Montag, 27. Juni 2016

Die "Gläserne Kette" in der Berlinischen Galerie.



aus Tagesspiegel.de, 27. 6. 2016                                 Bruno Taut, Glashaus auf der Werkbundausstellung in Köln 1914,                                                       

Ausstellung in der Berlinischen Galerie
Mit Glas zum Weltfrieden
„Visionäre der Moderne“: Bruno Taut, Paul Goesch und Paul Scheerbart gehörten zur "Gläsernen Kette", einer Künstlergemeinschaft unter Architekten. Die Berlinische Galerie zeigt ihre Werke.

von Bernhard Schulz

Bruno Taut konnte 1914 bei der Werkbund-Ausstellung in Köln einen Pavillon errichten, der die Möglichkeiten des Bauens mit Glas auslotete. „Das bunte Glas zerstört den Hass“, stand über dem Eingang graviert, ein Hinweis darauf, dass es Taut (1880–1938) um mehr ging als um die Verwendung industrieller Materialien. Während des bald ausbrechenden Krieges flüchtete sich Taut in Visionen einer gläsernen Baukunst, die ganze Länder überdecken und schließlich die Menschheit im Frieden vereinen sollte.

Daraus erwuchs in den stürmischen Monaten der Revolution von 1918/19 die „Gläserne Kette“, eine Brieffreundschaft, an der Architekten und Künstler mit ähnlichen Vorstellungen teilnahmen und sich wechselseitig Skizzen ihrer fantastischen Baugedanken schickten. Einer der Autoren war Paul Goesch (1885–1940), eher Künstler als Architekt. Er hat ein umfangreiches Oeuvre an Papierarbeiten hinterlassen, aus dem Eberhard Roters 1976 ein Konvolut von 240 Blättern für die von ihm gerade erst gegründete Berlinische Galerie erwerben und bald auch ausstellen konnte.


Ohne Titel, Gouache von Paul Goesch, 1920.

Goesch war ein Außenseiter, eine Randfigur der Kunstgeschichte; und erst jetzt, in der Zusammenschau der Ausstellung „Visionäre der Moderne“, die die Berlinische Galerie derzeit unter dem Roters-Nach-Nachfolger Thomas Köhler zeigt, wird der geistige Zusammenhang deutlich, in dem Goesch seine produktivste Zeit erlebte. Mit Goesch und Taut ist Paul Scheerbart der Dritte im Bunde der Visionäre; zwar früh, bereits 1915, gestorben und also an der „Gläsernen Kette“ nicht mehr beteiligt, war der 1863 geborene Dichter doch ein großer Anreger. Er war es, der Taut auf das Glas nicht nur als Material, sondern als Medium aufmerksam machte, als Medium des Geistigen. In Goesch, der über seine jugendliche Hinwendung zum Katholizismus schrieb, „die betäubende Pracht der Kirche“ habe ihn „überwältigt“, hatte er einen gleichgesinnten Nachfolger.

Paul Goesch zog sich nach seiner Blüte zurück

Die jetzige Ausstellung ist vor allem Goesch und seinen zarten Zeichnungen und starkfarbigen Gouachen gewidmet. Bruno Tauts Werk ist vertreten durch Leihgaben der Akademie der Künste, die den Nachlass bewahrt. Auch Scheerbart hat gezeichnet, einiges ist zu sehen, während seine in immer fantastischere Welten ausgreifenden Dichtungen wie „Lesabéndio. Ein Asteroidenroman“ der Lektüre vorbehalten bleiben müssen. Immerhin hat Scheerbart den Begriff der „Glasarchitektur“ bereits 1914 in einem Buch ausgebreitet. Unabdingbar zum Verständnis ist jetzt der Katalog, in dem Ausstellungskuratorin Annelie Lütgens eine Einführung auch in Scheerbarts doppeltes Werk als Dichter und Zeichner gibt.


Paul Scheerbart, Jenseits, 1907

Bruno Taut hat vor dem Ersten Weltkrieg mit seinen vorausschauenden Ausstellungsbauten und danach mit seinen Wohnsiedlungen kräftige Spuren hinterlassen. Das war Goesch nicht vergönnt, obgleich er doch als Architekt ausgebildet war und bis 1917 in der Bauverwaltung gearbeitet hatte. Psychisch labil, zog er sich nach der kurzen Blüte der „Gläsernen Kette“, als seine Blätter immerhin auch zahlende Sammler fanden – „wenn ich auch (...) höhere Preise erträumt hatte“, bemerkte er 1919 –, immer mehr zurück und verbrachte sein Leben in Anstalten. Er fiel 1940 den Euthanasie-Mordaktionen der Nazis zum Opfer. Einmal konnte er mit Taut zusammenarbeiten, er leistete die Ausmalung des Speisesaals in Tauts (zerstörtem) „Ledigenheim“ in Schöneberg – einer Fotografie zufolge ein wild wucherndes Farb- und Formenspiel, wie es auch Goeschs Papierarbeiten in der Ausstellung vorführen.

Was dort ausgespart bleiben muss, ist das dichterische Pathos der Künstler, der hohe Ton, in dem die Pamphlete gehalten sind, als Aufrufe am besten gleich an die ganze Menschheit. Vielleicht kommt ein wenig davon zum Tragen im „Salon der Großen Pläne“, den die Berlinische Galerie für den 30. Juni (17 Uhr) ankündigt.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, bis 31. Oktober. Katalog im Verlag Scheidegger & Spiess, 29,80 €. – Informationen unter wwww.berlinischegalerie.de

Bruno Taut, Glashaus, rekonstruiert, Wien 2005




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