Dienstag, 14. Januar 2014

Künstlerhäuser.

aus NZZ, 14. 1. 2014                                                                                                             Außenansicht der Villa Stuck

Der Traum vom Gesamtkunstwerk
Künstlerhäuser zwischen Klassizismus und Moderne in einer Ausstellung der Villa Stuck in München

von Karin Leydecker

In einer attraktiven Ausstellung stellt die Villa Stuck in München einige der wichtigsten Künstlerhäuser vom Klassizismus bis zur Moderne vor. Dabei wird auch die Geschichte der Stuck-Villa reflektiert.

Das Wohnhaus des Künstlers ist ein Verräter: Es offenbart Sehnsüchte, verborgene Träume und künstlerisches Selbstverständnis. Als Spiegel der Aura des Künstlers ist es seit der Renaissance sichtbares Zeichen des Berufsstandes und der gesellschaftlichen Stellung. Eduard Hüttingers wegweisende Publikation «Künstlerhäuser von der Renaissance bis zur Gegenwart» (1985) eröffnete mit den Aspekten von Individualität und ganzheitlicher Gestaltung eine neue Kategorie der Betrachtung. Ein Idealbeispiel ist die spätklassizistische Villa Stuck in München, die sich nun, zum 150. Geburtstag des Malerfürsten Franz von Stuck frisch aufpoliert, als ein phantastisches Gesamtkunstwerk präsentiert. Sie stellt einen Höhepunkt unter den vielen Palästen von Künstlern des 19. Jahrhunderts dar. Denn in der Villa Stuck geht es nicht nur um Repräsentation und Selbstdarstellung. Sie vollendet auch das künstlerische Streben nach einer synästhetischen Vereinigung aller Künste. Für Franz von Stuck war dieser von ihm selbst entworfene Villenbau eine «Bild gewordene Architekturvision Böcklins», in der sich aus einer subjektivistisch erneuerten Antike die Vision einer zukünftigen Moderne ankündigte.

Empfangssalon der Villa Stuck in München

«Im Tempel des Ich»

Zum Jubiläum präsentiert die Villa Stuck in der mit Fotos, Skizzen, Möbeln und Gemälden reich bestückten Schau «Im Tempel des Ich» zwanzig weitere Künstlerhäuser aus Europa und Amerika, die zwischen 1800 und 1948 als «zweite Haut» ihrer Erbauer entstanden sind. Faszinierend für den Betrachter ist die Tatsache, dass Stucks Villa hier als Folie und zugleich grösstes Originalexponat dicht mit der Schau verwoben ist. Streng ausgeschieden hat die Kuratorin Margot Brandlhuber die Villen der Münchner Maler Franz von Lenbach und Friedrich August von Kaulbach, weil deren ästhetisches Programm nicht in das innovative Format des Gesamtkunstwerks passt. Diese Paläste entstanden nicht in freier, schöpferischer Interpretation, sondern wurden als glanzvolle Stildenkmäler der Vergangenheit beim damaligen Stararchitekten Gabriel von Seidl in Auftrag gegeben.

 Villa Khnopff

Der Rundgang durch den zum Museum umgestalteten Atelierbau und den Wohntrakt der Stuck-Villa beginnt mit dem poetischen Museumshaus des Architekten John Soane in London, das geradezu überbordende Eindrücke des Zusammenklangs von Architektur, Malerei und Skulptur eröffnet. Man sieht: Jedes Künstlerhaus entwickelt ein ganz eigenes ästhetisches Programm und ist zugleich ein unbewusst entstandenes Abbild seines Schöpfers. So errichtete beispielsweise der antikenbegeisterte Maler Lawrence Alma-Tadema als exotische Inspirationsquelle ein pompejanisches Villen-Ideal in London (1884), und der belgische Symbolist Fernand Khnopff generierte seine Villa in Brüssel (1900) als einen hermetischen, von Aphrodite gekrönten Kunstschrein.
 
Victor Hortas Wohn- und Atelierhaus in Brüssel

Zu den «gebauten Manifesten» gehören Victor Hortas ganzheitliche Jugendstilschöpfung in Brüssel (1899) und natürlich das vierzig Jahre zuvor von William Morris vollendete «Red House». Dies war das erste Künstlerhaus, das - als Absage an den herrschenden viktorianischen Geschmack - aus mittelalterlichem Formenrepertoire eine Gesellschaftsutopie entwickelte, die als Keimzelle der englischen «Arts and Crafts»-Bewegung das Kunstgewerbe revolutionieren sollte. Als demonstrative Geste der Distanz und der ästhetischen Negation errichtete Konstantin
Melnikow viel später, nämlich 1927, sein als Doppelzylinder konzipiertes Moskauer Wohn- und Atelierhaus, mit dem er den Bruch mit den architektonischen Traditionen inszenierte. Ein wunderschöner Eyecatcher ist der blaue Traumpalast (1931) in Marrakesch von Jacques Majorelle: Ihm gelang es, in der Synthese aus Tradition und Moderne einen paradiesischen Ort zu schaffen, wo künstlerisch gestalteter Raum und Leben im Einklang sind. Ideale Ergänzung dazu wären Ernst Ludwigs Kirchners Davoser Künstlerhäuser «In den Lärchen» und «Im Wildboden» gewesen, bei denen in der bäuerlichen Kargheit der Erscheinung eine sehr persönliche Verschmelzung von Leben und Kunst deutlich wird. Diese von Kirchner «umgeformten» Bauernhäuser fehlen leider in der Münchner Schau.

im Haus von Johann und Jutta Bossard

Architekturphantasien

Dafür gibt es einen reizvollen Abstecher zu Claude Monets Haus- und Gartenkunstwerk in Giverny und beängstigend überhöhte Architekturphantasien des Malers Giovanni Segantini. Er malte im Freien in der oft schwer zugänglichen Alpenlandschaft, wo er mit abenteuerlichen Verschlägen sich und seine Bildwerke vor der Witterung schützte. Wie die Münchner Ausstellung zeigt, träumte Segantini aber gar nicht davon, ein Atelier zu bauen. Sein Traum war viel grösser: Als er mit seinem Engadin-Panorama im Jahr 1900 zur Weltausstellung nach Paris eingeladen war, entwarf er als Ausstellungspavillon für sein Gemälde ein hölzernes Pantheon und für sich ein aus dem Belvedere-Turm bei Maloja entwickeltes Schloss. Dieser allumfassende «Tempel des Ich» blieb Papier. Glücklicherweise. Denn nur in der Utopie ist das «Bild des Grossen» auch das wahrhaft Schöne, wie es der Revolutionsarchitekt Etienne-Louis Boullée einst formulierte.

Bis 2. März 2014. Katalog: Im Tempel des Ich. Das Künstlerhaus als Gesamtkunstwerk 1800-1948. Hrsg. Margot Th. Brandlhuber und Michael Buhrs. Hatje-Cantz-Verlag, Ostfildern 2013. 376 S., € 48.-.

Segantinis Traumschloss am Malojapass im Engadin

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