Dienstag, 14. November 2017

Reizbrei statt Erfahrung.

Charles Sheeler, American Landscape, 1930.

Adrian Daub schreibt in einem Beitrag für die Neue Zürcher vom 8. 11. 2017 unter anderm:

... Auf der Suche nach einem Standpunkt, der weder technologischen Fortschritt prinzipiell unter Verdacht stellte noch den Triumphzug Silicon Valleys verherrlichend und ausschmückend begleitete, besinnen sich die USA auf die Kunst der zwanziger Jahre: einer Ära also, in der die Kunst und der Geist keine Angst vor der Technologie hatten und sich deren Herausforderungen kreativ stellten.

Anfang 2018 wird das De Young Museum in San Francisco Sheeler und den anderen «Präzisionisten» seiner Ära eine grosse Retrospektive widmen. Das De Young ist ein hochmodernes, hochtechnisiertes Gebäude, das sich trotzdem harmonisch in die Eichen und den dräuenden Küstennebel des Golden Gate Park einfügt. Die Schau, das Museum, die Künstler, die hier versammelt werden, sie alle stellen die Frage: Was passiert, wenn die Hypermodernisierung kommt, und ich fühle mich eigentlich gar nicht schlecht dabei? Diese Frage hat in Silicon Valley besondere Sprengkraft: Man weiss, dass man Schuldgefühle haben sollte angesichts der Veränderungen, die man über die Welt bringt, aber so ganz versteht man diesen Imperativ nicht. Man hat hier seine Heimat in der Technik gemacht und wird gerne als warnendes Beispiel abgetan.

Sheeler und die restlichen Präzisionisten haben sich weder der Technikskepsis hingegeben noch die Verwerfungen der technologischen Moderne als deterministisches Prinzip gefeiert wie die italienischen Futuristen. Auch den Philosophen John Dewey trieb die ganz unnostalgische Frage um, wie sich moderne Erfahrung durchdringen und strukturieren lasse. Obwohl er nicht explizit von Technologie ausgeht, kann man das ferne Rattern der Fliessbänder und das Pfeifen der Lokomotiven auch aus seiner Ästhetik heraushören. 

Charles Sheeler, Rolling Power

Deweys Behauptung ist, dass die Reizüberflutung durch die moderne Welt nicht aufgrund der Masse von Reizen ein Problem sei, sondern aufgrund der unklaren Kontur dieser Reize. Unsere «Erfahrung» sei, so Dewey, ein einziger Reizbrei, was fehle, sei die Möglichkeit, «eine Erfahrung zu haben». Eben hier könne Kunst helfen, weil sie uns die Dinge in künstlicher Isolation, Konzentration und Abgeschlossenheit präsentiere – wir können sie durch Kategorien wie Anfang, Ende und Struktur erfahren. ...


Nota. - Wahrnehmung jeder Art geschieht in der Spannung zwischen Figur und Grund. Je gewöhnlich-selbstverständli- cher der Grund, umso außerordentlicher tritt die Figur hervor. Doch gewöhnlich und selbstverständlich kann auch das Tohuwabohu sein; auf einem Bild von Jackson Pollock würde ein weißer Fleck zur Figur reichen. Da hat John Dewey völlig recht: wenn die Reize flutend rauschen, werden sie gar nicht wahrgenommen, sondern das, was sie unterbricht und in die Schranken weist.

Was selbstverständlich und gewöhnlich ist, hängt aber nicht nur von der "Umwelt" ab, sondern auch von der Bildung ("Erfahrung") des Wahrnehmenden. Das ist eines der Probleme, um nicht zu sagen: das Problem der Kunst seit der Industrialisierung, seit der Entstehung einer breiten Masse von Gebildeten und einer noch größeren Masse von weniger Gebildeten, die aber doch als Konsumenten zählen, kurz seit der Scheidung der Kunst in Avantgarde, Mainstream und Kitsch. Kunst, die als solche gelten will, muss neu sein - das musste sie immer; aber früher konnte neu auch lediglich anders sein, doch seit sie modern ist, muss sie auch gegen etwas auftreten.

Charles Sheeler, Titel?

Bloß seit alles schonmal dagewesen ist, ist das nicht mehr so einfach. Zwar kann dem unbefangenen Auge Charles Sheeler heute wie eine Offenbarung vorkommen, und bis gestern war das mein Fall. Aber heut schon nicht mehr.
JE



 

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