Donnerstag, 25. Juni 2015

Die Düsseldorfer Malerschule.

Carl Gehrts Die höchste Blüte der Kunst in der Renaissance 1897 
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Eine fast vergessene Ära der Malerei


Johannes Seiler
Dezernat 8 - Hochschulkommunikation
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

„Das ist doch keine Kunst!“, sagt der Laie angesichts der Werke so manches malenden Zeitgenossen. Lieber wären ihm Landschaftsbilder, Natur- und Alltagsszenen – leider wenden sich Experten von solchen Bildern mit Grausen ab. Das war nicht immer so: Im 19. Jahrhundert erregte die „Düsseldorfer Malerschule“ mit solchen Sujets europaweit Aufsehen. Eine öffentliche Tagung an der Universität Bonn befasst sich von Donnerstag bis Samstag, 14. bis 16. Mai, mit dieser zu Unrecht fast vergessenen Epoche der Kunstgeschichte. Mit federführend ist Prof. Dr. Roland Kanz vom Kunsthistorischen Institut.

Carl Gehrts Petruccios Hochzeit 1885 

Die Liste der großen Kunstmetropolen der Welt ist lang: Florenz. Venedig. Paris. New York. Düsseldorf. Düsseldorf? Genau! Schon 1753 entstand dort die „Kurfürstlich-Pfälzische Academie der Maler-, Bildhauer- und Baukunst“. Nach der Eroberung des Rheinlands durch Preußen gründete König Friedrich Wilhelm III. sie im Jahre 1819 als „Königlich preußische Kunstakademie“ neu; im 19. Jahrhundert wurde sie zum Anziehungspunkt für Maler aus ganz Europa. Mit dieser wiederentdeckenswerten Epoche der Kunstgeschichte befasst sich jetzt eine öffentliche Tagung an der Universität Bonn. „Düsseldorfer Malerschule – Gründerzeit und beginnende Moderne“ heißt das Thema des Treffens vom Himmelfahrtstag (14. Mai 2015) bis zum Samstag, 16. Mai, im Kunsthistorischen Institut. Mit federführend ist Prof. Dr. Roland Kanz, Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Kunstgeschichte.


Andreas Achenbach, Landschaft, 1866

„Die Kunstgeschichte der Moderne ist eine Geschichtsschreibung der Sieger“, sagt Prof. Kanz und präzisiert: „Diese Sieger sind natürlich die Künstler der Avantgarde“ – also jener Stilrichtungen, die sich ab Beginn des 20. Jahrhunderts durchsetzten. „Die Künstler, die zuvor erfolgreich waren, sind ins Hintertreffen geraten“ – auch die Düsseldorfer Schule. Völlig zu Unrecht, findet Prof. Kanz: „Gleich zu Beginn, also in den 1820er und 1830er Jahren, gab es an der Düsseldorfer Akademie eine sehr dynamische Entwicklung. Es gab einen sehr regen Austausch mit Berlin und großen Widerhall in der gesamten Kunstszene Europas.“

„Realismus und Naturalismus“

Prägend für das Schaffen der Düsseldorfer Künstler waren laut Prof. Kanz „Realismus und Naturalismus“ – sie befassten sich also intensiv mit Darstellungen von Landschaften, Szenerien der Natur und des menschlichen Alltags. Die Forschung darüber konzentriere sich bislang „sehr stark auf die ersten 50 Jahre nach der Akademiegründung“ – etwa auf Künstler wie Johann Wilhelm Schirmer (1807-1863), Caspar Scheuren (1810-1887) und Adolph Schroedter (1805-1875). „Näher an der Jahrhundertwende wird die Sache dünner.“ Ein Ziel der Tagung soll deshalb sein, das Interesse jüngerer Forscher auf die Düsseldorfer Schule zu lenken, damit sich eines Tages Abschluss- und Doktorarbeiten mit dieser Epoche befassen können.


Oswald Achenbach Don Quijote und Sancho Panza 1850

Einen besonderen Leckerbissen hält dazu die Bonner Dr.-Axe-Stiftung bereit, Mitveranstalterin der Tagung. Weil einer ihrer Stiftungszwecke ist, das Erbe der Düsseldorfer Schule zu pflegen, hat sie in Kronenburg (Eifel) ein eigenes Museum darüber eingerichtet. Teil der Tagung ist eine Exkursion dorthin, wo derzeit 21 Werke des Malers Carl Gehrts (1853-1898) zu sehen sind – Studien zu seinen Wandmalereien im Treppenhaus der 1888 erbauten Düsseldorfer Kunsthalle. Weil das Gebäude in den 1960er Jahren abgerissen wurde, sind die 21 Bilder die letzte Erinnerung an diese Malereien, sagt Prof. Kanz – „ein repräsentativer, wirklich erstaunlicher Zyklus von Fresken. Sein Thema ist die Entwicklung der Kunstgeschichte in ihrer Gesamtheit.“

Ein buntes Bild der Möglichkeiten

Gemälde von 1888? Der Kunstfreund denkt schaudernd an die Bilderwelten des Wilhelminismus – stolze Adler, dampfende Schlachtschiffe, mittelalterliche Recken, germanische Helden. Haben wir nicht alle gelernt, dass die gesamte Malerei dieser Zeit getrost unbesehen in die Schublade „Kitsch“ gehört? Ein Klischee, das „der Prüfung nicht standhält“, sagt Prof. Kanz. Die Tagung wolle das „bunte Bild der gleichzeitigen Möglichkeiten betonen, die damals herrschten“, erklärt der Wissenschaftler der Universität Bonn. „Es geht um eine gerechtere Differenzierung, wie vielfältig die Moderne eigentlich war. Die Geschichte der modernen Malerei ist eben nicht nur eine Geschichte der Avantgarde. Es gibt auch offizielle Repräsentationskunst, die nicht automatisch abwertend gesehen werden darf. Carl Gehrts zum Beispiel hat unglaublich viel zeitgenössischen Witz. Er hat auch Zeichnungen im Stile Wilhelm Buschs gemacht.“


Johann Wilhelm Schirmer Heranziehendes Gewitter in der Campagna, 1858

Die Tagung an der Universität Bonn ist ausdrücklich auch dazu gedacht, diese Erkenntnisse allen interessierten Bürgern nahezubringen: Jeder darf die Vorträge besuchen, egal, ob Kunstprofessor, Laie, Kritiker oder selbst schaffender Künstler. Der Eintritt ist frei. Auch an der Expertenführung durch die Carl-Gehrts-Ausstellung in Kronenburg darf jeder Interessierte teilnehmen – nur die Anreise in das etwas abgelegene Eifelstädtchen (bei Dahlem, südlich von Blankenheim) ist selbstständig zu organisieren.

Carl Friedrich Lessing, Belagerung eines Kirchhofs im 30jährigen Krieg, 1848 

Nota. - Das Kopfbild haben die Veranstalter selbst als Beigabe für ihre Pressemitteilung ausgesucht. Darauf wie auf dem Folgenden kann ich nichts von Realismus und Naturalismus erkennen, das sind pompöse Historienschinken - und sehr wohl das, was ich mir unter wilhelminische Malerei vorgestellt habe. Hans Makart hat - und dies etwas früher - offen mit der Décadence geflirtet, und das gibt seinen Sachen eine satirische Pointe, sodass man zögert, einfach Kitsch! zu sagen. Bei Carl Gehrts würde ich nicht zögern.

Was aber an der Meldung überrascht - die Landschaftsmalerei wird nur "unter anderm" erwähnt. Sie war aber das Schlachtross der Düsseldorfer Akademie, das ihren Einfluss von Amerika bis Russland begründet hat! Und ihre Oberhäupter waren Andreas und Oswald Achenbach, von ihren Zeitgenossen "das A & O der Landschaft" genannt. Zur Avantgarde haben die (sich) nie gezählt, und es ist wahr, dass nicht nur bei den Fachleuten, sondern auch beim großen Publikum das Augenmerk viel zu sehr auf der Avantgarde liegt, während doch die "normale" akademische Malerei stets der Mainstream war und die große Masse ausgemacht hat. Wenn man zeigen wollte, dass das nicht unbedingt Kitsch bedeuten muss, wäre die Achenbachs ein gutes Beispiel; allerdings auch dafür, wie schmal der Pfad ist und wie leicht man auch mal danebentreten kann.
JE

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