierung und Nano-Strukturen aus.

Die Mutter, 1921,

Doch hier geht es weder um sozialistischen Agitprop-Realismus noch um "Kosmismus", eine esoterische Spielart der russischen Avantgarden. Otto Freundlich (1878-1943) war einer der originellsten abstrakt arbeitenden Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein eigenwilliges Werk, von ihm anspruchsvoll begründet, entstand in stetiger Auseinandersetzung mit wichtigen Tendenzen, ohne sich ihnen anzupassen. Dafür erfuhr Freundlich so viel Zuspruch wie Ablehnung – bis die Nazis ihn als "entartet" verfemten und 1943 im KZ Sobibor ermordeten.

Komposition, 1919

Nur einzelne Beispiele gezeigt


In der Nachkriegszeit geriet sein künstlerischer Nachlass quasi zwischen alle Stühle. Einerseits war er nie vergessen. Freundlichs eigenständiger Beitrag zur Moderne wurde anerkannt: Zahlreiche Museen besitzen Arbeiten vom ihm, die in etlichen Epochen-Ausstellungen zu sehen waren. Aber meist nur einzelne Beispiele: Dem linksradikalen Querdenker eine ganze Werkschau zu widmen, unternahm kaum jemand.

Ascension 1929

Unsteter Studien-Abbrecher


Die letzte große Retrospektive ist fast 40 Jahre her; damals entstand auch das Werkverzeichnis. Umso verdienstvoller, dass diese Schau jetzt Freundlich für das 21. Jahrhundert neu entdeckt – und dabei seine exzentrischen Kunst-Theorien nicht schamhaft herunterspielt, sondern im Gegenteil auf ihren Gehalt und ihre Relevanz für die Gegenwart untersucht.

Der Sohn einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie im pommerschen Stolp brach die Schule und zwei Mal die Universität ab, bevor er an einer privaten Kunstschule studierte. Jahrzehntelang pendelte er zwischen Berlin, Köln, Paris und anderen Städten hin und her. Auch nachdem er sich Ende der 1920er Jahre dauerhaft in Frankreich niedergelassen hatte, hielt es ihn – von ständigen Geldsorgen geplagt – nie lange an einem Ort.

Mein Himmel ist rot, 1933

Benjamin fand Freundlich unreif


Freundlich war mit Picasso, Robert Delaunay, Karl Schmidt-Rotluff, Raoul Hausmann und vielen weiteren berühmten Kollegen befreundet. Er trat manchen Künstlergruppen bei – und bald wieder aus, oft mit flammendem Protest. Walter Gropius wollte ihn für das Bauhaus, Walter Benjamin für seine Zeitschrift "Angelus Novus" gewinnen, doch daraus wurde nichts. Der umtriebige Feuerkopf war offenbar für solche engagements zu eigensinnig. Freundlich habe zwar "gute Ideen", gegen ihn spräche aber seine "erstaunliche Unreife", urteilte Benjamin nach einem Treffen 1921.

 
Hommage aux peuples de couleur, 1938,

Seine "guten Ideen" verfolgte der Künstler dennoch mit bemerkenswerter Konsequenz. Anfangs noch figurativ: Um 1910 schuf er schlichte Masken und Figuren, angelehnt an archaische Formen von Kunst aus Übersee, die damals europaweit Avantgardisten inspirierte. Etwa 1912 die monumentale Gipsplastik "Der große Kopf", die Statuen auf der Osterinsel ähnelt: Sie ist sein bis heute bekanntestes Werk – aus traurigem Anlass. Diese Skulptur bildeten die Nazis 1937 auf dem Umschlag des Katalogs zur Femeschau "Entartete Kunst" ab und ersetzten sie später wohl durch eine Fälschung. Das Original ist heute verschollen.


La Rosace II, 1941 

Begeisterung für Glas + Mosaiken


Wie viele weitere: Mindestens 14 Werke von Freundlich in öffentlichen Sammlungen wurden von NS-Behörden beschlagnahmt. Einen stark beschädigten Terrakotta-Kopf von 1925 fand man bei Bauarbeiten in Berlin 2010 im Erdreich wieder – er ist in der Schau zu sehen. Dagegen ist der Verbleib aller Arbeiten ungewiss, die Freundlich beim Umzug nach Frankreich in seinem Berliner Atelier zurückgelassen hatte; nach der NS-Machtübernahme kam er nicht mehr an sie heran.

Otto Freundlich

Nichtsdestoweniger gelingt der Ausstellung anhand von 80 Exponaten ein schlüssiger Überblick über alle Werkphasen. Seit einem dreimonatigen Aufenthalt in der Kathedrale von Chartres 1914 begeisterte sich Freundlich für Glasmalereien und Mosaiken: Er sah in ihnen sein Ideal einer kollektiven Kunst verwirklicht, die von einer Gemeinschaft geschaffen wurde und durch ihr Leuchten quasi die Begrenztheit des Einzelobjekts überwand.

Mosaik aus dem Foyer der Kölner Oper

Vor-Bilder für Aufhebung aller Unterschiede


Derlei konnte er aus Kostengründen nur selten umsetzen. Sein Meisterstück ist das meterlange Wandmosaik "Die Geburt des Menschen"[s. o.], der sich kraftvoll aus wirbelnden Farbkreisen schält: Es wurde 1957 im Kölner Opernhaus angebracht, blieb dort lange unbeachtet und wurde nun in der Ausstellung installiert. Ebenso pulsierend wirkende Gemälde komponierte Freundlich aus lauter kleinen Farbfeldern ohne Konturen.

Komposition, 1930, WVZ 151

Ab den 1920er Jahren stuft er ihre Töne delikat ab, bis der Eindruck fließender Dynamik entsteht. Alle Elemente bestehen für sich und gehen zugleich harmonisch ineinander über; erfasst von universellen Wechselwirkungen wie bei subatomaren Teilchen. Mit moderner Physik war Freundlich durch seinen Cousin vertraut, einen Mitarbeiter von Albert Einstein. Deren Einsichten will der Maler veranschaulichen – als Vor-Bilder für die revolutionäre Aufhebung aller Unterschiede: "Das Objekt als Gegenpol des Individuums wird verschwinden; also auch das Objekt-sein eines Menschen für den andern." Das wäre "kosmischer Kommunismus".


Composition, 1933

Glanz des künftigen Himmelreichs


Energieströme von Quanten und Quarks als Modell der Einebnung aller Differenzen von Subjekt und Objekt, Einzelnem und Gruppe: Utopischer geht es nicht. Wie kühn seine Ideen der sozialen Wirklichkeit vorauseilten, war Freundlich durchaus bewusst. Doch zu seiner Zeit, als keine Strömung ohne vollmundige Welterklärungs-Manifeste auskam, hat kaum ein Künstler so groß gedacht wie er. Und in der Gegenwart, in der sich Einzelne, Schichten und Nationen wieder stärker voneinander abgrenzen, erinnern seine Bilder an die Vorzüge des Gegenteils – wie orthodoxe Ikonen, die Gläubigen den Glanz des künftigen Himmelreichs vor Augen führen.


Otto Freundlich -
Kosmischer Kommunismus

 
10.06.2017 - 10.09.2017
täglich außer montags
10 bis 18 Uhr,
donnerstags bis 20 Uhr
im Neubau des Kunstmuseums Basel,
St. Alban-Graben 20
Katalog 39
 
Nota. - Heute wirkt dieser Moderne über die Maßen klassisch; aseptisch fast. Liegt es an meinen Augen? Ich bemerke gar keine Spannung. Schon gar nicht bei der Rosace: Das ist eine gotische Kirchenrosette; da ist Harmonie beabsichtigt. Man kann bei all der Strenge und Selbstbeherrschung gar nicht erkennen, was daran entartet sein soll. Wenn man bedenkt, dass der Mann Zeitgenosse der Expressionisten war! Außer dem Großen Kopf habe ich kein Stück gefunden, woran man was davon sieht.
JE

Montag, 3. Juli 2017

Animalische Ästhetik?


Bereit fürs beeindruckende Schlagzeugsolo: ein Palmkakadu mit seinem Trommelstock
aus scinexx

Skurril: Kakadus als Schlagzeuger
Trommelsoli zeugen von verblüffend menschenähnlichen musikalischen Fähigkeiten

Den Rhythmus im Blut: Die in Australien heimischen Palmkakadus sind überraschend begabte Schlagzeuger. Mit Stöcken und anderen Werkzeugen produzieren sie kunstvolle Trommelsoli, um ihre Weibchen zu beeindrucken. Dabei haben sie erstaunlich viel mit menschlichen Schlagzeugern gemeinsam: Sie halten den Takt, entwickeln ihren individuellen Stil und verwenden viel Mühe darauf, die optimalen Klanginstrumente zu finden, wie Forscher im Fachmagazin "Science Advances" berichten.

Uns Menschen ist der Sinn für Rhythmus und Musik angeboren, er reicht zudem weit in unsere Entwicklungsgeschichte zurück. Schon Charles Darwin vermutete deshalb, dass Musikalität eine Art Urinstinkt darstellt, den vielleicht auch schon unser tierischen Vorfahren besaßen. Tatsächlich reagieren viele Tiere auf Musik: Seelöwen wippen im Takt, Katzen und Schimpansen zeigen Vorlieben für bestimmte Arten von Musik oder Rhythmen. Zudem sind die Gesänge von Vögeln, Walen oder einigen Insekten durchaus musikalisch.

Trommel-Serenade für die Damen

Doch Tiere, die mit Hilfe eines Werkzeugs Musik machen und einen Rhythmus schlagen, sind rar. Das einzige bekannte Beispiel ist der in Nordaustralien heimische Palmkakadu (Probosciger aterrimus). Die Männchen produzieren Trommelsoli, um ihre Weibchen zu beeindrucken. Wie erstaunlich geschickt und begabt diese Vögel dabei als Schlagzeuger sind, enthüllen nun Beobachtungen von Robert Heinsohn von der Australian National University in Canberra und seinen Kollegen.

Die Biologen hatten 18 wilde Palmkakadu-Männchen sieben Jahre lang gefilmt. Dadurch gelang es ihnen erstmals, die Vögel ausgiebig bei der Vorbereitung und Durchführung ihrer Schlagzeugsoli zu beobachten. Dabei zeigten sich gleich mehrere bemerkenswerte und erstaunlich menschenähnliche Eigenschaften der Kakadu-Trommler und ihrer Musik.

Maßgeschneiderte Trommelstöcke

Das erste erstaunliche Merkmal: Die Vögel suchen sich gezielt geeignete Trommelstöcke für ihre Schlagzeug-Soli. Meist nutzen sie einen Stock, den sie eigens vom Baum abbeißen und auf eine Länge von rund acht Zentimetern zurechtknabbern. Manchmal tut es jedoch auch der trockene, längliche Samenstand einer Pflanze.

Die Trommelstöcke werden von den Palmkakdus eigens gesucht und zurechtgeknabbert
"Dieses Verhalten ist außergewöhnlich, denn die Werkzeugnutzung bei Tieren ist selten und steht fast immer in Verbindung mit der Nahrungssuche", sagen Heinsohn und seine Kollegen. "Die Palmkakadus jedoch verwenden ihre Werkzeuge ausschließlich zum Musikmachen." Die Vögel schlagen dabei mit den Trommelstöcken rhythmisch auf eine gut klingende Stelle eines Baumstamms und produzieren so ein weittönendes Getrommel.

Regelmäßiger Takt mit individuellen Stil

Die zweite Überraschung: Die Analyse aufgezeichneter Trommelsoli enthüllte erstaunliche rhythmische Fähigkeiten der Palmkakadus. "Die Schlagsequenzen sind nicht zufällig, sondern erzeugen einen regelmäßigen Takt, ähnlich wie er in der menschlichen Musik zu finden ist", berichten die Forscher. Häufig wechselten die Vögel nach einer kurzen Pause das Tempo und produzierten so wiederholte, individuell verschiedene Trommel-"Strophen".

"Die einzelnen Palmkakadus haben demnach ihre eigenen, in sich konsistenten Trommelmuster – ganz ähnlich wie menschliche Musiker Noten und Rhythmus eines Stücks individuell interpretieren", so die Wissenschaftler. "Möglicherweise vermitteln diese individuellen Trommelkompositionen den Artgenossen Informationen über den Trommler."

Dem Menschen ähnlicher als jedes andere Tier

Nach Ansicht der Forscher sind die musikalischen Fähigkeiten der Palmkakdus damit einzigartig im Tierreich: "Sie zeigen Fähigkeiten, die zwar einzeln schon bei anderen Tieren beobachtet worden sind, die aber in Kombination bisher nur vom Menschen bekannt sind", konstatieren Heinsohn und seine Kollegen. "Die Palmkakadus sind die einzige Art, die spezifische Werkzeuge herstellt, um den Sound zu verstärken und damit einen regelmäßigen Rhythmus zu schlagen."


Die Palmkakadus sind damit die bisher engste Entsprechung zum perkussiven Musikmachen menschlicher Kulturen, so die Forscher. "Und sie stützt Darwins Annahme, dass ein regelmäßiger Takt über die Artgrenzen hinweg eine zutiefst ursprüngliche ästhetische Vorliebe ist."

Einen entscheidenden Unterschied zum Menschen gibt es allerdings: Bei unseren Vorfahren war das Trommeln meist mit Tanzen, Feiern und anderen Gruppenaktionen verbunden. Beim Palmkakadus ist es ein striktes Solo. (Science Advances, 2017; doi: 10.1126/sciadv.1602399)

(AAAS, 03.07.2017 - NPO)


Nota. - Man möchte meinen, der Sinn fürs Ästhetische sei das Specificum humanum. Nach Schönheit geht nur der Mensch.

Wie steht es aber mit der Musik? Manche Anthropologen meinen, die menschliche Musik habe ihren Ursprung im Vogelgesang - mindestens, was die melodische Seite anlangt.

Wie ist es aber mit dem Trommelrhythmus der Palmkakadus?


Zunächst einmal: Kakadu-Männchen können nicht singen. Die Weibchen der anderen Vogelarten auch nicht. Vogelmännchen brauchen ihren Gesang nämlich für die Balz.

Ziergarten eines Laubenvogels.

Palmkakadus machen daher Musik mit einem Hilfsmittel; statt auf die Melodie, setzen sie auf den Rhythmus, statt mit der Kehle musizieren sie mit Trommelstöcken. Wie die Sänger suchen auch die Schlagzeuger nach ihrem individuellen Ausdruck - und wie ein meschlicher Künstler. Und jeder versucht sein Glück allein.

Warum? Sie konkurrieren um dieselben Weibchen, es ist ein Wettbewerb, es trägt den Charakter des Spiels: Es kann auch misslingen, es kann passieren, dass sein Nest leerbleibt. Zugrunde geht er daran nicht, fast ist es ein Luxus, der ihm entgeht. Und fast möchte man sagen: Viel was anderes war zur Entstehung menschlicher Kunst und Ästhetik auch nicht nötig.

Da fällt mir ein: Ein vergleichbares, fast spektakuläreres Phänomen sind die pazifischen Laubenvögel: Die legen vor ihren Nestern Ziergärten an, um die Weibchen anzulocken. Ob sie auch nicht singen können? Einige sogar besonders gut. Da scheint es der reine Überfluss zu sein, der den ästhetischen Sinn herausfordert - ganz wie bei uns.

Der große Unterschied ist freilich: Die Menschen sind bei einem einmal erreichten Punkt nicht stehengeblieben.

PS. Bei besagten Laubenvögeln singen wohl auch die Weibchen - und die Männchen können ihnen damit also nicht sonderlich imponieren. Sind sie deshalb darauf verfallen, ihre Lauben mit bunten Gärten zu zieren?

Wie eigentlichen Ästheten seien die Weibchen, denn die seien es, die die Hervorbringungen der Männchen schätzen, meint einer der Forscher: Die Männchen produzierten nur einfach drauflos. - Da muss ihm noch unversehrt die Politische Korrektheit selig die Feder geführt haben. Wenn die Männchen vielleicht auch nicht selber beurteilen, was sie da von sich geben - irgendetwas von sich geben müssen sie schon, sie müssen etwas formen. Die kreative Performance wäre ästhetisch also unerheblich gegen den stillen Genuss der RezipientInnen? - Ästhetik ist wohl nix für Naturforscher.
JE