Dienstag, 4. August 2015

Darf man denn an Rembrandt mäkeln?




Ich bin kein Rembrandt-Vergötzer, das wissen Sie. Dass er mit seinen Porträts in fast unheimlicher Weise der Beste ist, habe ich auch gesagt und muss es nicht zurücknehmen. Und wenn der raue und zugleich intimistische (weil nicht auf das Publikum schielende) Zug des Spätwerks auch wirklich eine neue Note hineinbringt - ich mag auch von dem andern, das ich auch noch schrieb, immer nichts zurücknehmen:



"Damit es nicht übersehen oder als bloßer Coup de chapeau abgetan wird, diesmal gleich am Anfang: Unter der Porträtisten (denen, von denen ich was kenne) ist Rembrandt uneingeholte Spitze. Kein Sujet ist so einzig und untypisch wie ein Menschengesicht - und zwar durch alle 'Rollen' hindurch. Das muss der Maler gesehen haben, bevor er den Pinsel führt. Das ist Kunst. 



Berühmt ist Rembrandt aber als Hell-Dunkel-Maler, und das habe ich nie verstanden, und seit er immer wieder mit Caravaggio verglichen wird, schon gar nicht. Bei Caravaggio waren Licht und Schatten zu allererst ein Mittel zur naturalistischen Wendung gegen den gezierten Manierismus seiner Zeit. Seine Gegenstände - Menschen wie Dinge - waren nicht nur volkstümlich; sie gewannen durch Licht und Schatten Profil und Plastizität, sie wurden wieder lebendig und echt. Und das Licht erlaubte ihm, die von den Manieristen verschmähte Perspektive triumphal wiederherzustellen, und zwar nicht einfach durch Linien und Winkel, sondern indem er die Räume durch Licht und Schatten aufbaute: Sie konnten jetzt tief werden. Er hat die abendländische Malerei revolutioniert wie keine andere Einzelperson; für ein halbes Jahrhundert gab es nur noch Caravaggisten. 



Nichts davon bei Rembrandt. Bei ihm dienen Hell-Dunkel gerademal dem Bildaufbau.* Tiefe des Raumes? Ach, alles flach. Auch und gerade die Menschen sind flach! Was bei den Porträts nicht stört und nichteinmal auffällt, nimmt seinen szenischen Darstellungen alles Leben und - ja, das Wort muss gesagt werden - allen Ausdruck. Während die zeitgenössischen holländischen Landschaftsmaler die Linearperspektive durch Luft- und Farbperspektive ersetzten, um die Aufmerksamkeit von den Gegenständen abzuziehen und auf die ästhetische Gesamterscheinung zu lenken, verbannt Rembrandt die Perspektive gerade dort, wo sie immer hingehören wird - aus der Darstellung des wirklichen Lebens.

Ja ja, das ist sehr schematisch gesagt und man könnte es auch feinsinniger formulieren, aber dann würde es im allgemeinen Lobgesang untergehen."

aus Rembrandt

*) Und als optischer Effekt. 

Die allgemeine Rembrandt-Begeisterung habe ich nie verstanden; schon gar nicht, seit er stets mit Caravaggio verglichen wird. Der hat das chiaroscuro genutzt, um seinen Gegenständen plastische Gestalt und seinen Räumen Tiefe zu geben - und über allem als sein wichtigstes Mittel beim Bildaufbau eingesetzt. Er hat einen Stil daraus gemacht, der in ganz Europa blühte, nicht zuletzt im niederländischen Utrecht. Davon ist bei Rembrandt lediglich geblieben - die Rolle beim Bildaufbau. Seine Figuren sind meist so flächig wie bei seinen Zeitgenossen die Landschaften.


Ach so, ja - die Landschaften. Fast ist "holländische Malerei des Goldenen Zeitalters" synonym mit holländische Landschaftsmalerei. Aber dazu hat Rembrandt nichts Erwähnenswertes beigetragen.

   





Viel mehr gibts wohl gar nicht. Und vor allem: Es sind keine holländischen Landschaften. So wie etwa diese von Jacob van Ruisdael:


Haarlem with bleaching fields in the foreground, ca.1670 

Weit und flach, wie Holland eben, ein Raum entsteht nur durch das Licht, denn an Linien dominiert... die Horizontale. Eine Perspektive entsteht nur in der Luft, und über allem - der Himmel. Die holländischen Himmel, die holländische Beleuchtung! Was den eben in ihrem Unabhängigkeitskrieg befangenen Niederländern an gemeinsamer Geschichte fehlte, um ihren Patriotismus zu entflammen, musste ihnen ihre Landschaft ersetzen. Und indem so die Landschaftsmalerei zu einer nationalen Sache wurde, wurde sie zugleich - zu einer ehrenwerten Gattung, die die gesamte abendländische Kunst revolutionieren sollte.

Zarte Andeutungen davon finden sich auf Rembrandts Graphiken, aber die Linie ist eben nicht das geeignete Medium für die Landschaft, jedenfalls nicht für diese. Und wo er die Landschaft in Farbe gesetzt hat, findet sich nichts davon.  ...


*

Dieses geschrieben habend, beeile ich mich anzufügen, dass Rembrandt als Porträtist - vor allem als sein eigener und der von Titus - selbstverständlich der uneingeholte Meister ist.





Postscriptum: Auch andere Maler haben immer wieder und mit Hingabe sich selbst porträtiert, da steht Rembrandt nicht allein; aber aufmerksame Beobachter haben bemerkt, dass seine vielen Selbstporträts nicht, wie die von van Gogh, dem Ergründen einer zerrissenen Künstlerseele dienen, sondern Übungen in der Virtuosität des Ausdrucks sind: Übungen in dem, was an der Indiviualität des Porträts das Individuellste ist. - Man muss es nur einmal gehört haben, schon fällt's einem wie Schuppen von den Augen! 



1 Kommentar:

  1. Hallo,
    ich hätte gerne gewusst wo das letzte Rembrandt Bild ausgestellt ist beziehungsweise wie groß es ist?
    Für eine Antwort wäre ich sehr dankbar!
    Liebe Grüße

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