Mittwoch, 10. September 2014

Das Bild zeigt mehr, als darauf zu sehen ist.


 
Rembrandt, Mutter liest in der Bibel                                                                                                                                  aus Rohentwurf

a) Das Mehr, das das Bild 'zeigt', heißt [bei B. Croce] Ausdruck; nämlich sofern das 'Bild' auf seinen 'überschießenden' Bedeutungsgehalt nicht 'verweist' wie ein Zeichen, das für ein Anderes einsteht; sondern "es stellt ihn selber dar". Er ist "auf unsichtbare Art sichtbar".* Aber nur so ist es überhaupt sichtbar, als "Rätsel". [Was auf verschiedene Weisen, d. h. wiederholbar dargestellt wurde, ist ipso facto bestimmt. Das ‚Zeichen’ ist darum ein solches, weil es mehrere Individuis be/zeichnen kann. Das ästhetische 'Bild' (welches "mehr zeigt") ist aber nicht ein Bild, sondern dieses Bild.] 

[Nota. Adolf Portmann formuliert in der Biologie einen Gegensatz von Ausdrucks- und Erhaltungsprinzip.]

b) Die sogenannte Ausdruckskunst steht dazu im Gegensatz. Dort ist das 'Gemeinte' tatsächlich ein anderes als das Bild, das für es einsteht, und könnte, wenn man wollte, auch in ein andern Medium "gezeigt" werden; welches Medium gewählt wird, ist willkürlich - und darum ist Ausdruckskunst Kitsch:** sie könnte auch unterbleiben, aber sie wurde bezweckt: Man merkt die Absicht und man ist verstimmt; die Ausdruckskunst drückt hauptsächlich die Absicht aus, Eindruck zu machen.

[Bei B. Croce ist 'Schönheit' der ("gelungene") 'Ausdruck' einer 'Intuition'... Sprache ist darum eo ipso "Kunst"; wenn auch in minderer oder größerer "Quantität"...]
 


* ) Mystik von gr. myein - mit geschlossenen Augen sehen. [Nachtrag 10.9.14)
**) in aller Regel; es sei denn, es kommt noch was hinzu, was unbezweckt "mit unterlaufen" ist und ihm darum eine authentisch ästhetische Qualität gibt. - Ob Kitsch oder nicht, ist darum "auch" eine Bildungsfrage, weil der ästhetisch Erfahrene eher merkt, ob ein Ausdrucksmittel willkürlich gewählt wurde - weil er es schon anderswo gesehen hat, oder weil er denselben 'Gehalt' schon in anderer Darstellung (womöglich in diskursiver) kennen gelernt hat. Was er als faulen Trick durchschaut, kommt dem ästhetisch Unerfahrenen authentisch vor. Der Autor wußte vielleicht selber nicht, daß es ein fauler Trick war. Das nennt man dann nicht Kitsch, sondern "naive Kunst". (Die industriell gefertigt "naive" Kunst aus Kroatien ist (war) darum Kitsch; denn sie tun's - taten's - ja, weil sie's wußten.) 

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