Posts für Suchanfrage was kann man noch malen werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage was kann man noch malen werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen

Dienstag, 21. März 2017

Aber gut gemacht, kann man nich anders sagen.

Robert Cottingham  Joy Theatre 2014 

Robert Cottingham is known as a photorealist, but his meticulous paintings and drawings of pre-digital Americana border on abstraction. Cottingham depicts mid-20-century signs, typefaces, manual cameras, railroad boxcars, and mechanical components, or what he has called “tools of the Everyman,” in various dynamic compositions with intensified color and light. The artist has described his fascination with signs as originating from trips to Times Square as a child: “I think that’s when the seed was planted, when I saw the kind of activity going on above the ground level.” Obsessed with the precise geometry of his subjects, Cottingham’s process incorporates a series of steps that can include sketches, photographs, shapes mapped onto grids, and model construction. His crisp, often-monumental canvases celebrate and accentuate the forms of his subjects while remaining devoid of nostalgia. He lists Franz Kline, Edward Hopper, and the New Realists among his influences.
Paul Beliveau, Vanitas (Splash) 2015

What does Marilyn Monroe have in common with Albert Einstein; Elvis Presley with Mao Zedong, or Federico Fellini with Tintin (the Belgian cartoon character)? Not much at a glance - but in fact they all have something in common with each other: they have been tainted, that is in the sense to say painted, by one very special Canadian brush. Indeed, they all appear in the paintings by Paul Beliveau, a Canadian artist whose exclusive focus in art is to paint books, book spines especially, some from his own book collection, but most from his own extensive library of imagination.


See: www.paulbeliveau.com/home/


Steven Mill, Folded, 2015

Born in 1959 in Boston, Massachusetts and raised as a child on Martha’s Vineyard, his family moved to Walpole, MA as a young teen though he has continued to summer on Martha’s Vineyard. Influenced by the works of Andrew Wyeth, his early paintings consisted mostly of landscapes. After seeing the work of Richard Estes at a show in Boston, Photorealism became his passion. Today his interests are somewhat varied though his main focus is on the “extraordinarily-ordinary”. Mills takes your eye to a place where most would need a magnifying glass. Getting in so tight the viewer can see the stressed metal in a bottle cap or the texture of a newspaper.

See: stevemillsart.com/

Richard Estes, The Plaza 1991 

Bilder und Texte aus Gandalf's Gallery



Nota. - Nein, meine Überschrift ist nicht gehässig, das bestreite ich. Sie soll aber eine tragikomische Situation verdeut-lichen.

Ob heute mehr Talente geboren werden als früher - wer wollte das beurteilen. Aber gewiss werden durch die Explosion der visuellen Medien heute unvergleichlich mehr Talente animiert, aus ihrem Talent etwas zu machen; am besten eine Erwerbsmöglichkeit, damit sie auch die Zeit finden, aus ihrem Talent etwas zu machen. Und sicher waren für einen begabten Maler die Möglichkeiten, sein Talent handwerklich so auszubilden, wie es das verdient, nie besser als heute.  

Die Rückseite der Medienexplosion ist freilich: Man hat heute schon alles gesehen. Nicht nur, weil das Internet bis zu den Kykladen reicht und selbst bis Altamira und Lascaux. Sondern auch, weil der PC und Fotoshop jedem Talentierten die Möglichkeit bietet, aus längst sattgesehenen Bilder doch immer noch 'n bissel was Neues zu machen. Was also soll einer heute aus seinem Talent machen?!

Der Hyperrealismus ist dabei ein ehrenwerter Weg, sich aus der Affäre zu ziehen. Aber viel mehr als ehrenwert eben nicht. Richard Estes hat der Manier zum Durchbruch verholfen, indem er ungewöhnliche Blickwinkel gewählt hat. Aber das macht jeder Fotograf heute auch, und die vornehmeren verzichten schon wieder darauf. Bleibt schließlich nur übrig: Aber gut gemacht, kann man nich anders sagen.

JE, 23. Februar 2016

Na, wenn einem sonst nichts einfällt...


Richard Hall - Ready for Takeoff [2015] 

Richard was born in 1952 in Bradford, Yorkshire; the industrial heart of northern England. He attended both the Sheffield College of Art and the Kingston-upon-Hull College of Art, receiving his Bachelor of Fine Arts in Painting in 1976. After earning his post-graduate teaching degree from Sussex University, he left England for warmer climates, ending up in the Southwest United States with his wife Sharon, where he pursued painting full-time.


Nota. - Wer wollte bestreiten, dass er malen kann? Aber von Können allein kommt auch keine Kunst, Herr Liebermann. Ein bisschen kommt es schon aufs Wollen an, aber nicht darauf, dass man will, sondern auf das, was man will. Was aber kann man noch wollen, wo alles schonmal da war? Stillleben, Naturalismus, sogar Hyperrealismus, Duchamp, Surrea-lismus, Popart, Walt Disney, Gott und was weiß ich... So ein Bild kann man auch digital herstellen, an diesem Stück kann man nur bewundern, dass er's ebenso so gut kann wie der Computer.

Hübsch anzusehen ist es aber, kann man nicht anders sagen. 


JE, 19. Februar 2016


Ja ja, das kann man schon auch noch malen...

Kari Tirrell, Full House [2014]

Ja, das verstehe ich ja, dass man, wenn man malen und es nicht lassen kann, sowas malt. Es war ja alles schonmal da...

Hyperrealistisch ist es nicht, denn er hat die Gegenstände, wie es bei Stillleben eben üblich ist, so arrangiert, dass es ein schönes Bild ergibt. Das sehe ich, ich sehe die Farben und ihre Anordnung, sehe die Formen und ihre Unordnung, und habe einen Gefallen daran. Aber doch nicht länger als fünf Minuten!

Dass ich mir das Bild ein zweites Mal raussuche, um es anzuschauen, glaube ich nicht. Handwerkliche Meisterschaft kann ich anderswo auch bewundern.

12. Februar 2016


Sonntag, 19. Februar 2017

Was kann man denn heute noch malen?


Cy Twombly, Die Schule von Athen, 2. Version, 1964

Wir leben in einer Epoche, wo - nicht allein, aber auch nicht zuletzt - die Neuen Medien dafür sorgen, dass kein Bild mehr an die Öffentlichkeit gelangen wird, das nicht - so oder ein bisschen anders - schonmal dagewesen ist. Alles, was in der zeitgenössischen Kunst etwas taugt, von Gerhard Richter über Cy Twombly bis zu den amerikanischen Hyperrealisten, sind nur Variationen zu dem Thema Was kann man heute noch malen? Und ihr jeweiliger anschaulich-ästhetischer Gewinn besteht eben in der Variation und nicht im Werk. Mit andern Worten: Wenn es je sinnvoll gewesen wäre, 'Kunst' an der Qualität (Washeit) ihrer Produkte zu definieren - dann ist das heute vorbei.

Man hätte sagen können: Kunst ist eine bildnerische Praxis, die, wenn sie gelingt, die Augen der Zeitgenossen öffnet für ästhetische Qualitäten, die zuvor noch nicht sichtbar waren.



Das ist verführerisch, aber es ließ immer die Frage offen: Wer oder was entscheidet darüber, was in der Kunst gelungen ist und was mißraten? Und das ist ein Fass ohne Boden. Was Kunst ist, definieren zu wollen durch ihre ästhetische Qualität, läuft darauf hinaus, Kunst nicht definieren zu können. Und recht besehen war das auch der Zweck der definitorischen Übung; denn sie ging immer aus von den unmittelbar Interessierten: den Künstlern selbst und ihren... nun ja, Agenten. Diente das epochale Werk Giorgio Vasaris etwa nicht der Propagierung - Marketing heißt das heute - des aufkommenden Manierismus in der italienischen Malerei? Wird einer behaupten, er habe sich um 'Objektivität' überhaupt bemüht? Er postulierte die Maßstäbe, denen er in seinem eigenen Werk selber gefolgt war und weiter zu folgen gedachte. Anders ist Kunstgeschichte unter dieser Prämisse auch gar nicht möglich, und darum wurde sie auch niemals ohne Interesse betrieben.


Leonardos Kanon
 

Kunst war erstens ein sozialgeschichtliches Phänomen und wurde zweitens zu einer kulturellen Instanz. Da ist zuerst das Aufkommen des Künstlers als Phänotyp. Als Professioneller nämlich, zünftig organisiert und gegen andere Berufsgruppen privilegiert. So jedenfalls im Abendland, wo Kunst in specie entstanden ist, unterm Protektorat einer feudalen Amtskirche zunächst und bald auch zum Lob und Preis weltlicher Herrschaft. Ihre Entfaltung verdankt sie nicht unwesentlich ebendieser ambivalenten Stellung als Dienerin zweier Herrn mit konkurrierenden Interessen. Und erst recht ihren Aufstieg - parallel zum Aufstieg des Gelehrtenstandes - zur autoritativen Instanz, die wie die Wissenschaft eine autonome Stellung zwischen den Mächten geltend macht. Und nur darum konnte die eine nichts als die Wahrheit und die andere das Schöne selbst zu ihrem (fast) ausschließlichen Geschäft machen und den Zwiespalt des menschlichen Geistes als reflektierende Absicht und als zweckfreie Betrachtuung objektivieren. Wie der Erfinder und der Gelehrte erscheint der Künstler mit der Renaissance als Held, der mit den Aristokraten auf Du ist, seit die (in Italien) keine Blaublütler, sondern nur noch Parvenüs sind.

Filippino Lippi, Selbstporträt
 

Natürlich hält diese Stellung der folgenden Entwicklung zur bürgerlichen Gesellschaft nicht stand, denn zwischen Bourgeoisie und Bourgeoisie ist schlecht schweben. Als Geschäftspartner stehen weder der Künstler noch der Gelehrte dem Kapitalisten ebenbürtig gegenüber, denn während Kirche und weltliche Herren auf die öffentliche Repräsentation ihrer Herrschaft durch Schönheit und Wissen dauerhaft angewiesen waren, kann der Bourgeois als Privatmann auf die Hohe Kunst verzichten und sich mit einem kitschigen Surrogat begnügen. Der Wissenschaftler konnte sich als Supervisor des Technikers unabkömmlich machen, was sich der Kapitalist als Geschäftsmann etwas kosten lässt, aber dem Künstler blieb nur das Abenteuer der Bohème; wenn er nämlich auf der Kunst um ihrer selbst willen beharrte und sich zum Serienfertiger wohlfeiler Massenware zu vornehm blieb. (Vorher gab es keine Unterscheidung zwischen Kunst und Kitsch). 

Delacroix

So entstand die Avantgarde, seit der Romantik eigentlich, und der Romantiker verstand den Künstler als Genie, und rückblickend verklärte Ludwig Tiecks Franz Sternbald noch den Zunftgesellen der mittelalterlichen Malerwerkstatt dazu.

Als Kunst gilt seit rund hundert Jahren nur noch das, was zu der Frage Ist das überhaupt noch Kunst? Anlass gibt. Kunst ist avantgardistisch - oder akademische Afterkunst. In den fünfziger, sechziger Jahren waren erkennbare Gegenstände auf den Bildern regelrecht untersagt. Abstrakt war nicht erst die Avantgarde, sondern noch der Tross.


Georges Vantongerloo, XVII - composition dans le carré

Die Abstraktion musste sich bald totlaufen, denn bloße Farben und Formen sind erschöpflich, und Varianten im Mikrobereich sind irgendwann langweilig. Bleibt das dekorative Bemalen von Leinwänden in Wandgröße, aber originell ist das nun auch nicht mehr. Wohl oder übel müssen die Gegenstände wieder hergenommen werden - wenn man schon das Malen nunmal nicht lassen kann. Welch eine Verlegenheit! Man sieht sie allenthalben. Ihr von Sotheby und Christie's gekrönter König ist Gerhard Richter, der offenkundig alles kann (wie kein zweiter), aber ebenso offenkundig nicht weiß, was er wollen soll.

Merke: Das Tafelbild hat es nicht immer gegeben.
 

21. 9. 13




Samstag, 12. Dezember 2015

Ja, das kann man schon auch noch malen.










Philip Oliver Hale, born in 1963, is an American figurative painter who currently resides in London, England. His current work focuses on figure as well, in depictions of slightly surreal scenes with strange characters performing various physical feats, usually in a confrontation of some sort. He seems to take keen interest in tension and emphasis of angular and dynamic aspects of the figure, almost always incorporating slight anatomical distortions to great effect. 


Nota. - Na ja, so kann man schon auch noch malen. Die Frage ist ja gar nicht, ob die Welt das braucht oder ob es die Kunst voranbringt. Es ist nur eben so, dass es immer noch und immer wieder Menschen gibt, die auf das Malen nicht verzichten können und die malen müssen. Das ist die Frage: Was können die noch malen, ohne rot zu werden? 

Ohne sich vor sich selber genieren zu müssen heißt auch: Ohne darauf verzichten zu müssen, es andern Leuten zu zeigen. Ein Sonenuntergang ist ästhetisch halb soviel wert, wenn man ihn keinem zeigen kann. Ein Bild, das man selber gemalt hat, schreit danach, von andern gesehen zu werden. Müsste der Maler ihm das verweigern, täte es ihm weh (dem Bild).  

Was kann man heut noch malen? Wer heute malt, kann nicht mehr darauf reflektieren, ein neues Kapitel der Kunstgeschichte aufzuschlagen; die sind alle abgeschlossen. Er muss schon froh sein, wenn sich seine Bilder überhaupt sehen lassen können – denn solche sind jetzt selten geworden.
JE

Samstag, 4. Mai 2019

Ist immer alles super.

aus nzz.ch, 4. 5. 2019 

Es lebe der Verriss!
Warum wird in der Kunstszene immer alles schöngeredet? Die weitverbreitete Lobhudelei dient der Sache nicht. Wer aber zu kritisieren wagt, wird geächtet. Das ist eine Form von Zensur. Deshalb sollten sich alle jene, die nicht von Kunstmarktinteressen geleitet werden, die Frage stellen, wie man die Gegenwartskunst vom Sockel steriler Selbstbeweihräucherung stürzen kann. 

von Christian Saehrendt

«Die modernen Gesellschaften leben vom Applaus», befindet Peter Sloterdijk. «Eigentlich ist die ganze Demokratie eine applausometrische Erscheinung: Wir organisieren innerhalb von bestimmten Zeitabständen Applausrituale für das Volk, die wir ‹allgemeine Wahlen› nennen. Es gewinnt, wer am meisten Beifall erntet. Ähnliches gilt für den Zuschauersport: Die Sportarten hängen in sehr hohem Masse davon ab, dass sie genügend Applausquantitäten akkumulieren können.» 

Erst recht, möchte man ergänzen, trifft das auf die Kunst zu: Ob im Katalogtext, in der Pressemitteilung der Galerie, bei der Eröffnungsrede im Museum oder bei einer Preisverleihung – gesprochen und geschrieben wird über zeitgenössische Kunst nur noch in warmen, werbenden, lobenden Worten. In der Kunstszene herrscht ein regelrechtes Grundrauschen allseitiger Zustimmung und Ermutigung.

Insider wie der Kunsthändler Daniel Hug, seit Jahren Direktor der Messe Art Cologne, stehen vor einem Rätsel. Hug bestätigt im Gespräch den Eindruck, dass Texte über Kunst heutzutage zu 99 Prozent positiv gestimmt sind. Eine schlüssige Erklärung dafür kann aber auch er nicht anbieten, obwohl er wie nahezu alle anderen Kunstmarkt-Player überzeugt ist, dass es schlechte Kunst gibt – Namen möchte er nicht nennen. Die Kunstszene erscheint wie eine weitläufige, komplex institutionalisierte Fankultur, wie ein Cluster von kleineren oder grösseren Begeisterungsgemein- schaften für bestimmte Künstler, Kunstrichtungen und kuratorische Konzepte. Hier gibt es weit und breit nur noch «Gefällt mir»-Buttons. Schlechte Kunst ist dagegen offenbar ein Phantom, ein Dämon, den man nicht beschwören darf. Wer ihn beim Namen nennt, verfällt der Ächtung durch die Zunft.Warum bloss?

Mehrere Gründe könnten dabei eine Rolle spielen. Erstens: Das Angebot an Kunst ist heute so gross, es gibt eine so rasche Abfolge von Novitäten, dass wir nur noch das aussergewöhnlich Schöne, Prächtige, Erfolgreiche wahrnehmen können. Mittelmässiges und Missglücktes fällt sofort unter den Tisch, weil sich die Mühe für eine schonungslose, konstruktive und differenzierte Kritik, wie der Künstler es besser machen könnte, nicht lohnt. Schliesslich ist das nächste «grosse Ding», ist der nächste Trend schon im Anmarsch. Die Kunstüberfülle verführt zum Schweigen oder Wegloben – Ausdruck einer Massenproduktion und Wegwerfmentalität, die sich auch der Kultur bemächtigt hat.


Ein zweiter wichtiger Grund für die Inflation des Lobs liegt in der grossen Verunsicherung über den wahren Wert der Gegenwartskunst. Nichts ist konstant in der Kunstgeschichte und auf dem Kunstmarkt, doch die Abwertung von Kunst ist noch immer ein grosses Tabu – niemand spricht offen und gerne darüber. Vielleicht wird eine jederzeit mögliche Abwertung hochgelobter Kunst auch deshalb tabuisiert, weil sonst das Vertrauen in das symbolische Kapital Kunst, in die Währung Kunst insgesamt erschüttert würde. 

Notorischer Narzissmus

Und schliesslich der dritte, vielleicht der wichtigste Grund für die überbordende Lobhudelei in der Kunstszene: der allgegenwärtige Narzissmus. Wer heute bestimmte Künstler oder Werke lobt, lobt nicht mehr – wie in früheren Epochen – Gott, die Schöpfung oder das Künstlergenie, sondern sich selbst, er lobt sich für seinen guten Geschmack, für seine Bildung, für die Zugehörigkeit zu einem angesehenen Milieu.

Narzissmus findet man aber nicht nur bei den Kunstkonsumenten, sondern auch bei den Künstlern selber. Jeder Mensch hat ein vitales Bedürfnis nach Anerkennung. Sein Anerkennungseinkommen kann sich aus verschiedenen Quellen speisen – Familie, Freunde, Beruf, Ehrenämter, Hobbys, sexuelle Aktivitäten –, kann sich aber auch aus einer einzigen Tätigkeit oder Rolle ergeben. Viele Künstler beziehen ihr Selbstwertgefühl ganz überwiegend aus ihrer Arbeit, und wenn der Erfolg ausbleibt, ist das Risiko einer tiefgehenden Kränkung besonders gross.

Der Kunstmarkt erzeugt aber strukturell bedingt ständig Kränkungen, weil seine Erfolgsskala nach oben offen ist und wenigen Gewinnern zahllose Verlierer gegenüberstehen. Die Kränkung besteht in der Regel aus Nichtbeachtung, was die Opfer schon als Strafe genug empfinden. Vielleicht ist die harsche Kritik auch deshalb so selten, weil sie als übertriebene Strafe empfunden würde. Das träfe zu, wenn es sich um unbekannte Künstler handelte – doch bei Berühmtheiten und Kunstmarktgrössen dürfte man eine robustere Konstitution voraussetzen. Und trotzdem: Jeder Kunstkritiker wird die Erfahrung gemacht haben, dass Galeristen, Kuratoren oder Künstler auf negative Ausstellungsbesprechungen nicht selten überempfindlich und kleinlich reagieren.

Wer heute noch substanzielle Kritik übt und dadurch den Chor der Lobsänger stört, gilt schnell als unsozialer Rüpel oder gar als schwierig, als psychisch angeknackt. Autoren, Kritiker, Journalisten müssen heute gewiefte Netzwerker sein, um Erfolg zu haben. Sie müssen stets fürchten, den Zugang zu interessanten Quellen, zu den Informationshierarchien der Kunstmarkt-Insider zu verlieren, und halten sich deshalb zurück. 

Informelle Zensur 

Dies ist die neue, die informelle Zensur im Kulturbetrieb. «Wenn wir Profis sozusagen privat ein Kunstwerk betrachten, ohne an unsere berufliche Verpflichtung zu denken, äussern wir oft ganz andere und manchmal viel interessantere Meinungen als im Dienst», verriet etwa Robert Cumming, der jahrelang als Kurator für die Tate Gallery und für Christie’s tätig gewesen war. Aufgrund der allseitigen Vernetzung der Mitspieler im Kunstbetrieb durch ihre Mehrfachfunktionen – manche sind Künstler und Kuratoren, Händler und Jurymitglieder, Museumsdirektoren und Gutachter in persona – ist der offene Schlagabtausch eine Seltenheit geworden.

Dennoch ist schonungslose Kunstkritik wichtig, allein schon, um einen minimalen Qualitätsanspruch in der Kunst aufrechtzuerhalten, und nicht zuletzt im Interesse der Künstler: «Pauschales Dauerloben ist eine Form der Vernachläs- sigung durch Verwöhnen», erklärt Peter Henningsen, Chefarzt für Psychosomatik an der TU München. In der Kinder- erziehung gilt dies als fatal, denn auf diese Weise können Kinder narzisstische Gefühle entwickeln und verzagen schnell, wenn in der Welt da draussen etwas mal nicht so super läuft. Dauerlob ist also erwiesenermassen kontraproduktiv für die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls.

Innerhalb des Kunstbetriebs herrscht ein Klima wortreichen allseitigen Lobes und Selbstlobes, ausserhalb dräut dumpfes, oftmals sprachloses Ressentiment. Diese Wagenburgmentalität der Kulturszene zeigt sich immer dann überdeutlich, wenn Kritik von aussen geübt wird. Es scheint jenseits von stummem Ressentiment und periodisch aufflackerndem Vandalismus kaum Möglichkeiten zu geben, Kritik am etablierten Kunstbetrieb zu artikulieren und die richtigen Adressaten für diese Kritik zu finden.

All diejenigen aber, die nicht von Kunstmarktinteressen geleitet werden, sollten sich die Frage stellen, wie man die Gegenwartskunst vom Sockel steriler Selbstbeweihräucherung stürzen kann, um eine ebenso vitale wie allgemeinverständliche Streitkultur zum Leben zu erwecken. In diesem Sinne: Es lebe der Verriss!


Nota. - Wenn Banksy seine Sachen nicht mit Autolack auf Wände sprühte, sondern mit Acryl auf Leinwand pinselte, wäre das meiste davon Kitsch. 

Aber darum macht er es ja so und nicht anders.

Was kann man heute noch malen? Quadratur des Kreises! Wie kann man heute noch malen? Ach, ausgelutschte Kamelle. Worauf  kann man heute noch malen? Ja, da sind noch ein paar Möglichkeiten offen; das für wen? ist sowieso längst geklärt.

Jeff Koons ist da gar nicht weit.
JE

Mittwoch, 11. November 2015

Nochmal Ernst Fuchs.

Selbstbildnis
aus Die Presse, Wien, 10. 11. 2015  

Der Gesamtkunstwerker des Fantastischen
Ernst Fuchs, Wunderkind und Malerfürst, begründete die Wiener Schule des Phantastischen Realismus und hielt bis zuletzt an ihrem Stil fest – mit stupender Technik und mystischer Verve. Am Montag starb er 85-jährig in Wien.

von Bettina Steiner

Seine Großmutter, erzählte Ernst Fuchs gern, war eine berühmte Wahrsagerin. Viele kamen zu ihr, um sich die Karten legen zu lassen, die – so war die alte Dame überzeugt – niemals lügen würden. Auch von der Zukunft des Enkels hatte sie sehr klare Vorstellungen. „Ernstl“, sagte sie zu ihm, „du wirst viel Geld machen mit deiner Musik“.


Totentanz

Die Musik ist es denn doch nicht geworden, auch wenn er nie ganz von ihr gelassen und bis zuletzt auch als Komponist und Sänger die Öffentlichkeit gesucht hat – sondern die Malerei: Sein Talent war augenfällig. In seinem letzten Schuljahr bat einer seiner Lehrer, ein Mundartdichter, den 14-jährigen Ernst Fuchs immer wieder an die Tafel, spannte Packpapier auf und ließ ihn zeichnen: So entstanden erste großformatige Arbeiten, meist Bilder von kämpfenden Rittern und von Pferden in vollem Harnisch, höchst präzise in der Ausführung und in der Komposition an Dürer geschult.


Titel?

Schon ein Jahr später, nach acht Jahren Volksschule, trat Ernst Fuchs in die Akademie der bildenden Künste ein: Albert Paris Gütersloh nahm das Wunderkind unter seine Fittiche. Angesichts der in den ersten Jahren an der Akademie entstandenen Werke kann man nur staunen über die Raffinesse, das Einfühlungsvermögen und die technische Fertigkeit, mit denen sich der Teenager die alten, aber auch die neuen Meister von Schiele bis Picasso anverwandelte.
Cinderella
Er forschte. Er suchte. Was er fand, gemeinsam mit seinen Kollegen Arik Brauer, Wolfgang Hutter und Rudolf Hausner, war die „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“. Wichtige Impulse kamen vom Surrealismus, der in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Wien noch neu und revolutionär war. Doch während der Surrealismus träumt, unzusammenhängend und grenzüberschreitend, versucht der Phantastische Realismus zu erzählen. Und während Breton und Co. ergründeten, was bei jedem Einzelnen unter der Oberfläche verborgen war, griff Ernst Fuchs auf die christliche und jüdische Mythologie zurück und suchte so zu erfassen, was uns zum Menschen macht.


Judith mit dem Haupt des Holofernes
Das Motiv von Christus am Kreuz etwa begleitete Fuchs, der als sogenannter „Mischling 1. Grades“ die Nazi-Zeit überlebte und mit zwölf getauft wurde, über die Jahrzehnte. Ähnlich leiden sah man den Erlöser zuletzt in den Werken der Donauschule rund um Albrecht Altdorfer! Christus, die zutiefst gedemütigte Kreatur. Kunst ohne Religion, meinte Ernst Fuchs noch diesen Februar in einem Interview mit der „Presse“, sei für ihn nicht denkbar.


Bei allem Hang zu Religion und Mystik – Ernst Fuchs war stets auch verkaufstüchtig. Sein Begriff vom Gesamtkunstwerk kam ihm da zupass, er beruhte unter anderem darauf, dass alles und jedes als Kunst zu vermarkten ist: Fuchs machte Werbung für den neuen Farbfernseher („Ohne Kontakt zur Farbe ist unser Verhältnis zur Wirklichkeit unvollkommen“). Die Münchner Society lud er zu einem Happening, bei dem er Nahrungsmittel drapierte und mit Blattgold verzierte. Er designte Bikinis – manche davon signierte er auch – und brachte eine Möbelkollektion auf den Markt. Er sollte eine Villa für Prince gestalten, entwarf das Bühnenbild für eine „Zauberflöte“ in der Stadthalle und bezeichnete die von ihm entworfene Bibel, die aussah wie ein riesiger Goldbarren, als sein „Lebenswerk“. Ein weiteres „Lebenswerk“: Die von ihm erworbene und umgestaltete Otto-Wagner-Villa in Wien-Hütteldorf, über die „Presse“-Kunstkritiker Kristian Sotriffer schrieb, Fuchs habe sie „usurpiert und geschändet“.


Fuchs-Kapelle in St. Egid
Das Sinnliche und das Göttliche, Ernst Fuchs hat versucht, es zusammenzubringen: Gold und Glauben, Opulenz und Andacht. Sein „Heiliger Wolfgang“ aus dem Jahr 1999 blickt entrückt gen Himmel, während links von ihm eine schöne Nackte ihn beobachtet, die Hure Babylon (1995) trägt eine lila Robe, während die in den Achtzigerjahren entstandene reichlich nuttige Cinderella nur einen blauen Hut auf dem Kopf hat und gelbe Schuhe an den Füßen. Auch später dominierten sein Werk noch mythologische Themen, nur fiel Fuchs immer öfter zu einem selbst gewählten Thema nichts weiter ein als das, was die Alten Meister vorgeführt hatten, nur greller. Vom Fantastischen blieb da oft nicht mehr als ein Farbenrausch, vom Sinnlichen nur ein nackter Po.


Die Kopfsammlerin
Über jeden Zweifel erhaben, von Kindheit bis ins hohe Alter: die stupende Technik, die geduldige Akribie, die zur Perfektion getriebene Kenntnis der malerischen Mittel. Sie kann man etwa in der Kapelle St. Egid in Klagenfurt bewundern, an der er zwanzig Jahre gearbeitet hat und die seit 2010 öffentlich zugänglich ist.
Ernst Fuchs, der 15 Kinder hinterlässt, ist am Montag in Wien im Kreis seiner Familie gestorben.


Cul du Monde, um 2000
Nota. - Meine Bemerkung im vorigen Eintrag, vieles bei Fuchs sähe so aus, als hätte ich es schon irgendwo gesehen, war naiv. Soviel hab ich noch garnicht gesehen, wie seine Bilder wonach aussehen! Fast scheint es, als habe er sich für jedes Stück einen neue Vorlage gesucht. Aber den ästhetischen Wert würde das nicht schmälern, und große Kunst könnte es trotzdem sein...

Ich habe als Nachruf ein Paradox, das ihm vielleicht gefallen hätte: Das, was er macht, finde ich gut, aber wie er's macht, mag ich nicht. Wobei die älteren Stücke meist besser abschneiden als die neueren; jene sind mir zu grell, ich meine: zu berechnend grell.

Er soll der Meinung gewesen sein, Kunst könne isoliert und nur für sich nicht bestehen, sie müsse Teil eines Kults wer-den. Es kommt mir vor, als habe er sich damit um die verheerende Frage Was kann man heute noch malen? herum-drücken wollen. Um die Frage, wie man heute noch malen kann, hat er sich damit aber auch gedrückt, und schwankt zwischen altmeisterlich und schrill. So dass man über ihn das Schlimmste sagen muss, was man über einen Künstler sagen kann: Er war interessant.
JE


Fuchspalast in St. Veit

Samstag, 18. Februar 2017

Gerhard Richter.


Abstraktes Bild, 1986

Dass man alles kann, ist noch kein Grund, alles zu machen.
Und wenn man sich's schon nicht verkneifen kann, muss man ja nicht gleich alles zeigen.  

Doch bei den Preisen, die er pro qm erzielt, ist die Versuchung natürlich groß.

Skull with Candle 1983


Seestück II 1970

Davos 1981




Abdallah




Blumen, 1992

"Unschärfe ist das Alleinstellungsmerkmal der Kunst von Gerhard Richter", schrieb jemand unter dieses Bild.


Nuba (Neger), 1964

Meadowland

Sache der Kunst sei es, den Menschen die Augen zu öffnen und sie sehen zu lassen, was sie noch nie gesehen haben. Was sie so noch nie gesehen haben, schränkte man später bescheiden ein. Heute, wo alle schon alles gesehen haben, ist auch das noch zu viel. Minimalistisch kann man nur sagen, wenn einer malenund es nicht lassen kann, dann muss er als Künstler sein Leben führen, und man kann ihm nur wünschen, dass er an seinen Bildern genug verdient, um leben zu können. Als Künstler beanschprucht er aber (Alles kann man sich nicht aussuchen) eine öffentliche Geltung. Die rechtfertigt er, indem er den Zeitgenossen zeigt, "was Geschmack ist"; nämlich seiner, aber zu dem steht er.

Gerhard Richter zeigt den Zeitgenossen, was er alles kann, eins so gut wie das andere. Es ist für jeden was dabei und keiner muss sich seines Geschmackes schämen, denn das ist alles sehr ordentlich. Es ist Sache des Betrachters, sich was auszusuchen.

 4 Panes of Glass 1967.

8 8 Grau

;Kölner Dom


Domecke, 1988-89

Übermaltes Foto



Verkündigung nach Tizian I-III; 1972/73

Aber er hat natürlich Recht. Ein richtiger Künstler kann sich nicht wirklich aussuchen, was er macht. Und was brächte es, wenn er mit dem Ausstellen (und Verkaufen) wählerischer wäre? So ein Geschmack verändert sich, und bei dem, der malt, womöglich gründlicher als bei dem, der sich die Bilder nur ansieht. (Wer die Bilder kauft, hat mit Geschmack oft gar nichts zu tun.) Dann kann es ihm passieren, dass er findet, er habe die falschen Bilder hinaus in die Welt gelassen, aber es lässt sich nicht mehr ändern. Und auf eine Menge Geld hat er auch verzichtet, wenn er so erfolgreich war wie Richter, und nur von  dem ist hier die Rede. Wer nicht erfolgreich ist, kann sich erst recht nicht aussuchen, was er malt, und muss verkaufen, was er loswird.

Und wenn der Künstler Abstand zu sich hat - wie ein richtigere Künstler haben sollte und wie er Richter anscheinend nicht fehlt -, dann hält er es sogar für denkbar, dass die Nachwelt ein besseres Geschmacksurteil hat als er selbst, und dann waren alle Skrupel überflüssig.

S. mit Kind, 1995