Samstag, 23. November 2013

Balthus im Metropolitan.

aus NZZ, 23. 11. 2013                                                                                                                    Thérèse rêvant

Der gelenkte Blick
«Cats and Girls. Paintings and Provocations» - Balthus im New Yorker Metropolitan Museum
 

Balthus' Bilder, in denen träumende kleine Mädchen auf der Schwelle zur Pubertät in anzüglichen erotischen Posen dar-, oder besser: ausgestellt werden, machen uns zu Komplizen des voyeuristischen Blicks.

von Andrea Köhler

Der charmanteste Teil der mit dem kitschverdächtigen Titel «Cats and Girls» versehenen Balthus-Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum stammt von dem elfjährigen Balthasar, der den Verlust seiner Katze in einer hinreissenden Bildergeschichte verarbeitet hat: In vierzig schwarz-weissen Tuschzeichnungen erzählt er von der vergeblichen Suche nach der geliebten «Mitsou». In ihrer freien rhythmischen Komposition und expressiven Lebendigkeit zeugen diese - hier erstmals gezeigten - Zeichnungen von dem enormen Talent des Knaben, einem Talent, das Rainer Maria Rilke, der eine Zeitlang der Geliebte von Balthus' Mutter war, zu seinem Mentor und Förderer werden liess. Rilke schrieb zu der 1921 als Buch erschienenen Bilderserie ein Vorwort. In Zeiten, in denen Katzenvideos der Hit des Internets sind, fragt man sich, warum bisher noch niemand auf die Idee kam, diesen bezaubernden Vorläufer wieder aufzulegen.

 Gitarrenstunde

Als Balthasar Klossowski, der damals auf Anraten Rilkes den Namen «Baltusz» auf den Buchumschlag schreiben liess, den Verlust seiner ersten Liebe in Bilder umsetzte, war er in dem Alter der jungen Mädchen, die später sein Hauptsujet werden sollten. «Cats and Girls» waren die Obsession des 2001 verstorbenen Malers, der sich in einem Selbstporträt als «Roi des chats» bezeichnete; das Bild, auf dem sich ein mächtiger Kater an die Hosenbeine eines melancholisch blickenden Dandys mit Löwenbändiger-Peitsche schmiegt, stammt aus dem Jahr 1935. Es hängt am Beginn der chronologisch gehängten Schau, die Bilder aus den ersten Jahrzehnten von Balthus' Karriere zeigt.

 Selbstporträt 1935

Aus der Zeit gefallen

Balthus wurde 1909 in Paris in einen deutsch-polnischen Künstlerhaushalt geboren und hat sich - nebst vielen anderen Manierismen - eine adlige Herkunft ersonnen, die er zuletzt in seinem Grand Chalet in Rossinière ziemlich exzentrisch ausagierte. «Le Comte de Rola», wie er sich nannte, war ein Autodidakt, der seine frappante Kunstfertigkeit beim Kopieren alter Meister gelernt hatte - allem voran der Fresken Piero de la Francescas. Gustave Courbet war der andere grosse Maler, an dem Balthus seinen «zeitlosen Realismus» schulte - eine Formulierung, mit der der dezidierte Antimodernist, den mit herausragenden Vertretern der Moderne wie Picasso oder Matisse eine enge Freundschaft verband, seinen aus der Zeit gefallenen, altmeisterlichen Stil zu bezeichnen liebte. 


Balthus malte Bühnenbilder für Albert Camus, exquisite Porträts, Landschaften und Illustrationen, doch das Hauptsujet seiner Gemälde war die erotische Anziehungskraft der frühen Adoleszenz.

«Paintings and Provocations» - der nachgeschobene Zusatz im Titel soll wohl als Warnung gelten; eine Vorsichtsmassnahme, die, wie die Balthus-Spezialistin und Kuratorin der Ausstellung Sabine Rewald in einem begleitenden Vortrag anmerkte, von der besorgten Museumsleitung erzwungen wurde; man hatte Angst, der niedliche Titel allein könnte Grosseltern mit ihren Enkeln anlocken. 

 Mitsou, 1919 

Der Wandtext bereitet uns darauf vor, dass «einige Bilder auf manche Betrachter erotisch suggestiv wirken mögen». Das ist, mit Verlaub, stark untertrieben. Und es ist bezeichnend für den Eiertanz, der diese Retrospektive in Zeiten von Missbrauchsskandalen begleitet. Balthus' Mädchenbilder sind keineswegs so subtil, wie diese Beschreibung behauptet - und schon gar nicht so «rein», wie der Maler, die vermeintlich schmutzige Phantasie der Betrachter anklagend, gerne behauptete. Um es klar zu sagen: Diese Gemälde von sich räkelnden Nymphen, die sich im intimen Setting eines Wohn- oder Schlafzimmers scheinbar unbeobachtet wähnen, lenken den Blick direkt zwischen deren Beine.

 

Man hat die träumerische Versunkenheit der jungen Modelle auf diesen Bildern gerne als deren Unantastbarkeit interpretiert. Weil sie sich um den Betrachter - und das Betrachtetwerden - nicht im Geringsten zu kümmern scheinen, geht ihnen alles Gefällige, Unterwürfige ab. Sie wirken abwesend, gelangweilt oder auch trotzig, sie lächeln nicht und sind sich doch ihrer Wirkung bewusst. Diese zwischen Langeweile, Unglück und Rebellion schwankende Disposition auf der Schwelle zur Pubertät wird besonders sichtbar in den berühmten Porträts von Thérèse Blanchard, dem ersten Kinder-Modell, das Balthus in seiner Pariser Zeit zu malen begann. Die zwischen 1936 und 1939 entstandenen, psychologisch komplexen Studien, die die eigenwillige Thérèse im Alter von 11 bis 14 Jahren darstellen, sind die stärksten Bilder in dieser Schau; die grundstürzende, schmerzhafte Ambivalenz des Erwachsenwerdens ist in ihnen präsent. Und doch, allen träumerischen Distanzen und somnambulen Arrangements zum Trotz, lauert in Balthus' hermetischen Kammerspielen eine potenzielle Gewalt.

The Cat of La Méditerranée, 1949

In dem - für ein Fischrestaurant entstandenen - Gemälde «The Cat of La Méditerranée» hat Balthus sich selbst als einen gefrässigen, teuflisch grinsenden Kater gemalt, dem die Fische wie gebratene Tauben ins Maul fliegen; ein barbrüstiges Mädchen schaukelt verloren in einem Boot auf stürmischer See. Es ist ein scheussliches Bild und ein deutlicher Kommentar zu dem erotischen Paarlauf von Katze und Kind. In einigen Bildern von Mädchen und Katzen hat Balthus die Katze später entfernt. Man denkt unwillkürlich an Vermeers im Bildersaal nebenan hängende «Maid Asleep», deren liebliche Rötung der Wangen das erotische Gastspiel erahnen lässt, das Vermeer, wie die Bildlegende erklärt, später übermalte. Wie Vermeer die Intimität durch die Entfernung des Mannes erhöhte, so hat auch Balthus die sexuelle Wirkung der Mädchenporträts durch die Eliminierung der Katze deutlich verschärft. Allein, Vermeers Blick auf die schlummernde junge Frau ist von grosser Zärtlichkeit, der von Balthus inspizierend und ambivalent.

Thérèse auf der Sitzbank, 1939.

Es ist interessant, wie die Verteidiger der «Unschuld» von Balthus' Mädchenporträts - darin dem Maler selbst folgend - um die explizite Erotik dieser Bilder herumreden. Unter anderem ist gerne von der «blütenweissen Wäsche» der Mädchen die Rede, als sei diese eine Garantie moralischer Sauberkeit. Man muss ja nur genau hinschauen: In dem Bild «Thérèse rêvant» [s. Kopfbild] hat Balthus auf dem weissen Höschen zwischen den Beinen des Mädchens einen rosa Akzent gesetzt, als hätte er die sich unter dem Stoff abzeichnenden Schamlippen betont (oder die Kleine gerade ihre erste Periode bekommen). Es sind solche Details, die Balthus' Bilder faszinierend und anstössig machen. So oder so aber fällt der voyeuristische Blick auf uns selbst zurück: Balthus macht uns zu Komplizen der Indiskretion.

Thérèse, 1938

Girls and Polaroids

Die heikle Natur dieser Porträts und ihrer Entstehung kann man übrigens in der Gagosian Gallery an der Madison Avenue in Augenschein nehmen, wo derzeit an die hundert Polaroids ausgestellt sind, die Balthus in den neunziger Jahren von der Tochter seines Arztes, Anna Wahli, gemacht hat. Anna kam erstmals mit acht Jahren in die Gemächer des Grand Chalet und liess sich dort acht Jahre lang jeden Mittwoch zeichnen und fotografieren; die Polaroids, die hier erstmals zu sehen sind, sollten als Studien für Balthus' Gemälde dienen. An der Wand hängt ein Bericht des Modells, in dem es erzählt, wie der Greis, auf seinen Stock gestützt, immer wieder aufstand, um die lasziven Posen des teilweise nahezu nackten Mädchens selber zu arrangieren - die ständige Wiederholung dieser Aktionen damit rechtfertigend, dass er mit der Technik des Apparats nicht zurechtkam.

Polaroid von Balthus

Die Bilder, von denen einige auf die Website des «New Yorker» gestellt wurden, haben, wie man hört, in der Redaktion einen Proteststurm entfacht und wurden schnellstens wieder entfernt. Allein, mit Empörung kommt man Balthus' Gemälden zumindest nicht bei. Der Grund dafür mag in der ambivalenten Rolle des Malers zu suchen sein, in seiner doppelten Identifikation mit dem Gegenstand seiner Betrachtung und dem kompositorisch perfekt inszenierten Blick. Balthus malt keine Opfer, er taxiert die Beute. Wie kurz der Schritt vom einen zum andern sein kann, zeigt das Bild «La Victime», auf dem der makellose Körper eines jungen Mädchens nackt auf einem Leintuch ausgestreckt liegt, dem Blick des Betrachters wehrlos ausgesetzt; nur der bläuliche Schatten der Haut und der Titel des Bildes weisen auf ein Vergehen hin. Wenn es denn stimmt, dass der König der Katzen sich an seiner Beute niemals vergriffen hat, so hat er zumindest genüsslich mit ihr gespielt.

Bis 12. Januar 2014. Der Katalog kostet 45 Dollar.


Nota.

Natürlich sind die aufreizenden jungen Mädchen das Auffälligste an Balthus' Malerei, wer wollte das bestreiten. Aber eigentlich ähneln sie sich alle ein bisschen. Und jedenfalls ist der Maler selber am Sujet mehr interessiert als am Ästhetischen. Aber man muss ihm nicht den Gefallen tun und sich von seiner Vorliebe vereinnahmen lassen. Er hat auch anderes gemalt, das thematisch weniger ins Auge springt, aber künstlerisch vielleicht mehr:




 JE

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